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Bamberg
Corona

Der erste Coronafall im Bamberger Ankerzentrum

Das positive Testergebnis einer Bewohnerin des Ankerzentrums wirft die Frage auf, welche Vorkehrungen in der Massenunterkunft gegen Infektionsfälle getroffen werden
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Eine Bewohnerin der AEO hat sich mit dem neuartigen Corona-Virus angesteckt. Sie wurde isoliert.  Foto: Ronald Rinklef
Eine Bewohnerin der AEO hat sich mit dem neuartigen Corona-Virus angesteckt. Sie wurde isoliert. Foto: Ronald Rinklef
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Anfang der Woche weckte eine Nachricht aus dem unterfränkischen Geldersheim auch in Bamberg schlimme Befürchtungen. Im Nachbarbezirk war die gesamte Aufnahmeeinrichtung mit über 600 Bewohnern nach dem positiven Testergebnis von sieben Bewohnern vom Gesundheitsamt unter Quarantäne gestellt worden.

Droht ein solches Szenario nun auch in Bamberg? Nur kurz nach der Abriegelung der Geldersheimer Massenunterkunft hat die Regierung von Oberfranken am Mittwoch auch in Bamberg den ersten Infektionsfall bestätigt. Eine junge Frau aus Schwarzafrika wurde in der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken (AEO) positiv getestet.

Doch noch gibt es keinen Grund zur Besorgnis. In der größten Stadt Oberfrankens leben zur Zeit 1244 Flüchtlinge verteilt auf über 20 Wohnblocks - neben gut 300 Behördenmitarbeitern und Security-Kräften. Anders als in Geldersheim, wo die Tore seit diesem Wochenende verschlossen sind, dürfen die Bamberger Flüchtlinge die Einrichtung weiter verlassen, um einzukaufen und spazieren zu gehen. Auch für sie gelten die gleichen gesetzlichen Vorgaben wie für alle, unter anderem für den Mindestabstand.

Drei Kontaktpersonen

Grund für die zurückhaltende Regelung in der Bamberger AEO: Die betroffene Frau war ein so genannter Neuzugang. Sie hatte nur mit drei Personen einen laut Regierung "relevanten Kontakt". Die Frau wurde nun zusammen mit diesen Personen in einem Quarantänebereich untergebracht und von den anderen Bewohnern getrennt. "Sie wird dort mit Lebensmitteln und anderen notwendigen Dingen versorgt", teilt Alexa Buckler, Sprecherin der Regierung von Oberfranken, mit. Es bestehe enger Austausch mit den zuständigen Gesundheitsbehörden. Die infizierte Person zeige keine Symptome. Sie soll nach dem Ablauf von 14 Tagen erneut auf Corona getestet werden.

Das Vorkommnis wirft Fragen auf: Wie geht man in dem Flüchtlingslager mit dem gewachsenen Infektionsrisiko um? Was passiert in den Unterkünften, was in der Kantine? Noch vor wenigen Tagen hatte Landtagsabgeordnete Ursula Sowa (Grüne) von "gefährlichen Missständen in der Massenunterkunft am Stadtrand" gesprochen. "Wie will man die Abstandsregeln und umfassenden Hygienemaßnahmen überhaupt umsetzen?" fragte Sowa. Ihre Forderung: "Das System Massenunterkünfte muss umgehend abgeschafft werden."

Glaubt man den Behörden, dann sind diese Ängste unbegründet. Wie es seitens der Regierung heißt, wurde Anfang März ein Maßnahmenpaket umgesetzt. Dazu gehört laut Buckler, dass alle Neuzugänge rückwirkend bis Januar systematisch getestet werden. Mittlerweile seien auf diese Weise 178 Bewohner überprüft worden. Bis auf einen Test verliefen alle negativ, das heißt die Getesteten waren gesund. Bis zum Vorliegen der Testergebnisse werden die Neuankömmlinge zudem in einem überwachten Transitbereich untergebracht, der überwacht werde und nicht verlassen werden dürfe.

Kommt es bei den Essensausgaben für 1244 Menschen zu Gedränge? Auch hier könnten sich Menschen anstecken, fürchten Flüchtlingshelfer wie Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Mit dem Betrieb einer Mensa verstoße der Freistaat zudem gegen seine eigene Verordnung.

Dennoch wird einiges getan, um Menschenansammlungen in der AEO klein zu halten: So wurde die Anzahl der Sitzplätze in der Mensa von 1000 auf 300 reduziert, und das Bistro wurde geschlossen; gleichzeitig wurden die Öffnungszeiten verlängert und ein Mitnahme-Schalter eingerichtet.

Auch bei der Frage der umstrittenen Unterbringung zeitigt die Corona-Krise offenbar positive Auswirkungen. Nach Informationen von Daniela Reinfelder vom Ombudsteam der Stadt wurde die Belegung auf sechs Personen pro Wohnung begrenzt, um die Ansteckungsrisiken zu minimieren. Alle Häuser seien derzeit belegt. "Aus meiner Sicht haben die Behörden sehr viel getan, um der Ansteckungsgefahr vorzubeugen. Die Bewohner können sich immer noch frei bewegen. Das ist alles vorbildlich."

Alle Spielplätze sind dicht

Geschlossen sind seit kurzem alle Bolz- und die Spielplätze der früheren US-Garnison. Auch der Zugang von Beschäftigten der Wohlfahrtsverbände und Ehrenamtlichen wurde stark eingeschränkt. Für die grüne Landtagsabgeordnete Ursula Sowa entsteht so eine prekäre Situation: "Was machen denn Kinder in einer solchen Einrichtung ohne richtige Wohnung, die nicht einmal mehr Spielplätze benutzen dürfen?"

Und es geht nicht nur um die psychologische Seite. Alexander Thal vom Flüchtlingsrat kritisiert, dass die Ansteckungsgefahr selbst bei entzerrter Unterbringung deutlich höher liege als etwa in einer deutschen Familie, da stets mit externer Zubelegung in einem Mehrbettzimmer zu rechnen sei. Die Menschen könnten sich einfach nicht aus dem Wege gehen und hätten auch mit Sicherheitskräften engen Kontakt. Thal hofft nicht, dass es zu einem Szenario wie in Geldersheim kommt: "Wenn es einmal drin ist, dann ist es nicht mehr zu stoppen."

Kommentar des Autors:

Die Gefahr der Masse

Knapp 180 Personen wurden in der AEO bereits getestet, das sind mehr als zehn Prozent aller Bewohner.

So wird sichergestellt, dass Neuzugänge keine Infektionen in die Unterkunft einschleusen können.

Aber nicht nur an der Schranke, auch im Ankerzentrum passiert jetzt vieles, was Flüchtlingshelfer lange Zeit vergeblich gefordert hatten: Entzerrung in den Unterkünften, eine Entschleunigung im Kantinenbetrieb.

Die Entschlossenheit, mit der der Freistaat binnen weniger Tage umgesteuert hat, ist alternativlos.

Das System der massenhaften Unterbringung von Flüchtlingen ist seit vielen Jahren heftig umstritten. Es mag technokratische Vorteile haben, wenn man das Asylverfahren für Flüchtlinge an einem Ort konzentriert.

In einer Krise wie der jetzigen haben Ankerzentren eine entscheidende Schwäche: Große Menschenansammlungen auf begrenzter Fläche sind das beste Einfallstor für das Virus.