Bamberg
Abgasproblematik

Der Diesel- Nachrüster ist bereit

Das System des Bambergers Martin Pley für weniger Stickoxidausstoß bei Euro-5-Autos könnte als erstes in Deutschland vom Kraftfahrtbundesamt zugelassen werden. Die Genehmigung soll in diesen Tagen kommen.
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Martin Pley in seiner Werkstatt Foto: Ronald Rinklef
Martin Pley in seiner Werkstatt Foto: Ronald Rinklef
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Martin Pley ist ein geduldiger Mensch. Das muss er auch sein in seinem Job. Schon vor einem Jahr hatte der Bamberger Unternehmer eine Hardware-Lösung für Dieselmotoren präsentiert, die den Stickoxid-Ausstoß entscheidend senkte und sogar die Tester des ADAC überzeugte.

Doch die Experten des ADAC waren nicht ausschlaggebend. Um seine Entwicklung anbieten zu können, benötigte Pley eine Zulassung für die Straße. Und die konnte nur das Kraftfahrtbundesamt (KBA) erteilen. Dem Entwickler war klar: Bevor das KBA nicht eine Zertifizierungsrichtlinie für Nachrüstungen erlässt, geht gar nichts.

Es wird teurer

Kurz vor Weihnachten war es dann endlich so weit. Das Amt legte die "Bekanntmachung der Technischen Anforderungen an Stickoxid (NOx)-Minderungssysteme" vor. 13 Seiten. Veröffentlicht Anfang des Jahres im Bundesanzeiger. "Seit Januar wissen wir, was die Systeme können müssen", sagt Pley. "Wir mussten unser System noch einmal nacharbeiten."

1250 Euro je Nachrüstung für einen Mittelklassewagen hatte Pley noch vor einem Jahr veranschlagt. "Das ist wegen der neuen Anforderungen deutlich teurer geworden", erklärt der 42-Jährige. Der Katalysator musste weiterentwickelt werden und ein ganz anderes Steuergerät war nötig geworden. Eine Nachrüstung kommt bei Pley nun auf 3000 Euro. Dazu gibt es die vom KBA geforderte Garantie, dass das System mindestens 100 000 Kilometer oder fünf Jahre funktioniert.

Konzepte an einer Hand abzählbar

"In Europa gibt es drei Unternehmen, die so ein vom Kraftfahrtbundesamt gefordertes System auf die Beine stellen können", sagt Pley. "Wir sind eines davon."

Mit wir meint der Bamberger Unternehmer sich und seine zwei Mitarbeiter. Vor rund zehn Jahren ist Pley, der Diplom-Chemiker, der in Köln und Colorado (USA) promoviert hat, in den Raum Bamberg gekommen. Grund dafür war ein Job beim Redwitzer Katalysator-Spezialisten Argillon, heute Johnson Matthey (Landkreis Lichtenfels). 2010 gründete Pley seine erste Firma - und versuchte sich an Abgassystemen für Kaminöfen.

Unter anderem mit solchen Erfahrungen wagte sich der Chemiker vor rund drei Jahren an die Entwicklung einer Nachrüstungslösung für Dieselautos. Er erreichte die Einhaltung der Emissionsgrenzwerte durch eine Abgas-Reinigungsanlage mit der sogenannten Selective Catalytic Reduction (SCR)-Technologie. Dabei bringt die Firma Dr Pley einen zusätzlichen Katalysator am Auto an, in den eine wässrige Harnstofflösung (Markenname: AdBlue) eingespritzt wird. Durch eine thermische Reaktion wird AdBlue in Ammoniak zersetzt, das im SCR-Kat mit den Stickoxiden reagiert und diese in die harmlosen Bestandteile Wasser und Stickstoff umwandelt.

Schon ab 120 Grad Abgastemperatur

Eine Technik, die nicht neu ist. Pley hat sie nur entscheidend weiterentwickelt. So schafft er es zum Beispiel, das SCR-System betriebssicher schon ab einer Abgastemperatur von 120 Grad zu betreiben.

Unvollständige Anträge?

Eigentlich könnte es jetzt losgehen. "Wir haben alle Anforderungen der Nachrüstrichtlinie erfüllt", sagt Pley. Der vom KBA benannte und zuständige technische Dienst habe vor einigen Tagen seinen Antrag eingereicht. "Das sollte bis zum 15. Mai entschieden sein", meint Pley. "Wenn nicht wieder etwas in den Behörden verzögert wird. Wir rechnen inzwischen mit allem."

Seine Geduld könnte der Bamberger Unternehmer in den nächsten Wochen wieder dringend brauchen. "Dem KBA liegen vier unvollständige Anträge für NOx-Minderungssysteme zur Nachrüstung von Pkw vor", teilte gestern ein Sprecher des KBA auf unsere Nachfrage hin mit. Unvollständig? Was das bedeutet bzw. welche genehmigungsrelevante Voraussetzung noch fehlt, wird daraus nicht klar. Dieselbe Mitteilung von vier unvollständigen Anträgen deutscher Nachrüster hatte die Deutsche Presseagentur schon vor drei Wochen vermeldet und damals das Verkehrsministerium als Quelle benannt.

Starker Fertigungspartner aus Belgien

Pley hat die viele Zeit, die schon verstrichen ist, genutzt, um sich einen großen Fertigungspartner ins Boot zu holen. Sollte er demnächst grünes Licht vom KBA bekommen - die Chancen stehen gut, dass er einer der ersten in Deutschland ist -, tritt er nur noch als Lizenzgeber in Erscheinung. Die Fertigung übernimmt dann der belgische Autozulieferer Bosal. "Die könnten pro Jahr 500 000 Nachrüstsysteme in ihren Werken weltweit fertigen", berichtet Pley. Vor Ort in Bamberg eine neue Fertigung kurzfristig aufzubauen, diese Millioneninvestition wäre laut Pley zu teuer gekommen.

Kritik von Autoherstellern wie Volkswagen, so ein System greife in die Fahrzeugsteuerung ein und sorge für höheren Verbrauch, lässt Pley inzwischen kalt. Ersteres sei falsch, weil er eigene Steuergeräte verwende. Und beim Verbrauch seien maximal sechs Prozent Erhöhung laut Richtlinie erlaubt. "Mit dem Gasfuß kann ich mehr beeinflussen", sagt Pley. "Das sind verzweifelte Versuche, die Hardwarenachrüstung noch madig zu reden." Nicht jeder agiert so wie VW. Vom Volvo-Händlerverband hat Pley jetzt schon den Auftrag für Nachrüstungen. Wenn, ja wenn das KBA endlich in die Gänge kommt.

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