Bamberg
Tradition

Der Bamberger Bierkellerknigge

Was ist der Unterschied zwischen Biergarten und Bierkeller? Darf man die Brotzeit selber mitbringen? Muss man seinem Gegenüber beim Anstoßen in die Augen schauen? Darf man betrunken einschlafen? Antworten auf wichtige Fragen.
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Anstoßen ist wichtig und fördert die Geselligkeit. Jung und Alt an einem Tisch vereint, so wie hier auf dem Wagner-Keller in Kemmern soll es sein.  Foto: Sebastian Schanz
Anstoßen ist wichtig und fördert die Geselligkeit. Jung und Alt an einem Tisch vereint, so wie hier auf dem Wagner-Keller in Kemmern soll es sein. Foto: Sebastian Schanz
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Diesen Satz darf sich jeder Genießer auf der Zunge zergehen lassen: "Mit rund 70 kleinen Privatbrauereien hat das Bamberger Land die höchste Brauereidichte der Welt zu bieten", wirbt das Tourismusbüro am Landratsamt Bamberg und zählt in einer Broschüre über 100 Biergärten und Keller auf. Von Abtsdorf und Ampferbach bis Zückshut und Zapfendorf: Wer überall ein Seidla trinken möchte, der hat sich ganz schön was vorgenommen. Damit er dabei nicht negativ auffällt, hier die wichtigsten ungeschriebenen Regeln für den zünftigen Kellerbesuch: der Bierkellerknigge für das Bamberger Land.

Darf man seine Brotzeit selber mitbringen?

In Bierkellern traditionell ja, in Biergärten: naja. "Die Keller waren ja früher zum Lagern des Bieres von der Brauerei ausgelagert", erklärt Brauer Heiner Hölzlein aus Lohndorf. "Wer auf dem Keller etwas essen wollte, musste also seine Brotzeit selber mitbringen." Andernfalls hätte er sich nur noch mit dem Sprichwort behelfen können, dass sieben Bier auch ein Schnitzel sind.

Und im Biergarten gleich neben der Brauerei? "Wenn einer sein Brotzeitdösla auspackt, werd ich auch nix sagen", meint Brauer Ralf Schmitt in seinem Sonnenbräu-Biergarten in Mürsbach. Döner oder Pizza haben hier nichts verloren.

Haben Gäste ein Anrecht auf einen Zweiertisch?

Natürlich nicht. "Ihr müsst Euch zamhöcken. Das dient der Geselligkeit", sagt Johannes Grasser aus Huppendorf zu seinen Gästen. Denn in der Bayerischen Biergartenverordnung heißt es: "Biergärten erfüllen wichtige soziale und kommunikative Funktionen, weil sie seit jeher beliebter Treffpunkt breiter Schichten der Bevölkerung sind und ein ungezwungenes, soziale Unterschiede überwindendes Miteinander ermöglichen."

Wichtig dabei: Im Biergarten duzt man sich. Akademische Titel zählen hier genauso wenig wie blaues Blut. Schmarren mit wildfremden Personen gehört dazu. Nicht wundern: Profis beherrschen das stundenlang.

Wie oft sollte ich anstoßen?

Bis der Bizeps schmerzt. Anstoßen dient nämlich ebenfalls der Geselligkeit. Im Zweifelsfall also lieber einmal zu viel als zu wenig prosten. Wichtig dabei: dem Gegenüber in die Augen schauen. Einer Redensart nach droht sonst zehn Jahre schlechter Sex. Manchem Zeitgenossen scheint man beim Anstoßen anzusehen, dass er sich gerade an die Regel erinnert und den Blick verkrampft. Dagegen hilft: häufiges Anstoßen. Christian Fiedler, der Autor des Buches "Bamberger Bier", hält die Regel auf dem Bierkeller aber für überbewertet: "Nach fünf Seidla schaffen viele das eh nicht mehr."

"Ein kleiner, gespritzter, alkoholfreier Russ"

Mit der Toleranz ist es so eine Sache. Das merkt man, wenn man die Gesichtsausdrücke der Wirte beobachtet, wenn jemand einen "gespritzten, alkoholfreien Russen" bestellt. "In klein." (Es handelt sich um alkoholfreies Weizen mit Zitronenlimonade). Interessant wäre die Frage, ob das im Falle einer Handgreiflichkeit vor Gericht als bewusste Provokation ausgelegt werden könnte. "Ich finde, man sollte schon unterscheiden, ob ich beim Bolero im Garten sitze, oder auf dem Spezi-Keller", sagt Christian Fiedler zu der konfliktgeladenen Thematik. Kleine Getränke sollten den Preußen vorbehalten bleiben. Die Ausnahme: "Des Großmüdderla gricht von mir auch a glans Krügla", meint Hölzlein ganz kulant.

Wer drängelt, outet sich, dass er nichts verstanden hat

Hektik ist auf dem Keller so unpassend, wie ein Bierpfurz im Aufzug oder eine Bratwurst mit Ketchup. "Einfach den Abend genießen und den Stress in der Arbeit lassen", rät Besucherin Helga Freibott.

Drängler in der Schlange sind genauso schlimm wie motzende Gäste, die auf eine Bedienung warten. "Wenn einer das Nörgeln anfängt, dann steckt das die anderen an", berichtet der Huppendorfer Brauer Grasser. "Die Fast-Food-Generation ist das so gewohnt, dass es innerhalb von fünf Minuten Essen gibt." Gegen Stress in der Schlange helfen Maßkrüge und - man ahnt es schon - häufiges Anstoßen. Wer Bier verschüttet, muss den Krug auf einen Zug leer trinken.

Schlechter Empfang als Qualitätsmerkmal

"Manche jungen Rentner benehmen sich noch döller als die Teenys, wenn sie mit den Handys rumspielen", meint Johannes Grasser zum Thema Smartphones. "In einen Biergarten gehört das nicht." Grasser hat einen Trumpf im Ärmel - wie sein Kollege in Lohndorf: "Wir haben einen ganz schlechten Empfang. Und das ist auch gut so."

Kinder sind die Biertrinker von morgen.

Biergärten sind ein Treffpunkt für alle Generationen. Viele Wirte haben extra einen Spielplatz - immerhin lernt der Nachwuchs, indem er erwachsenen Vorbildern nacheifert. Ein Grund mehr für die Großen, sich anständig aufzuführen. Übrigens: Schon Einjährige haben einen Riesenspaß, wenn sie mit ihrem Trinkfläschchen mit anstoßen dürfen.

"Oft ist das Haustier der Herr über das Herrchen."

Hunde sind in Biergärten und Kellern nicht immer erlaubt. "Ich habe kein Problem, wenn die Hunde erzogen sind", sagt Grasser dazu. "Aber mittlerweile ist das Haustier oft Herr über das Herrchen." Spätestens wenn die Tiere ihre eigenen Gespräche über mehrere Tische hinweg führen, sollten die menschlichen Begleiter ein Machtwort sprechen, sagt der Brauer.

Darf man betrunken am Tisch einschlafen?

Schlafende verhalten sich bekanntlich eher ruhig. Ein Nickerchen ist gesund - und bei den Wirten deutlich lieber gesehen, als grölende oder pöbelnde Betrunkene. "Junggesellenabschiede sind für mich ein rotes Tuch", sagt Grasser. "Wenn sie früh kommen, führen sie sich meistens noch gut auf. Aber wenn sie um Viere oder Fünfe eindonnern. Au weh!" Ähnlich sieht es sein Kollege Hölzlein. Er berichtet von Männern, die mitten in seinen Hof gespien und/oder uriniert hätten. Als noch schlimmere Respektlosigkeit wertet es der Brauer aber, wenn jemand ein Fremdbier mitbringt und in seinem Keller trinkt. "Ich sag immer: Du bringst daheim ja auch nicht deine Freundin mit zu Deiner Frau."

Der Schnitt wird bezahlt, die Trampelmaß ist eine Ehre

Vor dem Gehen meldet sich plötzlich erneut der Durst? Dafür gibt es Abhilfe. "Der Schnitt muss bezahlt werden, die Trampelmaß zahle ich", erklärt Schmitt. Was eine Trampelmaß ist? Der Alptraum jedes Fahrers! Denn während er schon mit den Füßen trampelt und alle zum Heimgehen animiert, stellt der Wirt überraschend eine Gratismaß auf den Tisch. "Wenn ein Haufen zammsitzt, obliegt es dem Hausherren, das auszuschenken", stellt Hölzlein klar.

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