Er habe den Kindern nie Vorgaben gemacht, wie sie sich hinlegen oder posieren sollen. Er habe sich auch nichts Schlimmes dabei gedacht, als er die Fotos von den unbekleideten Buben gemacht habe. Die Aufnahmen hätten ihm für seine künstlerische Arbeit gedient. Dass er sich damit strafbar machen würde, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. So ließ sich ein heute 72-jähriger Mann ein, der sich seit Dienstag vor der Zweiten Strafkammer des Landgerichts Bamberg wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in 45 Fällen verantworten muss.

In seinem Besitz haben Ermittler im Sommer 2011 mehrere CDs mit Fotos von zwei heute 13 und 11 Jahre alten Brüdern aus Erlangen gefunden. Die Kinder haben sich häufig in der Wohnung des Rentners aufgehalten. Er wohnt in der Fränkischen Schweiz. Der ältere der beiden Jungen verbrachte zwischen Frühjahr 2008 und August 2011 ganze Wochenenden bei und mit dem früheren Ingenieur. Das streitet der Angeklagte gar nicht ab. Er sagt, er habe sich gern um den Jungen gekümmert, als Rentner habe er plötzlich auch viel Zeit gehabt: "All das, was ich mit meinen Kindern nicht gemacht habe, wollte ich mit ihm machen."


Angeklagter will von Behinderung nichts gewusst haben



Er habe dem Kind zum Beispiel das Löten beigebracht, den Holz- und Linolschnitt, ihm bei den Schularbeiten geholfen. Kurzum, er habe sich als eine Art Mentor für den Jungen verstanden. Dass der 13-Jährige zu 50 Prozent schwerbehindert ist, war dem Angeklagten angeblich nicht bekannt: Er leidet laut Anklageschrift unter dem so genannten Asperger-Syndrom, einer Störung, die zum Formenkreis des Autismus' zählt.

Dass er den Tatbestand des sexuellen Missbrauchs von Kindern erfüllt haben könnte, indem er den Jungen mit erigiertem Glied und in anderen eindeutigen Posen fotografiert hat, will dem studierten Chemiker nicht klar gewesen sei. Das habe er erst bei der Polizei und von seinem Verteidiger erfahren. Wenn er die Fotos ohne Hintergedanken gemacht hätte: "Wäre es nicht das Mindeste gewesen, dass Sie die Eltern einmal gefragt hätten?" hielt ihm der Vorsitzende Richter, Manfred Schmidt, vor. Antwort: "Das war einer meiner Fehler."


Weitschweifige Erklärungen



Der Vorsitzende Richter musste den Angeklagten wiederholt bremsen, so weit holte dieser aus, um sein Leben und seine künstlerischen Ambitionen darzulegen, die ihn nun zum ersten Mal in 72 Jahren mit dem Gesetz in Konflikt gebracht haben. Erst nach einer Unterbrechung und einer Unterredung mit seinem Verteidiger wurde der Ingenieur stiller. Er ließ dann von seinem Verteidiger auch einräumen, dass es - wie angeklagt - mindestens 40 Gelegenheiten gegeben hat, in denen sich der Junge nackt oder nur wenig bekleidet in seinem Schlafzimmer aufhielt und er ihn unsittlich berührte.

Nichts wissen will der Angeklagte von einer einschlägigen Videokassette, die die Polizei bei einer Wohnungsdurchsuchung in einem Tresor gefunden hat. Auf dem Film wird der sexuelle Missbrauch von Kindern gezeigt. Der 72-Jährige hielt dagegen: "Ich hätte doch mehr davon, wenn ich so ein schlimmer Mensch wäre."

Der Mann, der in Schlesien geboren, in Sachsen aufgewachsen und 1961 in den Westen geflüchtet ist, hat bisher ein tadelloses Leben geführt. In Franken landete er durch eine Anstellung in Erlangen. Seine Ehe wurde nach 35 Jahren geschieden, seine Ex-Frau ist bereits tot. Eine feste Beziehung sei er nie mehr eingegangen, auch aus Enttäuschung. Er hat zwei erwachsene Kinder und vier Enkel. Der Prozess wird fortgesetzt.