Bamberg
Strafprozess

Den Bogen weit überspannt

Mit einer Bewährungsstrafe kommt eine Frau davon, die ihren Ehemann fälschlicherweise bezichtigt hatte, sie mit Schlägern einschüchtern zu wollen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Mit sechs Monaten Freiheitsstrafe zur Bewährung fiel die Strafe für die Angeklagte einigermaßen milde aus. Foto: Rinald Rinklef
Mit sechs Monaten Freiheitsstrafe zur Bewährung fiel die Strafe für die Angeklagte einigermaßen milde aus. Foto: Rinald Rinklef

Ein unwilliger Zeuge, der fast festgenommen wurde, ein Chat, in dem die wichtigsten Stellen gelöscht waren, und ein hellhöriges Haus, in dem niemand zwei Schlägertypen bei der "Arbeit" gehört hatte. Manchmal treiben Rosenkriege zweier ehemaliger Eheleute skurrile Blüten. Wie an diesem Vormittag vor dem Amtsgericht Bamberg, als es um versuchte Freiheitsberaubung und falsche Verdächtigung geht.

Hinter dem Zeugen stehen zwei Wachtmeisterinnen, die Handschellen im Anschlag. Links von ihm sitzt Staatsanwalt Martin Barnickel, langsam die Geduld verlierend. Gerade hat der 50-jährige frühere Nachbar der Angeklagten zum gefühlt zwanzigsten Mal wiederholt, er könne sich an gar nichts erinnern. An wirklich gar nichts. Ein Mann ohne Gedächtnis. Der Anklagevertreter ist nicht der Einzige im Saal des Amtsgerichtes, der kein Wort glaubt. Auch Strafrichterin Magdalena Becker und Verteidiger Thomas Drehsen (Bamberg) können die Ausflüchte nicht mehr hören. Schließlich hatte der Bekannte der Angeklagten zuvor dreimal umfangreich ausgesagt. Trotzdem ist wenig Verwertbares aus dem Zeugen herauszubekommen.

Vermummte Schläger

Wie das Verfahren im Mai 2016 in Gang kam, erzählt ein damals 36-jähriger Polizist der Inspektion Bamberg-Land. Zu ihm war die Angeklagte des Nachts gekommen und hatte ihren von ihr getrennt lebenden Ehemann angezeigt. Der solle ihr am Abend zuvor zwei vermummte Schläger in die Wohnung im nördlichen Landkreis Bamberg geschickt haben. Das Duo habe die Türe eingetreten. Einer habe sie mit einem Schlag ins Gesicht zu Boden gebracht. Dann hätte er gedroht: "Ich habe gehört, dass Du zu viel redest. Ich soll Dir einen schönen Gruß von ihm ausrichten. Wenn sein Sohn gegen ihn die Aussage macht, ist es egal, ob und wo Du Dich versteckst, wir finden Dich und bringen Dich um!" Sie sei dann an den Haaren gerissen und ihr Kopf gegen die Türe geschlagen worden. Mit neuerlichen Drohungen wären die Schlägertypen dann abgezogen.

"Sie war am Auge verletzt", so der Polizist. Deshalb habe er die Geschichte ernst genommen. Es folgten ein Ermittlungsverfahren gegen den vermeintlichen Auftraggeber und ein Haftbefehl, um ihn in Untersuchungshaft zu bringen. Im Laufe der nächsten drei Wochen, in denen weiter ermittelt wurde, kamen jedoch Zweifel am Bericht der Angeklagten auf.

Gewaltausbrüche

Hintergrund der falschen Verdächtigung war wohl ein Prozess gegen den Ex-Ehemann wegen gefährlicher Körperverletzung, weil der das gemeinsame, siebenjährige Kind geschlagen haben sollte. Außerdem schwelte ein Streit um ausstehende Unterhaltszahlungen, der auch schon das Familiengericht beschäftigt hatte. Hinzu kamen, wie die Angeklagte andeutete, Gewaltausbrüche, die auch sie getroffen hätten. "Ich habe die Schläge bekommen. Hätte ich ihn im Gefängnis sehen wollen, dann hätte ich ihn mit ganz anderen Dingen belastet." Den Vorwurf, ihren Ex-Mann mit falschen Verdächtigungen in die Gefahr gebracht zu haben, hinter Gittern zu landen, bestreitet die sonst schweigsame Angeklagte über ihren Rechtsanwalt. Im Laufe der Verhandlung kommen zahlreiche Zeugen zu Wort. Keiner der Nachbarn des Mehrfamilienhauses kann etwas zu den beiden Schlägern erzählen. Gesehen hat die Angreifer niemand.

Dafür schildern sie eine aufgebrachte Angeklagte, die ihre Wohnungstür offenbar selbst aufbrach, weil sie den Schlüssel im Inneren vergessen hatte. Zuvor hätte sie im betrunkenen Zustand mit einem Baseballschläger auf den Gartenzaun vor dem Gebäude eingeschlagen und dabei lauthals etwas von einem "Arschloch" geschrien.

Aufgrund der Gewalttaten ihres Ex-Mannes gegen sie und die Kinder könne er die Angeklagte durchaus verstehen, so Staatsanwalt Barnickel. "Sie haben den Bogen aber weit überspannt." Nur weil die Beweislage gegen ihn dünn gewesen wäre, hätte sie keine solche Geschichte erfinden dürfen. "Es muss klar sein, dass so etwas nicht geht. Selbst wenn Sie ihn für ein Scheusal halten."

Schwierige Beweislage

Von einer schwierigen Beweislage spricht hingegen Rechtsanwalt Drehsen, der es mit einer Strafverwarnung mit Vorbehalt über 90 Tagessätze à 15 Euro bewenden lassen will. Das ist eine Art Geldstrafe zur Bewährung, die für Fälle äußerst geringer Schuld angewendet wird. Am Ende wird sich Staatsanwalt Barnickels Hartnäckigkeit durchsetzen.

Das Urteil fällt mit sechs Monaten Freiheitsstrafe zur Bewährung dennoch einigermaßen milde aus. Das liegt an den fehlenden Vorstrafen der Angeklagten, der drei Jahre zurückliegenden Tat und dem glücklichen Umstand, dass ihr Ex-Ehemann von der Polizei nicht gefunden und deshalb auch nicht eingesperrt werden konnte.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren