Bamberg
Politik

Demokratischer Testlauf in Bamberger Schule

Wie funktionieren Wahlen? Mit dem Programm "Juniorwahl" gewannen Schüler in Bamberg wertvolle Einblicke hinter die Kulissen der Landtagswahl.
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Wahlbenachrichtigung, Stimmzettel und Urne fehlten nicht: Schülerinnen und Schüler der Klasse 10c des Franz-Ludwig Gymnasiums beim simulierten Wahlgang. Die Schülermitverantwortung stellte die Wahlhelfer und verteilte die Wahlbenachrichtigungen an die Schüler.  Foto: Julian Megerle
Wahlbenachrichtigung, Stimmzettel und Urne fehlten nicht: Schülerinnen und Schüler der Klasse 10c des Franz-Ludwig Gymnasiums beim simulierten Wahlgang. Die Schülermitverantwortung stellte die Wahlhelfer und verteilte die Wahlbenachrichtigungen an die Schüler. Foto: Julian Megerle
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8.15 Uhr, erste Stunde. Der Blick durch den Türspalt des hölzernen Portals verrät, warum es so still ist in der Aula. Drei Wahlkabinen sind zu sehen und nur das Kratzen der Kugelschreiber stört die Stille. Denn am Franz-Ludwig-Gymnasium (FLG) ist Wahltag. Diesmal geht's aber nicht um die Schülermitverantwortung (SMV), sondern um die echten Landtagswahlen in Bayern.

Das Programm nennt sich Juniorwahl und lädt seit 1999 weiterführende Schulen ein, sich im Vorfeld von Bundestags-, Landtags- oder Europawahlen intensiv mit politischer Bildung auseinanderzusetzen. Damit das Thema Wahlrecht auf dem Stundenplan nicht zu theoretisch wird, gehören auch Wählerverzeichnis, Wahlbenachrichtigung und Stimmzettel dazu.

Mit den Abläufen beschäftigen

Das Material stellt der private Verein Kumulus e.V. aus Berlin, der sich für demokratische Bildung einsetzt. Ein Konzept das auch Sozialkundelehrer Michel Eichiner dazu gebracht hat, die Juniorwahl erstmals anzubieten: "Für viele Schülerinnen und Schüler ist dies eine sehr gute Möglichkeit, sich mit dem politischen Entscheidungsprozessen und demokratischen Wahlen zu beschäftigen."

Konkret bedeutet das im Fall des Gymnasiums, dass von der neunten bis zur zwölften Klasse vier Wochen Politik und Wahlen in unterschiedliche Fächer einfließen. So werden zum Beispiel im Deutschunterricht die unterschiedlichen Parteipositionen erörtert. Oder in der Französischstunde die Systeme von Deutschland und Frankreich verglichen. Und Mathe wird gleich interessanter, wenn Umfragen statistisch analysiert werden. Und auch der Wahl-O-Mat, ein Onlinefragebogen mit den Parteipositionen zu einzelnen Sachfragen, wird ebenso im Unterricht angewandt. "Wir haben schwierige Begriffe zur Arbeit des Landtages in einfache Sprache übersetzt", erzählt Eleanore Scharf.

Die 16-Jährige ist Teil der SMV und gibt als Wahlhelferin die Stimmzettel an diesem Morgen aus. Zwei Schüler haben ihre Kreuzchen gemacht. Sind die Wahlzettel auch richtig gefaltet? Blaue und weiße Wahlzettel verschwinden in der Urne. Der Zehntklässler Hendrik Hahn fühlt sich nach der Wahl erwachsener: "Ich habe gemerkt, dass das eine wichtige Sache ist, vor allem durch die Stille und den klar geregelten Ablauf."

In wenigen Jahren wird's ernst

Für den 16-Jährigen ist Politik kein Fremdwort: "Zuhause wird oft über die aktuelle Politik gesprochen." Wenn er sich noch etwas wünschen könnte, würde er sich für eine tiefergehende mindestens dreistündige Unterrichtseinheit direkt vor den Wahltagen einsetzen. Für die Mitschülerin Valentina Dietz war der politische Inhalt im Unterricht Ansporn für mehr: "Ich wollte mich weiter informieren und habe mir online die verschiedenen Parteiprogramme angeschaut." Die 15-Jährige ist auf jeden Fall schon ganz gespannt auf das Ergebnis, wie ihre Schule sich entscheidet. Denn: "In wenigen Jahren wird's ernst, wenn wir wirklich wählen dürfen." Insgesamt sind 600 Schülerinnen und Schüler in 20 Klassen am FLG mit von der Partie. Erstwähler nehmen oft neugierig ihr Privileg wahr. Nach der Erstwahl sinkt die Wahlbeteiligung dann zumeist wieder. Sozialkundelehrer Eichiner sieht große Chancen: "Ich bin davon überzeugt, dass wir damit die Wahlbeteiligung der jungen Menschen von 21 bis 25 Jahren deutlich erhöhen können." Generell sei das Projekt von Lehrern und Eltern sehr gut angenommen worden, so dass am FLG der Europawahl nichts entgegenstehe.

Auch Berufsschüler wählen mit

Insgesamt neun Schulen machen im Stadtgebiet mit. So hat auch an der Beruflichen Oberschule in Bamberg-Ost das Projekt sprichwörtlich Schule gemacht. Karin Einwag unterrichtet in der zehnten Klasse das Kombifach Geschichte und Sozialkunde. "Wir haben die einzelnen Wahlprogramme und die entsprechenden Direktkandidaten per Losverfahren an die Schüler verteilt", erklärt Einwag die Vorbereitung auf die Wahlen. Echtes Wahlkampfmaterial von der Straße hat den Unterricht ergänzt. So musste jeder sich auch mal mit unliebsamen Positionen und Parteien auseinandersetzen. Mittels Plakate wurden in Referaten die Kernpunkte der Wahlkampfziele der Parteien vorgestellt. Ein Gewinn für die Klasse und für jeden einzelnen Schüler.

Eine Schülerin sei zuerst überhaupt nicht einverstanden gewesen, dass sie sich mit einer gewissen Partei konfrontieren soll. Am Ende gab's den Aha-Effekt: "Danach wusste sie genau, wie sie die Argumente dieser Partei entkräften konnte, um damit ihre eigene politische Haltung zu stärken", schildert Einwag die Erfahrungen. Ein anderer Schüler habe große Überschneidungen zwischen den Parteien ausgemacht und wurde stutzig: "Niemand sagt, wie all das finanziert werden soll!"

Koalitionen bilden

Wenn der Wahlabend rum ist, steht die Nachbereitung im Unterricht an. Wer kann mit wem koalieren und wer würde überhaupt inhaltlich zusammenpassen? Wer wird Ministerpräsident? Welche Themen spielen dann eine Rolle für die neue Regierung? Fragen über Fragen, die in den nächsten Wochen die Debatten prägen werden. Im Kleinen wie im Großen.

Die Ergebnisse der Juniorwahl in Bamberg-Stadt

Die Grünen werden nach den Zweitstimmen in Bamberg-Stadt stärkste Kraft mit 27,1 Prozent (Bayern-Ergebnis der Juniorwahl: 28,2 Prozent), gefolgt von der CSU mit 21,2(22,8) Prozent. Rang 3 belegt die SPD mit 10,5 (10,8) Prozent, dicht gefolgt von der FDP mit 10,4 (8,6) Prozent. Den fünften Platz kann die AfD mit 9,2 (6,3) Prozent behaupten. Die Freien Wähler können sich mit 5,2 (6,2) Prozent im Maximilianeum halten. Die Linke verpasst knapp den Einzug mit 4,9 (4,5) Prozent der Stimmen.

Bei den Erststimmen können die Grünen sogar 28,5 Prozent auf sich vereinigen, so dass Ursula Sowa das Direktmandat für Bamberg-Stadt erhalten würde. Melanie Huml (CSU) erhielt 21,7 Prozent, gefolgt von Martin Pöhner (FDP) mit 11,1 Prozent. MIt Blick auf Bayern konnten sich in 58 Wahlkreisen grüne Kandidaten behaupten. In 33 Wahlkreisen würde die CSU ihre Direktkandidaten in den Landtag schicken dürfen.

Die Wahlbeteiligung in Bayern lag bei 85,8 Prozent, was etwas mehr als 100 000 Schülern entspricht, die abgestimmt haben. 684 Schulen sind Teil der Juniorwahl zur bayrischen Landtagswahl. Am Franz-Ludwig-Gymnasium beteiligten sich 92,6 Prozent der möglichen Schüler und bescherten den Grünen (40 Prozent) einen deutlichen Sieg vor der CSU (17), der FDP (10) und der PARTEI (8).



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