Bamberg
Welterbe

Debatte um Bamberger Gefängnis-Standort

Nicht nur Bewohner von Klein-Venedig begrüßen den Vorstoß der Politik für eine Verlagerung der Bamberger JVA. Die Diskussion um ihren Verbleib in der Altstadt nimmt an Fahrt auf.
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"Wir haben schon immer gesagt, dass das Gefängnis mitten in der Stadt fehl am Platz ist", sagt ein älterer Bamberger, der seit rund 25 Jahren in Klein-Venedig wohnt. Die Idylle am Fluss, nur durch die Regnitz von der Justizvollzugsanstalt am Leinritt getrennt, war früher oft getrübt durch Pöbeleien von Strafgefangenen, berichtet der Mann.

Vor allem die Gärten am Wasser hätten sie und ihre Nachbarn ohne beleidigende Bemerkungen nicht genießen können, bestätigt seine Frau. Das Ehepaar hat sich in der Vergangenheit deshalb wiederholt und letztlich erfolgreich bei der Anstaltsleitung beschwert.

Seit die Fenster im historischen Zellentrakt am Leinritt - einem sanierten Gebäude aus der Mitte des 18. Jahrhundert - mit blinden Scheiben und mit Lärmmessern ausgestattet sind, hätten die Belästigungen deutlich nachgelassen, räumt man in Klein-Venedig ein.


Eine andere Nutzung verdient
Trotzdem wäre das Ehepaar froh, wie es sagt, wenn sie ein anderes Gegenüber bekämen. Die beiden Bamberger sind überzeugt, dass es die meisten Bewohner der ehemaligen Fischer- und Schifferhäuser sehen wie sie: "So ein Gebäude" wie der barocke Altbau der JVA am Fluss habe einfach eine andere Nutzung verdient.

Das ist auch einer von mehreren Gesichtspunkten, weshalb sich die Interessengemeinschaft InteresSand hinter die Initiative von Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) und Bürgermeister Werner Hipelius (CSU) stellt. Dass sie kürzlich den Mitgliedern des baye rischen Kabinetts - neben anderen Bamberger Zukunftsthemen - auch eine Auslagerung der JVA ans Herz gelegt haben, sei richtig gewesen, findet IG-Vorstandsmitglied Ekkehard Arnetzl.

Er sieht "verschiedene Bedarfe" für den großen Gefängnis-Komplex zwischen Sandstraße und Fluss, kann sich eine vom OB ins Gespräch gebrachte Nutzung für die Universität genau so gut vorstellen wie in Teilen ein Altenheim und eine kleine Quartiersgarage. Es fehle im Sand ja wirklich der Platz für die Autos.

Eine Chance für den Stadtteil
Auch in seiner Eigenschaft als Stadtheimatpfleger begrüßt es Arnetzl, wenn man sich in Bamberg über die Zukunft des Gefängnisses frühzeitig Gedanken macht, ehe der Freistaat eines Tages die Stadt mit eigenen Plänen konfrontieren könnte: "Ich finde es gut, dass der Oberbürgermeister das angeht - ohne den sonst in Bamberg üblichen Zeitdruck." Eine Auslagerung wäre nicht nur eine Chance für den Stadtteil, sondern auch für einen zeitgemäßen Strafvollzug, glaubt Markus Schäfer, der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft InteresSand.

Er hält es für wichtig, in der Diskussion nicht nur über die Vorteile zu sprechen, die der Stadtteil durch den Wegzug der JVA hätte, sondern auch über die Situation der Insassen. An einem anderen Standort hätten sie mehr Freiflächen und Sportmöglichkeiten, gibt er zu bedenken. Beides sei in der Altstadt nur eingeschränkt vorhanden.

Dafür biete das vergleichsweise kleine Bamberger Gefängnis andere Vorzüge. Das hält mit Herbert Dotzler einer dagegen, der die JVA so gut wie die allerwenigsten Bamberger kennt: Er war von 1976 bis 1992 stellvertretender Anstaltsleiter. Ihm fehlt jedes Verständnis für den Versuch, eine Einrichtung auszuquartieren, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts fester Bestandteil des Stadtteils Sand ist und dort nach seinem Dafürhalten weder ein Störenfried noch Schandfleck war oder ist. Im Gegenteil: Für das gute nachbarschaftliche Verhältnis spricht laut Dotzler die jährliche Feier, die zur Sandkirchweih im Knast gemeinsam mit dem Bürgerverein Sand stattfindet.

Andere Nutzung würden für mehr Verkehr sorgen
Er untermauert damit zugleich eine Aussage von BV-Vorstandsmitglied Ulrike Heucken gegenüber dem FT. Der Bürgerverein möchte die JVA im Sand behalten. Sie störe nicht. Jede andere Nutzung würde auf jeden Fall mehr unerwünschten Verkehr in den Stadtteil bringen, befürchtet Heucken.

Manches Argument in der entbrannten Debatte empfindet Dotzler, wie er sagt, als zutiefst herabwürdigend, nicht zuletzt für die Beamten, die in der JVA einen schweren Dienst leisten würden. Empfinde man im Rathaus die Haftanstalt etwa als einen Makel im Welterbe, der getilgt werden solle, fragt er. Und fügt polemisch hinzu, dass Bamberg seine Kranken und die meisten Alten ja auch schon aus dem Zentrum ausquartiert habe.

Für den Gefängnis-Betrieb in der Altstadt sprechen aus Sicht des früheren stellvertretenden Chefs auch praktische Gesichtspunkte: Die Wege zu Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichten und Behörden seien bei Vorführungen, Anhörungen und Einlieferungen kurz. Dotzler warnt gar vor einem Zentralitätsverlust für Bamberg, sollte das Justizministerium den Ball auffangen und einem Neubau näher treten, der dann womöglich nicht auf Stadtgebiet entsteht. Dass die Insassen von einem modernen Haus profitieren würden, bezweifelt der Pensionär: Je größer eine JVA sei, desto anonymer sei der Betrieb.

Kleine Haftanstaltung sind unwirtschaftlich
Denn eines steht fest: Sollte der Freistaat mittel- bis langfristig einer Auslagerung zustimmen, wird sie mindestens 400 Plätze haben. Sie wäre dann annähernd doppelt so groß wie das "Café Sandbad" mit seinen 212 Haftplätzen. Kleinere Haftanstalten sind nach Auskunft aus dem Justizministerium nicht wirtschaftlich zu betreiben.

Die Stadt nennt in ihrem an die Staatsregierung gerichteten Papier das mit dem Abzug der US-Army 2014 frei werdende Kasernengelände als möglichen Alternativstandort. Eine "einmalige Chance" nennt das auch die Bamberger FDP. Die Liberalen haben sich als einzige Partei bisher in dieser Angelegenheit positioniert: Sie begrüßen die Suche nach einem anderen Standort und halten die Konversionsflächen für geeignet.

Dann könnte der Gefängnis-Komplex "dem Weltkulturerbe Bamberg wirklich angemessen" genutzt werden, wird FDP-Ortsvorsitzender Martin Pöhner in einer Pressemitteilung zitiert. Seine Partei kann sich eine Mischnutzung als Kulturzentrum, Universitätsgebäude und Quartiersgarage vorstellen.

Auch viele Geschäftsleute im Viertel stünden einer universitären Einrichtung an Stelle der JVA positiv gegenüber, sagt IG-Geschäftsführer Schäfer. Er beruft sich auf Gespräche mit Wirten, für die eine Umwidmung ganz neue Perspektiven brächte: Sie erwarten sich eine Belebung der Tagesgastronomie in der bislang vorwiegend nachts frequentierten Sandstraße.

Universität oder ein Museum sehr gerne, aber bitte kein Studentenwohnheim - diese Einschränkung hört man freilich auch aus Klein-Venedig. Sonst, so die Bedenken einer dort wohnenden Bambergerin, könnten die Lärmbelästigungen von gegenüber eher wieder zunehmen: "Wir sind in dem Sinn nicht unglücklich, dass das Gefängnis da ist." Keiner der vom FT befragten JVA-Nachbarn wollte mit Namen in diesem Artikel auftauchen.
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