Bamberg
Adventskalender

Das "Storchenhaus"

In der früheren Hebammenschule und Entbindungsanstalt am Markusplatz taten kleine Bamberger ihre ersten Atemzüge. Lore Kleemann begibt sich auf Spurensuche.
Artikel drucken Artikel einbetten
Bei genauem Hinsehen verrät es die Inschrift: Hier waren eine Hebammenschule und eine Entbindungsanstalt untergebracht.   Fotos: E. M. Bast
Bei genauem Hinsehen verrät es die Inschrift: Hier waren eine Hebammenschule und eine Entbindungsanstalt untergebracht. Fotos: E. M. Bast
+1 Bild

Bambergerinnen und Bamberger, die vor 1984 geboren sind, kennen sie vielleicht noch: die Frauenklinik am Markusplatz. Seit 1988 gehen hier Studenten der Fakultät für Pädagogik, Philosophie und Psychologie (PPP) ein und aus, nur ein sehr verwittertes Schild mit der schwer zu entziffernden Inschrift "Hebammenschule und Entbindungsanstalt" erinnert an die einstige Nutzung.

Die auf historische Bauten spezialisierte Stadtführerin Lore Kleemann findet es schade, dass die frühere Zweckbestimmung des Hauses immer mehr in Vergessenheit gerät: "Gerade weil man die Inschrift kaum noch erkennen kann, geht man so achtlos daran vorbei", sagt sie.

1904 wurde das Gebäude für die Hebammenschule am Markusplatz gebaut, ihre Anfänge gehen aber viel weiter zurück und liegen beim Würzburger und Bamberger Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal. "Er hat sich sehr dafür eingesetzt, die medizinische Versorgung für die Menschen zu verbessern", sagt Lore Kleemann. Erthal ließ das Krankenhaus in der Unteren Sandstraße (heute Hotel Residenzschloss) bauen und 1780 gründete er die Hebammenschule. Anders als bisher durften Hebammen den Frauen nun nicht mehr zu Hilfe eilen, bevor sie eine Ausbildung absolviert und eine Prüfung abgelegt hatten.

Doch in den folgenden Jahren sollte es für die Schule einige Schwierigkeiten geben: Der Fürstbischof verstarb und die Schule hatte so große Probleme, dass sie sogar zeitweise schließen musste. Ein Glück, dass der namhafte Mediziner Dr. Adalbert Friedrich Marcus, erster Direktor des Allgemeinen Krankenhauses, sich der Bamberger Hebammenschule annahm. Mit Erlaubnis von Prinz Luitpold wurde dann 1904 die neue Hebammenschule am Marcusplatz errichtet, am 23. März 1906 erfolgte der Einzug. Die Schülerinnen bekamen hier nicht nur eine Ausbildung, sie wohnten auch in dem Haus, direkt unter dem Dach. Heute büffeln die Studenten dort (Übungsraum 126 N), wo seinerzeit die Kapelle war, in der die gerade auf die Welt gekommenen Bamberger getauft wurden.

Noch immer kann man die einstige Nutzung an den kapellenartigen Fenstern und der Empore erkennen. Besuche durften die Wöchnerinnen in den Anfangsjahren nur für eine Stunde am Tag bekommen, Kindern unter 14 Jahren war der Zutritt verwehrt. Sie mussten warten, bis das Neugeborene mit seiner Mutter nach Hause kam, bevor sie das Geschwisterchen, den Cousin oder die Cousine bewundern konnten. Eigentlich ist das eine vernünftige Regelung. "Damit war den Kindern und ihren Müttern viel mehr Ruhe vergönnt. Es war damals normal, dass sieben bis acht Frauen in den Zimmern lagen, da wäre ganz schon viel los gewesen", findet Lore Kleemann.

All dieses Wissen über das "Storchenhaus", wie die Bamberger das Gebäude liebevoll nannten, hat sie dem Aufsatz: "Ihr Kinderlein kommet" von Leonie Becker entnommen, die im Gespräch mit drei ehemaligen Hebammenschülerinnen viel herausgefunden hat. In dem Bericht wird auch erzählt, dass die Hebammenschülerinnen nicht nur Säuglinge auf die Welt bringen, sondern auch Eis klopfen mussten. Die einstige Hebammenschülerin Hedwig Distler wird von Becker folgendermaßen zitiert: "Hier mussten wir früher mit einem Spießer das Eis von dem großen Block abhacken. Das wurde zur Stillung von starken Blutungen verwendet."

Vom Hörsaal zur Bibliothek

Bei Hedwig Distler, ist dem Bericht weiter zu entnehmen, habe die Ausbildung (Anfang der 1960er Jahre) 18 Monate gedauert und die Schülerinnen hatten 140 Mark Schulgeld zahlen müssen. Mitte der 1970er- Jahre bekamen die jungen Frauen dann aber Geld für ihre Tätigkeit: 100 Mark im ersten und 130 Mark im zweiten Jahr. Büffeln mussten die Hebammenschülerinnen damals freilich auch - so wie heute die Studenten! Schließlich gab's nicht nur praktischen Unterricht, sondern auch Theorie: eine Stunde am Vormittag und eine am Nachmittag. Dort, wo heute die Bibliothek ist, befand sich damals der Hörsaal.

Übrigens: Wo inzwischen die Physiologische Psychologie untergebracht ist, befand sich einst der Kreissaal. Wie viele Studentinnen und Studenten, die in diesen Raumen schon ihre Nase in Bücher gesteckt oder den Ausführungen ihrer Professoren gelauscht haben, wohl dort ihre ersten Atemzüge taten? von Eva-Maria Bast Unser Adventskalender Serie Viele Merkwürdigkeiten Bambergs enthüllen wir in diesem Jahr in unserem Adventskalender. Die einzelnen Folgen entstammen dem Buch "Bamberger Geheimnisse - Spannendes rund um das Weltkulturerbe mit Kennern der Stadtgeschichte", das im Verlag Bast Medien in Kooperation mit dem Fränkischen Tag erschienen ist. Es hat 192 Seiten, kostet 19,90 Euro (ISBN: 978-3-946581-54-3) und ist erhältlich in den Geschäftsstellen des Fränkischen Tags, in Buchhandlungen und online auf der Homepage www.bast-medien.de.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren