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Bamberg
Prozess

Das Opfer leidet noch heute

Zwei Bamberger müssen wegen erpresserischen Menschenraubs für mindestens sechs Jahre ins Gefängnis.
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Das Gericht verwies die beiden Angeklagten zusätzlich in eine Entziehungsanstalt.  Foto: Ronald Rinklef
Das Gericht verwies die beiden Angeklagten zusätzlich in eine Entziehungsanstalt. Foto: Ronald Rinklef

Knapp sechseinhalb und noch einmal sechs Jahre lauten die Urteile der Jugendkammer des Landgerichtes Bamberg gegen zwei Bamberger. Sie hatten Mitte August 2018 ihr 17-jähriges Opfer wegen 300 Ecstasy-Tabletten bedroht, sich dessen bemächtigt, es wegen nicht gefundener Drogen schwer verprügelt und in einem menschenleeren Gewerbegebiet nur mit einer Unterhose bekleidet zurückgelassen. Das Opfer leidet noch heute unter den psychischen Folgen.

Alles beginnt mit einem Gerücht. Ein in der Szene bekannter Drogendealer soll Ecstasy-Tabletten bei sich haben. Für die beiden Angeklagten eine gute Gelegenheit, sich das Rauschgift im Wert von rund 3000 Euro unter den Nagel zu reißen. Um es selbst zu schlucken oder zu verkaufen. Also lauern sie dem Jugendlichen im Morgengrauen vor einer Disco auf und schlagen dessen Begleiter mit der Faust buchstäblich in die Flucht. Dann bedrohen sie ihn und zwingen ihn, ihnen zu einer abgelegenen Grünfläche zu folgen. Dort durchsuchen sie den 17-Jährigen, finden aber nur drei Euro Kleingeld. Also muss er sich bis auf die Unterhose ausziehen. Vielleicht hat er die Drogen ja am Körper oder in den Socken versteckt. "Das war eine ganz besondere Erniedrigung", so Staatsanwalt Martin Barnickel.

Doch die Pillen treten nicht zutage. Aus Frust verpassen sie ihrem Opfer eine Abreibung, die sich gewaschen hat. Von einer "massiven Kopfnuss, zahlreichen Schlägen und mindestens vier lebensgefährlichen Tritten" sprach der Anklagevertreter. Nach jedem von drei vergeblichen Fluchtversuchen geht die Tortur weiter. Um dem Jugendlichen klarzumachen, dass er die Ecstasy-Tabletten noch nachzuliefern und den Mund zu halten habe.

Nicht zur Polizei

Als Druckmittel behält das Duo Ausweis und Smartphone des Niedergeschlagenen. Der will später, wohl wegen des Drogenhintergrundes, nicht zur Polizei, gibt völlig gegensätzliche Personenbeschreibungen ab, obwohl er die Angeklagten persönlich kennt, und behauptet, es sei nur um Geld und Smartphone gegangen, nicht aber um Rauschgift. Eine Geschichte, die ihm im Gerichtssaal niemand glauben wollte. "Sie haben nichts gesagt, um sich auch weiterhin in der Betäubungsmittel-Szene sehen lassen zu können", so der Staatsanwalt.

Vom brutalen und skrupellosen Vorgehen der beiden Angeklagten war auch der Vorsitzende Richter Markus Reznik entsetzt: "Ihr Verhalten zeigte eine Gefühlskälte, die ihresgleichen sucht." Zugleich verwahrte sich Reznik gegen die Unterstellung der Verteidigung, den beiden Angeklagten hätten in Polizeigewahrsam Misshandlungen gedroht, weil sie den Sohn eines Polizisten zusammengeschlagen hatten.

Für Justiz keine Unbekannten

Dabei waren die beiden arbeitslosen Männer im Alter von 20 und 21 Jahren für die Justiz keine Unbekannten. Der Ältere war bislang aber nur durch Ladendiebstähle und eine Sachbeschädigung aufgefallen. Wobei er eine seiner Straftaten beging, während er gemeinnützige Arbeit aus einer früheren Verurteilung ableistete. "Eine Glanzleistung", kommentierte Richter Reznik. Der Jüngere, der sich selbst zum Wortführer erklärt hatte, hatte da mit mehreren vorsätzlichen und gefährlichen Körperverletzungen und einer Betäubungsmittel-Geschichte die weitaus schlechteren Karten. Immer wieder hatte er in den letzten Jahren im Stadtgebiet Faustschläge verteilt, einmal hinter dem Sportheim des ASV Viktoria Bamberg sogar mit kiloschweren Steinen auf einen am Boden liegenden Jugendlichen geworfen, so dass dessen Schädel brach. Wegen Marihuana-Handels in 27 Fällen, unter anderem auch vor dem Stadionbad, wurde er auch noch verurteilt und stand zur Tatzeit unter Bewährung.

Geständnisse

Zugunsten des Duos sprachen deren Geständnisse, die "von einer erfrischenden Offenheit" waren, wie sich Richter Reznik ausdrückte. Ebenso die nur kurze Zeit der Entführung. Beide Angeklagten müssen sich nun ihrer Drogenabhängigkeit (Alkohol, Marihuana, Speed, Kokain, Crystal Meth, Kräutermischungen) stellen und wurden daher zwei Jahre in eine Entziehungsanstalt verwiesen. "Sie haben unter dem Einfluss berauschender Mittel gehandelt", so Rechtsanwalt Jochen Kaller (Bamberg). Sein Mandant sei abhängig und brauche Hilfe. Auch wenn das der psychiatrische Sachverständige Dr. Majd Chaoud (Bamberg) anders sehe. "Ich spreche ihm die fachliche Kompetenz und Erfahrung ab." Zudem sei das Ziel die Beschaffung neuen Rauschgiftes gewesen.

Allerdings gelang es weder Kaller noch seinem Kollegen Joachim Voigt (Bamberg), mit ihren Vorstellungen von viereinhalb und dreieinhalb Jahren durchzudringen. Dementsprechend groß war der Schock der Angehörigen und Freunde der Angeklagten im Zuhörerraum nach der Urteilsverkündung.