Bamberg
Prozess

Das Opfer leidet noch heute

Für fünf Jahre muss ein 23-jähriger Räuber hinter Gitter. Er hatte zusammen mit einem noch unbekannten Komplizen einen 87-jährigen Rentner überfallen.
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Der Angeklagte sitzt mit Fußfesseln im Gerichtssaal des Landgerichtes Bamberg.  Nicolas Armer/dpa
Der Angeklagte sitzt mit Fußfesseln im Gerichtssaal des Landgerichtes Bamberg. Nicolas Armer/dpa

Für fünf Jahre hat die dritte Strafkammer am Landgericht Bamberg einen 23-jähriger Mann aus Essen wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung ins Gefängnis geschickt. Der Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes hatte Ende April 2018 gemeinsam mit einem Komplizen einen 87-jährigen Rentner in dessen Bett überfallen und ausgeraubt. Von den über 33 000 Euro Beute und dem Mittäter fehlt bislang allerdings jede Spur.

Es ist mitten in der Nacht, irgendwann um halb fünf, als Werner D. (Name geändert) ein dringendes Bedürfnis spürt. Als der 87-jährige Rentner sich gerade aus seinem Bett erheben will, trifft ihn der Lichtstrahl einer kleinen Taschenlampe. "Ich bekam einen riesigen Schreck." Dann packt ihn ein Unbekannter am Arm und drückt ihn zurück aufs Bett. Ein zweiter, ebenfalls vermummter Mann, übernimmt sofort das Kommando und brüllt herum: "Wo ist Geld!" Dann beginnt er mit der Suche im Schlafzimmer, das nach dem halbstündigen Besuch wie ein Schlachtfeld aussehen wird. Er durchwühlt alle Schubladen und Schränke. Als er nicht sofort Bargeld findet, wird der Ton rauer.

Schließlich verrät der eingeschüchterte Werner D., wo sich die Geldbörse "mit 450 Euro und etwas Kleingeld" verbirgt. "Ich dachte, das reicht ihnen." Doch das Duo weiß offenbar, dass weit mehr zu holen ist, als nur einige Scheine. Wie sich durch die Nachbarin herausstellt, war der Angeklagte zwei Wochen vor der Tat als Mitarbeiter eines dubiosen Schlüsseldienstes schon einmal in Scheßlitz und hatte dort im Auftrag Werner D.s ein Schloss aufgebrochen. Dabei hatte er, ganz der freundliche Typ, die Bewohner ausgehorcht und das Terrain sondiert. So wusste er, dass Werner D. ein älterer, schwerhöriger und alleine lebender Mann war. Auch dass die Geldvorräte im Schlafzimmer aufbewahrt wurden, konnte er bei der Barzahlung der 750 Euro für den Schlüsseldienst beobachten.

"Wo ist Kuvert?" Um seiner Frage Nachdruck zu verleihen, hält der aggressivere der beiden Eindringlinge dem überrumpelten Rentner etwas an den Hals. Ob es ein Messer oder ein Schraubenzieher, wie von der Staatsanwaltschaft vermutet, oder ein stumpfer Imbus-Schlüssel war, wie von Verteidiger Philipp Thieé (Frankfurt am Main) vorgebracht, vermochte das Gericht nicht zu erhellen.

Die finsteren Gestalten jedenfalls geben nicht auf. Auch weil Werner D. nicht nachgibt und das Versteck seine Ersparnisse nicht verrät. "Ich bin hart erzogen worden." Mit etwas Glück fällt den Räubern dann aber doch die Geldtasche mit den sieben Umschlägen und 36 000 Euro in die Hände. Dann geht alles ganz schnell. Sie fesseln ihr Opfer mit einem mitgebrachten Klebeband und verschwinden ebenso lautlos, wie sie gekommen sind.

Abdruck führt zum Täter

Es dauert einige Zeit, bis sich Werner D. aus eigener Kraft befreien kann. "Ich habe gewerkelt und gemacht, mit den Zähnen Stück für Stück." Da die Täter das Telefon zerstört haben, wankt der an den Händen verletzte Senior zur Nachbarin, die die Polizei zur Hilfe ruft. Die kann den Angeklagten durch einen Handabdruck am Türrahmen identifizieren und sechs Wochen später in Kassel verhaften.

Die Geschichte des Angeklagten, er sei durch Marihuana und Kokain sowie durch verunglücktes Glücksspiel in die Schuldenfalle getappt und hätte 20 000 Euro auf einmal zurückzahlen müssen, glaubten der Vorsitzende Richter Markus Reznik und seine Kollegen. Weil er das Geld nicht gehabt habe, habe ihm sein Gläubiger den Vorschlag mit dem Überfall gemacht. "Es war eine Tat aus Verzweiflung."

Der Angeklagte entging den von der Staatsanwältin Katja Grießl geforderten sechseinhalb Jahren Gefängnis nur, weil er sich während eines Schwächeanfalls Werner D.s um diesen gekümmert hatte. Der Rentner war zusammengesackt, weil der Komplize ihm Mund und Nase zugehalten und dabei gedroht hatte: "Ich zähle jetzt bis Drei!" Außerdem war er nur geringfügig wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis vorbestraft. Im Gerichtssaal gestand der Angeklagte die Tat, wollte jedoch seinen Komplizen nicht nennen. "Um mich und meine Familie zu schützen." Ob es sich um den eigenen Bruder handelt, wie ein Beamter der Kriminalpolizei Bamberg auf Grund einiger Chat-Nachrichten vermutete, konnte nicht geklärt werden. Dafür bekam das Opfer zumindest einen Teil seines Verlustes ersetzt. "Meine Familie hat alles zusammengekratzt", so der Angeklagte.

Neben diesen 4000 Euro werden noch einmal zusätzlich rund 2500 Euro zurückfließen. Diese Summe hatte die Polizei beim Angeklagten sichergestellt. Schlimmer aber sind die psychischen Folgen des Martyriums für das Opfer. "Er hört überall im Haus Stimmen, macht ständig Kontrollgänge, hat Angstzustände und Alpträume", so eine Zeugin.



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