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Bamberg
Gewalt

Angriffe auf Busfahrer: So wollen die Stadtwerke Bamberg Fahrer und Insassen schützen

Nach Attacken auf ihr Personal haben die Stadtwerke Bamberg mit Kameras, Schutzwänden und Notfallknöpfen in den Stadtbussen reagiert. Wer am Steuer sitzt, bekommt Selbstverteidigungs-Kurse.
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Busfahrer lernen Handgriffe der Selbstverteidigung. Foto: Matthias Hoch
Busfahrer lernen Handgriffe der Selbstverteidigung. Foto: Matthias Hoch

Am großen Lenkrad eines Stadtbusses ist der Fahrer nicht nur für seine eigene Sicherheit verantwortlich, sondern auch für die seiner Fahrgäste. "Wenn man an seinem Platz sitzt, kann man nicht mehr flüchten", sagt Erol Reuter. Auch der erfahrenste Busfahrer könne nicht in die Köpfe der Fahrgäste blicken, die zusteigen. "Alkohol riecht man. Aber wenn sich einer etwas rein-pfeift, was der Liebe Gott verboten hat, da hast du eigentlich keine Chance, das zu erkennen."

Fünf seiner Kollegen sind im Jahr 2017 Opfer von Angriffen geworden. Der letzte war besonders brutal: Ausgerechnet am ersten Weihnachtsfeiertag hatte ein angetrunkener Mann einem Busfahrer einen Zahn ausgeschlagen. Das Opfer berichtete von einer grundlosen Attacke - und einer unheimlichen Aggression, die ihm entgegenschlug. Drogen sind bei Gewaltauswüchsen meistens involviert.

Angreifer abwehren

In der Folge rüsteten die Stadtwerke vor einem Jahr auf. Bis Ende dieses Jahres werden alle 161 Fahrer ein Deeskalationstraining absolviert haben. Selbstverteidigungs-Trainer Jens Salomon sieht Gegengewalt als letztes Mittel - er bringt den Teilnehmern bei, wie sie sich "aus der Situation lösen", dem Aggressor deutlich machen, dass sie sich auf keinen Kampf einlassen werden. Weil es dennoch handgreiflich werden kann, zeigt er den Fahrern auch, wie sie sich aus einem Würgegriff befreien und den Gegenüber in den Schwitzkasten nehmen können. Bei den Kursen geht es richtig zur Sache. Da wird geschrien und gerauft. Im Ernstfall sollen die Handgriffe sitzen.

"Das Deeskalationstraining ist mittlerweile fester Bestandteil der Weiterbildung für unsere Fahrer und wird jedes Jahr wiederholt", erklärt Fahrdienstleiter Jens Eske. "Der Kurs ist gut. Sehr lehrreich, um solche Situationen schon im Vorfeld abzuwehren", sagt Fahrer Reuter.

Selbstverteidigung ist nur eine Säule des neuen Sicherheitskonzeptes: Videokameras zeichnen das Geschehen im Bus auf. Ein erster Bus ist bereits mit einer Trennwand aus Plexiglas ausgerüstet, die Angreifer hindern, an den Fahrer direkt heranzukommen. "Es ist beruhigend, wenn ein bisschen Abstand da ist", berichtet Reuter. Nach und nach soll die gesamte Flotte der Stadtwerke mit Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet werden. In allen 63 Bussen sind bereits Notfallknöpfe versteckt - die direkt mit einer Leitstelle verbunden sind.

Angriff am Faschingsdienstag

Am Faschingsdienstag dieses Jahres hat sich der Alarmknopf bereits bewährt. "Ein alkoholisierter Fahrgast wollte zwischen zwei Haltestellen aussteigen. Da wir diesen Service nur auf den Nachtlinien anbieten, hat der Busfahrer den Wunsch zu Recht zurückgewiesen. Daraufhin ist der Fahrgast handgreiflich geworden, was der Busfahrer im letzten Moment abwehren konnte", berichtet Sprecherin Astrid Rosenberger. "Er hat den Notrufknopf gedrückt und versucht, den aggressiven Fahrgast bis zur nächsten Haltestelle in Zaum zu halten. Dort hat die Polizei schon gewartet, die den Fahrgast in Gewahrsam genommen hat."

Einen weiteren Angriff hat es seit der Aufrüstung nicht gegeben. Die Stadtwerke, die für das Sicherheitskonzept bisher einen "hohen fünfstelligen Betrag" ausgegeben haben, fühlen sich durch den Rückgang der Gewalteskalationen bestätigt. "Einige Busfahrer haben berichtet, dass sie dank des Trainings mit vielen Situationen gelassener umgehen", sagt Eske. "Zu den Trennscheiben sind unsere Fahrer gespaltener Meinung. Manche finden sie gut, manche weniger. Wir haben uns entschlossen, die drei neuen Busse, die wir im Dezember erhalten, mit Trennscheibe zu bestellen. Danach bewerten wir neu."

Polizei nutzt Überwachungsvideos

Die Kamera-Aufzeichnungen haben laut Stadtwerken bereits die Arbeit der Polizei erleichtert - etwa bei der Personensuche oder wenn Diebe im Bus zugegriffen haben. "Unsere Ermittler wissen, wo Kameras angebracht sind, in Bussen oder auch am Zentralen Omnibusbahnhof, und greifen gerne auf das Datenmaterial zurück, wenn Delikte im Öffentlichen Personennahverkehr begangen wurden", bestätigt Steffen Schorr, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken. "Das geschieht tatsächlich relativ häufig."

Und was sagen die Kunden? Aufkleber weisen auf das Sicherheitskonzept hin. "Bisher haben wir keine Rückmeldung erhalten", antwortet Rosenberger. Nach den Gewaltauswüchsen habe man von den Kunden aber sehr viel Zuspruch und Verständnis erhalten. Für seine Fahrgäste bricht auch Fahrer Reuter eine Lanze: "Der absolute Großteil ist sehr, sehr friedlich. Es sind ganz wenige, die Schwierigkeiten machen."

Fragen und Antworten:

Wie viele Busse haben die Stadtwerke im Einsatz?

63 Busse.

Wie viele davon sind mit Kameras ausgestattet?

15 Busse.

Wie viele sind mit Trennscheibe ausgestattet? Aktuell ein Bus. Ab Dezember vier.

Wie viele Busfahrer sind aktiv?

Aktuell sind 161 Beschäftigte im Fahrdienst.

Wie viele Busfahrer haben das Selbstverteidigungstraining erhalten?

Bis zum Jahresende 2019 haben nach den Plänen der Stadtwerke alle Fahrer das Deeskalationstraining erhalten.

Der Notrufknopf ist ebenfalls neu?

Den Notrufknopf haben die Stadtwerke seit 2017 in allen Bussen scharf geschaltet.

Wie viele der Busse haben den Notrufknopf? Alle.

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