Pettstadt
Integration

Bürgernetzwerk im besten Sinn

Was der Syrer Ali Salama und seine Familie in Pettstadt erlebt haben, klingt wie eine Mischung aus Weihnachtsgeschichte und einem Märchen aus 1001 Nacht.
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Mit Hilfe des E-Mobils der Gemeinde Pettstadt und ehrenamtlicher Fahrer wie Gerhard Sterzer, Dr. Reinhold Weyer und Stefan Herold konnte Ali Salama ins 30 Kilometer ferne Oberhaid pendeln. Nun herrscht Freude in Pettstadt, dass der Flüchtling aus Syrien den Führerschein bestanden hat und selbst mobil ist.
Mit Hilfe des E-Mobils der Gemeinde Pettstadt und ehrenamtlicher Fahrer wie Gerhard Sterzer, Dr. Reinhold Weyer und Stefan Herold konnte Ali Salama ins 30 Kilometer ferne Oberhaid pendeln. Nun herrscht Freude in Pettstadt, dass der Flüchtling aus Syrien den Führerschein bestanden hat und selbst mobil ist.
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Wenn wir uns in ein Märchen aus 1001 Nacht vertiefen wollen, müssen wir uns in den Orient versetzen. Da lebt der einfache, besorgte Familienvater, schwer schuftender Handwerker, der bedrängt wird von den Mächten des Bösen, bis sich schließlich auf wundersame Weise alles zum Guten wendet. Geht das auch umgekehrt? Kann sich der Traum eines Orientalen von einem Leben in Frieden und Freiheit - fast schon ein Märchen - im Abendland erfüllen? Ja, und davon sei hier die Rede.

Weil Ali Salama mit Frau und zwei kleinen Töchtern gerade noch rechtzeitig vor dem Bombenhagel auf seine Heimatstadt Aleppo eine waghalsige Flucht über die Türkei und den Balkan in das ihm völlig fremde Deutschland angetreten hat, leben die vier noch. Alle sind gesund und munter. Gewissermaßen kann sich Ali wie im Wunderland fühlen, denn er hatte unbeschreibliches Glück: Er fand mit seiner kleinen Familie in Pettstadt bei Bamberg offenherzige Aufnahme und eine nicht alltägliche Zuwendung von Menschen, die das Gebot der Nächstenliebe leben oder eben die humanitären Prinzipien einer sozialen Gesellschaft ernst nehmen. Noch kann Ali Salama seine Dankbarkeit nur mit einem Wort ausdrücken: "Danke!" Aber mit strahlenden Augen fügt er ein "Alles super!" hinzu, um klarzumachen, dass er sich seines Glückes wohl bewusst ist.

In vielen Ländern gearbeitet

Ali Salama, heute 38, ist in einem Vorort der - mittlerweile zerstörten - Weltkulturerbe-Stadt Aleppo in Syrien aufgewachsen. Als geschickter, junger Bauhandwerker verdingte er sich für sieben Jahre in die Boomregion Qatar. Fünf Jahre arbeitete er danach im Libanon, viele Monate in Algerien und im kurdischen Gebiet des Irak. Wegen seiner Umsicht und Zuverlässigkeit wurde er meist schnell zum Vorarbeiter befördert, berichtet er stolz.

Gerade als sich der mittlerweile erfahrene Stahlbauer im heimischen Aleppo Holz für Betonschalungen gekauft hatte, um sich selbstständig zu machen, rückte der Bomben- und Kanonendonner näher. Ali Salama ergriff 2015 mit seiner Familie und ein paar Habseligkeiten die Flucht.

Über die Aufnahmelager in Bayreuth und Kulmbach landeten die vier in einem Wohnheim in Strullendorf, Nach der Anerkennung als Flüchtlinge fanden sie vor zwei Jahren eine Unterkunft in einem Mehrfamilienhaus in Pettstadt. Da war und wird hinter den Kulissen schon Hilfe angeleiert, bis hin zur Sprachförderung der Kinder durch kundige Bürger.

Aus dem Strullendorfer Helferkreis war der Pettstadter Gemeinderat Gerhard Sterzer angespitzt worden, ein Sozialdemokrat vom alten Schlag, stellvertretender Personalratsvorsitzender der Sozialstiftung Bamberg. Ein Mann mit Erfahrung im Umgang mit Behörden, ein Macher und ein Glücksfall für die Salamas sowie zwei weitere Flüchtlingsfamilien, die noch in Pettstadt Quartier bekamen. Mit einem solchen Paten an der Seite fällt einiges leichter: freiwillige Umzugshelfer zusammentrommeln, Plätze im Kindergarten besorgen, Behörden besuchen. Dies und die Teilnahme am Deutschunterricht in Bamberg wird zum größten Problem, weil Pettstadt von den Stadtbussen abgehängt ist. Beim ÖPNV gehört das 2000-Einwohner-Dorf im Speckgürtel des Oberzentrums zum Entwicklungsland.

Ali Salama hat ein großes Ziel: Er will unabhängig von Sozialhilfe sein, selbst den Familienunterhalt verdienen. Vom Jobcenter bekommt er einen Arbeitsplatz bei einem Holz verarbeitenden Betrieb in Oberhaid angeboten. 30 Kilometer entfernt, ohne brauchbare Busverbindung durch oder um Bamberg herum. Eine mit dem Firmenchef vereinbarte Probewoche kann Salama zufällig auf einer Baustelle in Pettstadt leisten und er besteht sie mit Bravour.

Freiwillige melden sich

Der Chef will Salama einstellen und Ali sieht seine Chance. Gerhard Sterzer springt ein und transportiert seinen Schützling morgens ab 6.30 Uhr hin und um 16 Uhr zurück. Das geht ein paar Wochen gut, weil Sterzer zeitflexibel arbeiten kann und viele Überstunden abzubauen hat. Aber dann? Dann kommt dem Neubürger Ali Salama ein gerade erst zugunsten von nicht mobilen Senioren gebildeter ehrenamtlicher Fahrdienst zugute, das Pettstadter "BürgerMobil".

Die Quartiersmanagerin Annika Eckert startet im Rahmen des Entwicklungsprojekts "Soziale Stadt"einen Aufruf im Helferkreis und es melden sich tatsächlich Freiwillige, die sich mit Sterzer in die Aufgabe teilen: Angelika und Stefan Herold, Dr. Reinhold Weyer und zwei weitere Ortsbewohner bringen Ali teils mit ihren privaten Personenwagen, teils mit dem von der Gemeinde zur Verfügung gestellten E-Mobil aus dem Carsharing-Projekt des Landkreises nach Oberhaid und zurück. An jedem Werktag, drei Monate lang. Bürgermeister Jochen Hack sieht darin einen wichtigen Beitrag zur Integration und lässt gewähren.

Ali ist unendlich dankbar für diesen Dienst, aber er will selbst mobil werden. Auf eigene Kosten besucht er die örtliche Fahrschule. Die theoretische Fahrprüfung auf einem Fragebogen in arabischer Sprache besteht er auf Anhieb, die praktische schafft er erst im dritten Anlauf und nachdem ihm ein Gönner ein paar zusätzliche Fahrstunden gesponsert hatte. Schließlich bekommt er auch noch einen wohlwollenden Kredit, um sich einen billigen Gebrauchtwagen zu kaufen und sein Brot im fernen Oberhaid verdienen zu können.

Sein Vorarbeiter Bernhard Eichhorn und die Kollegen schätzen den eifrigen und gelehrigen Mitarbeiter aus dem Orient, auch wenn die Verständigung manchmal nur mit "Händ und Füß und dem Handy" funktioniert, dem Dolmetscher aus dem Internet.

Erfolg beim Gärtnern

Inzwischen darf (und kann) Ali in der Zimmerei kommissionieren, das heißt, eine Lieferung für eine Baustelle zusammenstellen. Er ist glücklich. Auch wenn er einräumt, dass seine Familie nach dem Wegfall aller Transferleistungen des Staates von seinem Monatslohn kaum besser leben kann als vorher. Zugute kommt ihm allerdings, dass er im Frühjahr den Rasen hinter dem Mehrfamilienhaus in ein Gemüsefeld umgewandelt hat. Die in Unkenntnis der Gefahr von Spätfrösten schon im März ausgelegten Bohnenkerne bringen einen überraschend guten Ertrag und vieles andere gedeiht auch ganz gut.

Zukunft ungewiss

Nicht nur auf diese Weise erwirbt sich Ali Salama den Respekt seiner Mitbürger. Weil er bei der Begleitung seiner Töchter zum Kindergarten oder zur Schule jeden anderen Passanten grüßt, heißt es bald, er sei einer der freundlichsten Pettstadter. Ob man ihn über kurz oder lang wieder ziehen lassen muss? Für einen Betonbauer gäb's in Syrien sicher viel zu tun - wenn er dort in Frieden leben könnte. "Kismet" - Schicksal, das der Mensch nicht in der Hand hat, gibt Ali Salama zur Antwort.

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