Bamberg
Steigerwald

Bringt München das Buchen-Schutzgebiet bei Ebrach zu Fall?

775 Hektar geschützter Wald lassen den Streit um Naturschutz in Bayern eskalieren. Im "Hohen Buchenen Wald" bei Ebrach stehen noch viele Starkbuchen. Doch wie ist es um ihren Schutz bestellt, wenn die Verordnung wieder aufgehoben wird? Ein Besuch in der Waldnatur Ebrachs inklusive Video.
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In Deutschland haben Baumriesen Seltenheitswert. Im Schutzgebiet "Hoher Buchener Wald" bei Ebrach finden sich noch viele solcher majestätischen Baumgestalten.   Fotos: Ronald Rinklef
In Deutschland haben Baumriesen Seltenheitswert. Im Schutzgebiet "Hoher Buchener Wald" bei Ebrach finden sich noch viele solcher majestätischen Baumgestalten. Fotos: Ronald Rinklef
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Es hat geregnet an diesem Montagmorgen im Steigerwald bei Ebrach. Die Blätter tausender Buchen glänzen. Ein friedliches Bild. Und ein trügerisches. Während uns Waldexperte Georg Sperber durch die Hallen des Buchendoms nördlich von Ebrach führt, klingt das Vokabular im Nürnberger Literaturhaus nach Streit. Hubert Weiger nimmt kein Blatt vor den Mund. Der BN-Vorsitzende hat die Presse eingeladen, um einen Großangriff auf den Naturschutz anzuprangern, einen "Präzedenzfall", wie es ihn in Deutschland noch nicht gegeben hat - die Rückkehr der Motorsägen in ein Naturreservat.

Es ist jener kleine Teil des Steigerwalds im äußersten Westzipfel des Regierungsbezirks Oberfranken, der eine veritable Krise auszulösen scheint. Ein Wald soll sich selbst überlassen werden? In Bayern? Das Kabinett versucht mit aller Macht, die Uhr zurückzudrehen.

Dabei hätte der "Hohe Buchene Wald" das Zeug zu mehr. Möglicherweise gar zum Welterbe der Menschheit. Das, obwohl die wenigsten bis vor kurzem überhaupt wussten, dass es dieses Waldstück gibt. Durch eine Verordnung hat es der frühere Bamberger Landrat Günther Denzler (CSU) aus dem Vergessen eines Nutzwaldes gerissen und mitten in den seit Jahren tobenden Generalstreit zwischen Waldnutzern und Naturschützern geworfen.



775 Hektar Wald, die einmal der Grundstein für eine Bewerbung bei der Unesco sein könnten. Andererseits 775 Hektar Wald, deren kommerzielle Verwertbarkeit mit jedem Quadratmeter Schutz sinkt und das Weltbild der Nutzer aus den Fugen geraten lassen.

Wir sind nicht die einzige Besuchergruppe, die am Montagvormittag dieses schöne Stück fränkischer Natur bewundert. Es ist gewiss kein Urwald mehr, könnte sich ihm aber schon bald nähern. Wer von Ebrach nach Norden wandert, freut sich über viele natürliche Waldbilder und eine Reihe von Starkbuchen, die dem Nutzwald etwas Majestätisches verleihen. Ehrwürdige bis zu 300 Jahre alte Baumgestalten ragen hier bis zu 45 Meter auf. Ihr Überleben an dieser Stelle ist historischen Zufällen zu verdanken. Es gibt nicht mehr allzu viele davon.
Doch es ist schwer, in der Debatte um den Steigerwald auf einen grünen Zweig und sichere Wahrheiten zu kommen. Der Wald, über den Sperber sagt, dass man weit reisen müsse, um Ähnliches in Deutschland erleben zu können, hat in den Augen der Staatsforsten dieses Siegel gar nicht verdient. "Wir sprechen hier von einem Forst, der nur 90 Jahre alt ist, ein reiner Wirtschaftswald, über dessen Unterschutzstellung sich viele Insider wundern", sagt Ulrich Mergner vom Staatsforstbetrieb geringschätzig. Doch merkwürdig: Der alte oder auch mittelalte Wald scheint eine Goldgrube zu sein. Auf 400.000 Euro schätzt Mergner den jährlichen Ertrag von 775 Hektar, was etwa vier Prozent der Forstbetriebsfläche entspricht. Sperber hält das für eine nicht zu belegende Behauptung: "Jährlich erwirtschaftet der Forstbetrieb auf seiner gesamten Flächen nur 800 000 Euro Überschuss. Da kann man sich ausrechnen, was vier Prozent bringen."

Doch es geht nicht nur um den Preis, den die Gesellschaft für Naturschutz zu zahlen bereit ist. Es geht auch um Versprechen und politische Glaubwürdigkeit. 2007 hat unter anderen der damalige Landwirtschaftsminister Horst Seehofer die Ziele der Biodiversitätskonferenz unterzeichnet. Danach sollen bis 2020 fünf Prozent der deutschen Wälder sich selbst überlassen werden. Heute gehört Bayern zu den Ländern, die beim Waldschutz im Bundesvergleich weit hinterherhinken.

Für die Grünen im Kreistag gibt es deshalb kein Zurück. Der Landkreis habe seine Hausaufgaben gemacht, meinen Andreas Lösche und Bernd Fricke. Sie fordern den Landrat Johann Kalb auf, dem "Getöse aus München" entschlossen entgegenzutreten. Doch der neue Landrat macht keinen Hehl daraus, dass er mit der Verordnung nicht zufrieden ist, die sein Vorgänger erlassen hat. Zwar will auch Kalb für den Schutz der alten Buchen eintreten, doch auf einem anderen Wege: durch Gespräche mit den Beteiligten, durch Konsens. Kalb bestätigt, dass es noch keine Pläne gibt, um den Kreistag mit dem Thema zu beschäftigen. Zuvor soll ein Konzept erarbeitet werden, das für beide Seiten tragbar sei.

Glaubt man dem Ergebnis unserer Umfrage auf infranken.de (nicht repräsentativ) spricht sich eine große Mehrheit von 76 Prozent unserer Leser für den Erhalt des Schutzgebietes aus. Nur 24 Prozent teilen die Bedenken aus München. Ein Kommentator fordert Landrat Kalb auf, "sich nicht gegen die eigene Bevölkerung zu stellen".

Kommentar des Autors:





Bayerische Rolle rückwärts

W ie verrückt ist das denn? Der Landkreis Bamberg hat mit dem neuen Schutzgebiet tatsächlich die Chancen, sich bei der Unesco um den Titel Welterbe zu bewerben und Franken einen weltweit anerkannten Glanzpunkt hinzuzufügen, der außer den Verzicht auf ein paar Festmeter Holz nichts kostet.

Und nun plant das Kabinett, angetrieben von einigen Scharfmachern um den von der Verwandtenaffäre gebeutelten Staatssekretär Eck, die Rolle rückwärts. Und während der private Investor für den Baumwipfelpfad bei Ebrach gerade das Weite gesucht hat, weil ihm das Engagement nicht profitabel genug erscheint, muss der Steuerzahler mit sechs Millionen einspringen, um ein Projekt zu verwirklichen, das ohne eine glaubwürdige und touristisch ernst zu nehmende Attraktion wie zum Beispiel ein Weltnaturerbe unweigerlich zum Flop werden wird.

Oder glaubt in München tatsächlich jemand, dass die Franken und ihre Besucher zehn Euro Eintritt bezahlen werden, um das Kreischen der Motorsägen und das Krachen der Harvester aus der Vogelperspektive zu verfolgen? Vielleicht sollte Horst Seehofer zwei Tage nach der Europawahl mal nach Bamberg schauen, das mit seinem Welterbestatus sehr gut leben kann. Während Ecks CSU in Unterfranken dramatisch verlor, legten die Bamberger Grünen auf 21 Prozent zu.
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