Pommersfelden
Schlossführung

Bock auf Barock? Hören Sie mal...

Hören wie ein hoher Herr, sehen wie ein Schönborn und fühlen wie ein Fürstbischof - Schloss Weißenstein beamt einen 300 Jahre in die Vergangenheit.
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Hört Ihr das Meeresrauschen? Angela Nusser nimmt die Schlossbesucher mit in die Unterwasserwelt der Muschelgrotte mit ihrer eindrucksvollen Akustik.  Fotos: Diana Fuchs
Hört Ihr das Meeresrauschen? Angela Nusser nimmt die Schlossbesucher mit in die Unterwasserwelt der Muschelgrotte mit ihrer eindrucksvollen Akustik. Fotos: Diana Fuchs
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Auf etwas Schönes wirft man gerne mal ein Auge. Allerdings ist das manchmal gar nicht so leicht. Die schönsten Dinge entziehen sich gern dem Blick, verbergen sich hinter Fassaden, verstecken sich hinter Masken. Aber durch einen Perspektivwechsel kann man sie vor die Linse bekommen.

Auf Schloss Weißenstein in Pommersfelden ist dieser Perspektivwechsel jetzt fester Bestandteil des Besucherprogramms. Bei einer interaktiven Führung können Groß und Klein die 300-jährige Geschichte des prachtvollen Barockbaus aus ganz neuen Blickwinkeln entdecken - statt mit Jahreszahlen und Daten "vollgepumpt" zu werden, stehen Sehen und Hören im Vordergrund. Und sogar das Tasten ist bei der Führung "Mit allen Sinnen erleben" ausdrücklich erwünscht.

Angela Nussers Hände stehen nie still. Immerfort sind sie in Bewegung, streicheln über Marmor und Marmor-Imitat, zeigen auf göttliche Gestalten, klopfen auf alte Steine. Die Kunsthistorikerin ist Wahl-Pommersfeldenerin. Bei ihrem ersten Besuch hier vor vielen Jahren hat sie nicht nur ein Auge aufs Schloss Weißenstein geworfen, sondern war gleich regelrecht fasziniert von diesem riesigen Bauwerk und seinem feudalen Ambiente im ländlichen Raum. "Nachdem Fürstbischof Lothar Franz von Schönborn sich in den Jahren 1711 bis 1721 seine Sommerresidenz hat bauen lassen, hat sich hier so gut wie nichts verändert. Das ist unglaublich!"

"Man müsste sich mal hinlegen..."

Obwohl sie selbst regelmäßig verschiedenste Themenführungen im Schloss anbietet, entdeckt sie immer noch neue Details. "Nachdem Gäste gesagt hatten, man müsste sich eigentlich mal hinlegen, um den Götterhimmel in der Eingangshalle richtig gut betrachten zu können, haben Antoinette Fehlinger vom Marketing der Schlossverwaltung und ich uns gedacht: 'Dann machen wir das mal.'" Und wie sie da so auf ihren Matten lagen und das riesige, bunte Deckenfresko 35 Meter über ihren Köpfen auf sich wirken ließen, wurde ihnen klar: "Wow, so haben wir das ja noch nie gesehen!"

Wie viele exotische Tiere sich dort droben tummeln! Wie lässig-lasziv Jagdgöttin Diana auf einem Hirschen reitet! Und dort macht sich hoch über dem 8000 Quadratmeter Raum umfassenden Treppenhaus sogar ein Menschenfresser zu schaffen...

Die Sonnenstrahlen, die direkt hinter Gott Apollon aus dem Himmelszentrum kommen, überstrahlen den personifizierten Blitz und den Donner, die an Wolken reiben und ihren blanken Atem in die Welt schicken. Die hellen Strahlen verbinden sich mit den Säulen, die im Treppenhaus nach unten führen - und leiten die Blicke der staunenden Menschen auf schnellstem Weg zurück in den Himmel. "Das ist einfach eine tolle Perspektive", fasst Angela Nusser ihre Eindrücke zusammen. "Deswegen haben wir beschlossen, dass die Gäste das Schloss auch mal aus anderen Blickwinkeln als gewöhnlich erleben sollen."

Vom Himmel geht es direkt ins Meer - in eine riesige Grotte aus Abertausenden Muscheln, Korallen, funkelnden und glitzernden Glas- und Tuffsteinen. Angela Nusser hat einen Schlägel dabei und lässt diesen über den Steinboden tanzen. Der Schlägel vibriert, das Echo breitet sich aus wie Wasserwellen. Man hat das Gefühl, in einer fantastischen Welt unter Wasser gelandet zu sein. "Verrückt, wie die Baumeister vor 300 Jahren schon mit Akustik und Wahrnehmung gespielt haben!", flüstert ein Besucher fast ehrfürchtig.

Eine Etage höher, im Festsaal, dürfen die Schlossgäste den Unterschied zwischen echtem und unechtem Marmor erspüren und im Treppenhaus schließlich hinter das Geheimnis des "Augenwerfens" kommen.

Ein Wandgemälde der Königstochter Io zieht die Blicke im doppelten Sinn auf sich. Was ist ihr passiert? Angela Nusser tauscht sich darüber gern mit den Besuchern aus. "Ich möchte keinen Monolog halten, sondern freue mich, wenn die Menschen mir ihre Gedanken mitteilen und ihre Fragen stellen." Natürlich erzählt sie die Geschichte mit den Argus- oder Argosaugen aber gern, wenn sie danach gefragt wird: Der große römische Gott Jupiter - kein Kostverächter, was schöne Frauen angeht - verguckte sich in Io und verführte sie. Aus Angst vor seiner eifersüchtigen Gattin Juno und um die Tat zu vertuschen, verwandelte Jupiter Io anschließend in eine weiße Kuh. Juno entdeckte dies jedoch und forderte die Kuh als Geschenk, was Jupiter ihr nicht abschlagen konnte. Juno ließ die weiße Kuh fortan vom hundertäugigen Riesen namens Argos bewachen.

Doch Jupiter hatte Mitleid mit seiner jungen Geliebten und schickte den Himmelsboten Hermes zu Argos, um diesen zu töten. Hermes tat, wie ihm geheißen worden war: Erst schläferte er den Hundertäugigen mit seinem Flötenspiel ein, dann schlug er ihm den Kopf ab, sodass Io - immer noch in Tiergestalt - fliehen konnte. Vorher allerdings entnahm sie dem Argoskopf noch seine 100 Augen - und warf sie auf das bis dato einfarbige Kleid ihrer Pfauen.

Die Szene, wie die Pfauenaugen entstanden, ist im Schloss Weißenstein eindrucksvoll festgehalten. Wer will, kann gern mal ein Auge drauf werfen.

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