Bamberg
Gesundheit

Blutegel - ein Selbsttest

Würmer sind tierisch gute Ärzte, findet Autorin Susanne Will - auch wenn's blutig ist.
Artikel drucken Artikel einbetten
Foto: kreativwerden/Fotolia
Foto: kreativwerden/Fotolia
+8 Bilder

Wenn ein Erguss das Gelenk aufs Dreifache anschwellen lässt, wenn Arthrose die Finger plagt oder wenn Krampfadern aus Beinen Landkarten machen - dann schwören viele auf den Einsatz eines tierisch guten Arztes. Sein korrekter Name lautet Hirudo medicinalis, er hat keine Beine, dafür 80 winzige Zähne: der Blutegel. Sie sind jetzt schon angeekelt? Dann lesen Sie bitte nicht weiter, denn es wird blutig. Ich habe es ausprobiert. Ich hatte einen hartnäckigen Erguss im Kniegelenk und den festen Willen, diesen zu bekämpfen. Mit allen Mitteln. Falls Sie doch weiterlesen sollten, seien Sie beruhigt: Die Geschichte hat ein Happy End.

Der Ausgangspunkt für den Einsatz der bis zu 15 Zentimeter langen Tiere ist ab einem gewissen Alter ziemlich banal: Der Innenmeniskus - immerhin wie der Rest auch schon 49 Jahre alt - quittierte eine unbedachte Bewegung beim Skifahren mit einem Riss. Seit Februar humpelte ich ohne Aussicht auf Besserung, im Juni stand der OP-Termin fest.

Nach der Operation füllte sich das Gelenk mit Blut. Auch eine Punktion eine Woche später verschaffte keine Erleichterung. Via Drainage und Punktion war insgesamt bereits ein dreiviertel Liter Blut aus dem Gelenk entfernt worden. Und das Knie schwoll wieder an.

Die Optionen: Eine weitere Operation unter Vollnarkose, um den Bluterguss auszuräumen. Oder absolute Ruhe, der Einsatz von Hausmitteln und die vage Hoffnung, so um eine OP herumzukommen.

Nach drei Tagen roch es in meiner Wohnung wie auf einer frisch geteerten Straße vor einer Molkerei. Denn zur Kühlung schmierte ich mir Quark aufs Knie (Tipp vom operierenden Knie-Spezialisten und Mama), und um den Erguss "rauszuziehen", machte ich mir Umschläge mit einer Teersalbe (Tipp: mein Zahnarzt). Ich schluckte Ananas-Enzyme (Tipp: Hausarzt) und drei Mal täglich Ibu 600 (Anweisung vom Operateur). Ich legte mein Bein in einen transportablen Magnetresonanz-Apparat (Tipp: Heilpraktiker). Ich holte mir Erfrierungen durch Kühlpads. Ich musste die Sonne meiden, da Wärme die Gefäße erweitert (Anweisung Klinik-Chef). Das Ende vom Lied: Ich schaute den ganzen Tag bei 33 Grad Außentemperatur auf dem Sofa liegend Horror-Filme auf Amazon Prime - dass es den Film-Opfern noch schlechter ging als mir, das befriedigte mich zutiefst. Aber ich war nach zwei Wochen selbst so blass und depressiv wie die Zombies aus The Walking Dead. Mein Zustand: Ich hätte alles getan - gemahlene Hühnerknochen in die Ecke geworfen und drumrum getanzt, wenn es geholfen hätte. Doch nichts half.

Das letzte Mittel: Blutegel. Mythen ranken sich um diese Viecher. Sie würden bei Arthrose helfen. Bei Entzündungen. Bei Gelenksergüssen! Ich holte den Heilpraktiker an Bord. Der bestellte vier Würmer bei einer Blutegel-apotheke. Sie kamen per Post in einem Kästchen aus Styropor, ausgehungert und lethargisch in Baumwollsäckchen.

Der Heilpraktiker strich mein Knie mit Butter ein, "das mögen sie, dann beißen sie besser". Wie auf einem belegten Brot also schlängelten sich die feuchten, glatten Egel auf meinem Knie - bis mir ein Schmerz, ähnlich wie dem Stich einer Pferdebremse, signalisierte: angebissen. Das ist nichts für schwache Nerven: Blutegel haben um die 80 Zähne, die sich 1,5 Millimeter tief in die Haut fräsen. Aus ihren Speicheldrüsen wird Hirudin in die Wunde abgesondert, was eine Blutgerinnung verhindert. Sobald sie an der Schmerzstelle angedockt haben, saugen sie sich mit dem Hinterteil in der Nähe des Maules fest - und sofort beginnt der muskulöse Körper zu pumpen. Man meint, man kann ein Schmatzen hören.

Ja, es ist schmerzhaft und ja, das ist auszuhalten. Etwa 45 Minuten saugten die Viecher an meinem Knie, bis sich einer nach dem anderen fallen ließ. Pappsatt und rülpsend, nehme ich an, denn nach dieser Mahlzeit würden die Blutegel etwa ein Jahr lang keine weitere Nahrung mehr benötigen, sagen Biologen. Und sofort, nachdem die Tiere das Saugen eingestellt hatten, rann Blut aus den vier Wunden. Klar: Der Wirkstoff Hirudin verhindert noch Stunden später, dass sich die Wunde verschließt.

So etwa eine Stunde lang könnte die Nachblutung dauern, sagten der Heilpraktiker und einschlägige Internetforen, danach käme nur noch eine wässrige Flüssigkeit.

Im Normalfall, ja. Nur: Mein Blut war durch die Einnahme von Ibu-profen 600 bereits wassersuppenartig verdünnt. Und so blutete ich fließend drei Stunden lang aus vier Löchern. Drei Stunden lang war ich damit beschäftigt, Kompressen im Minutentakt zu wechseln. Drei Stunden lang beobachteten Freunde erst fasziniert und dann schockiert, wie blass ein Mensch werden kann. Und kurz bevor ich mich entschloss, den Notarzt einzuschalten, stoppten die Blutungen.

Am Tag darauf: das große Jucken. Die kleinen Wunden brachten mich fast um den Verstand. Aber: Auch das geht vorbei. Zwei Tage später dann das Wunder: Der Erguss, der bis dahin das Knie wie zum Platzen prall gefüllt hatte, verflüssigte sich. Er wurde erst weicher, dann weniger. Ganz verschwunden ist er noch nicht, die langsamere Heilung ist aber auch meinem fortgeschrittenen Alter geschuldet.

Fazit: Ich würde es wieder tun - und natürlich das Ibuprofen weglassen. Und nur dann, wenn der Heilpraktiker ein Tierfreund ist. Denn normalerweise müssen die Tiere entsorgt werden. Wir brachten es nicht übers Herz. Ein Jahr lang werden die Tiere satt und zufrieden und mit der Verdauung meines Bluts beschäftigt sein - und zwar in einem Flüsschen in Franken.

Hier kriegen Sie Blutegel

In Deutschland gibt es wenige Blutegelfarmen. Vor 25 Jahren wurde die Biebertaler Blutegelzucht im hessischen Biebertal gegründet. Mitarbeiterin Chantal Flender sagt: "Wir erleben eine Renaissance des alten Heilmittels." Sprich: Immer mehr Krankenhäuser, Apotheken, Ärzte und Tierärzte bestellen in Hessen die tierischen Ärzte.

In Biebertal gibt es Kultur- und Importegel. Importegel kommen aus der Türkei oder Rumänen. "Sie leben 32 Wochen in Quarantäne", erklärt Chantal Flender.

Kulturegel werden vor Ort in Hessen gezüchtet, auch für sie gilt die Quarantäneregel, die vom hessischen Landeslabor überwacht wird. Kulturegel gibt es ab 7,13 Euro das Stück, Importegel ab 8,78 Euro.

Als Privatperson hat man seit 2012 kaum eine Chance, Egel zu bestellen. Wer eine Behandlung wünscht, sollte sich sich an Ärzte, Heilpraktiker oder Tierärzte wenden, die die Egel beziehen dürfen. sw

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren