Reckendorf
Millionenprojekt

Biermekka unterm Storchennest?

Wo wird das internationale Bierkulturzentrum Bamberger Land entstehen? Reckendorf will sich mit dem Areal zweier ehemaliger Brauereien bewerben.
Artikel drucken Artikel einbetten
Fachwerk, zwei ehemalige Brauereien plus ein Storchennest auf dem Schornstein hat das Areal zu bieten.  Fotos: Sebastian Schanz, BLfD
Fachwerk, zwei ehemalige Brauereien plus ein Storchennest auf dem Schornstein hat das Areal zu bieten. Fotos: Sebastian Schanz, BLfD
+4 Bilder

Gesucht wird nicht der Nabel der Welt, aber doch der Nabel der Bierwelt: Das Bierkulturzentrum Bamberger Land soll internationale Strahlkraft entwickeln. Anziehungspunkt und Erlebniswelt für Genießer, Tagungsort und Treffpunkt der Brauerszene mit angegliedertem Hotel, Museum und Archiv, dazu Freiflächen mit Hopfenanbau und Standplätze für Messen: All das umfasst das erste Konzept für das Mammutprojekt. So groß wie die Ambitionen sind auch die finanziellen Dimensionen. 39 Millionen Euro Gesamtkosten sieht der Entwurf vor, 21,5 Millionen davon nur für Baukosten.

Dieses Fass an Finanzmitteln weckt freilich Begehrlichkeiten - zumal in Reckendorf, dessen Bewohner ihren Ort ohnehin und ganz selbstverständlich für den Nabel der Bierwelt halten. Dafür sorgen zwei Brauereien. Die eine schenkt einen urigen Kulttrunk aus, die andere nennt ein "Omnium"-Sudhaus ihr eigen, das so innovativ die Rohstoffe nutzt, dass Brauexperten für Besichtigungen anreisen. Vor allem aber sind zwei ehemalige Brauereien der Grund, warum sich Reckendorf nun nach dem Willen des Gemeinderats um das Bierkulturzentrum bewerben will. Stolpinger-Bräu und Lechner-Bräu bilden mitten im Herzen Reckendorfs ein großes Areal mit Fachwerkfassade, alten Braustätten, Tanzsaal, Gastwirtschaft, Keller und einem Brauereiturm, auf dem der Storch residiert.

"Das Potenzial wäre auf jeden Fall da, man sollte ein 3D-Modell erstellen und offensiv an die Bewerbung herangehen, nicht nur das alte Gerutsche anbieten", warb Thomas Gunzelmann vom Landesamt für Denkmalpflege für die Bewerbung. Teile der Anwesen könnten über Fördertöpfe des Denkmalschutzes hergerichtet werden, andere könnten auch Neubauten weichen. "Das Doppelobjekt scheint prädestiniert zu sein, Reckendorf hat außerdem historische Bierkeller und eine Eiswiese zu bieten", erklärte Bürgermeister Manfred Deinlein (SPD). Die Gemeinderäte zeigten sich ebenfalls von der Idee angetan.

Die Gelegenheit sei günstig für Reckendorf, denn gerade läuft ein Zusammenspiel aus Städtebauförderung, Denkmalkonzept und Bürgerbeteiligung an, mit dem Ziel, den Ortskern zu beleben - also eben vor allem jene beiden ehemaligen Brauereigebäude.

Konkurrenz hat einige Trümpfe

Wie stehen die Chancen für einen Zuschlag? Man munkelt, sechs Gemeinden hätten sich bisher beworben. Im Landratsamt will das niemand bestätigen. Nur: "Mehrere Bewerbungen liegen vor".Wann eine Entscheidung fallen soll, wird ebenfalls nicht genannt. Klar ist aber, dass die Konkurrenz im Landkreis Bamberg - mit seinen rund 70 Brauereien und unzähligen Gastwirtschaften, Biergärten und Kellern groß ist.

"Memmelsdorf hat sich auch beworben, ein Standort in der Fränkischen Tosakana wäre sicher passend", bestätigt Bianca Müller, die Tourismusmanagerin für diese Region. Fünf Brauereien, die Nähe zur Weltkulturerbe- und Bierstadt Bamberg und zum Autobahnkreuz, dazu der 13-Brauereien-Weg: "Die Voraussetzungen sind gut", findet Müller.

Genussort wartet ab

In einem weiteren unbestrittenen Genussort im Bamberger Land gibt sich der Bürgermeister zurückhaltend: "Wir haben keine Leerstände wie Reckendorf und müssten einen Neubau anbieten. Wir warten deshalb derzeit noch auf weitere Informationen", sagt Roland Kauper (CSU) in Scheßlitz.

Das Thema wird in der nächsten Sitzung des Kreisausschusses des Kreistages behandelt - dann wird es sicher konkretere Anhaltspunkte geben. Neubau oder Sanierung von Altbeständen? Beides sei möglich, auch eine Kombination aus beiden, erklärt Sabrina Großmann, Sprecherin im Landratsamt. Der Konzeptplan geht von einer Grundfläche von 3000 bis 4700 Quadratmetern aus, von einer Nutzfläche auf allen Stockwerken zwischen 5300 und 8400 Quadratmetern.

Plan B in der Hinterhand

Ob das im Herzen Reckendorfs realisierbar wäre, zumal die Gemeinde das Areal erst noch erwerben muss? Wo sollten die Touristen parken? Fragen wie diese wurden im Gemeinderat nur gestreift, freilich noch nicht beantwortet. "Wenn sich herausstellt, dass es nichts wird, kann man den Prozess wieder abbrechen?" fragte Dritter Bürgermeister Hubert Rottmann. Ja, beruhigten Gunzelmann und Deinlein. Der eigentliche Prozess der Reckendorfer Ortskernsanierung dauert nämlich Jahre, ist mit Bürgerbeteiligungen und Denkmalkonzepten verbunden. Was am Ende entstehen soll, muss in diesem Prozess erst erarbeitet werden. Nur bietet sich derzeit eben die Chance für das Bierkulturzentrum - deshalb geht es nun darum, schnell ein erstes Bewerbungskonzept dafür zu erstellen. So schlug es Gunzelmann vor, und die Gemeinderäte stimmten zu.

Freilich haben die Reckendorfer Volksvertreter auch einen Plan B - und zeigten sich offen für Pläne C, D oder Z aus der Bürgerschaft. Seniorenwohnungen mit ambulanten und stationären Betreuungsangeboten, dazu ein reaktivierter Tanzsaal: Das wäre für den Bürgermeister eine gute Nutzungsmöglichkeit, wenn es mit dem Leuchtturmprojekt nichts werden sollte. Bei allen Plänen jedenfalls herrschte Einigkeit im Rat, was einen Bewohner des Anwesens angeht: Der Storch soll bleiben.

KOMMENTAR von Sebastian Schanz :

Nüchtern abwägen

Was der Reckendorfer Storch wohl eher unter seinem Nest dulden würde? Hundert Senioren oder 93 500 Besucher eines Bierkulturzentrums? Diese jährliche Anzahl nennt das Grobkonzept. Enorme Ausmaße. Ob dieses Prestigeprojekt - vom Wohnort des Landrats aus gesehen - ausgerechnet am anderen Ende des Landkreises entstehen wird, noch dazu unter einem SPD-Bürgermeister und im Altlandkreis Ebern? Ohne ein Fass aufzumachen: Man darf Zweifel anmelden. Aber bekanntlich macht Bier manchmal manches möglich. Reckendorf ist jedenfalls gut beraten, sich ganz nüchtern einen Plan B - und C und D - zu überlegen. Denn fest steht: Die Entwicklung des Ortskerns, wo sich Kirchgänger und Schrollpilger vermischen, sollte sich die Gemeinde nicht durch die Lappen gehen lassen.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren