Bamberg
Umwelt

Bienen fangen an Bamberger Straßenrändern

Ein Biologen-Büro untersucht die Auswirkungen der Blühstreifen in Bamberg auf die Insektenpopulation und Artenvielfalt. Neues Zuhause für gefährdete Arten?
Artikel drucken Artikel einbetten
Mit Netz im Schlepptau sucht Martin Bücker (links) nach Schmetterlingen am Berliner Ring. Gemeinsam mit einem Bienen- und einem Heuschrecken-Experten wird ausgewertet, welche Arten von den Blühstreifen profitieren - in Zusammenarbeit mit der Regierung von Oberfranken, dem Umweltamt der Stadt Bamberg und dem staatlichen Bauamt.  Fotos: Ronald Rinklef
Mit Netz im Schlepptau sucht Martin Bücker (links) nach Schmetterlingen am Berliner Ring. Gemeinsam mit einem Bienen- und einem Heuschrecken-Experten wird ausgewertet, welche Arten von den Blühstreifen profitieren - in Zusammenarbeit mit der Regierung von Oberfranken, dem Umweltamt der Stadt Bamberg und dem staatlichen Bauamt. Fotos: Ronald Rinklef
+1 Bild

Klaus Weber beobachtet den Straßenrand am Berliner Ring, auf dem bis zu 50 000 Fahrzeuge pro Tag entlangziehen. Nach kurzer Zeit lächelt er und macht eine schwungvolle Bewegung mit beiden Händen. Dann präsentiert er seinem begeisterten Publikum eine Gelbbindige Furchenbiene, die er so zwischen Daumen und Zeigefinger hält, dass sie mit ihrem Stachel an seinem Nagel abprallt. So werden weder Biene noch Bienenexperte verletzt.

Gefährdete Arten kommen wieder

Weber untersucht gemeinsam mit einem Schmetterlings- und einem Heuschrecken-Experten die Auswirkungen der Blühstreifen an Straßenrändern auf die Artenvielfalt. Den Auftrag, 20 Teilstrecken in Bamberg zu untersuchen, vergab die Regierung von Oberfranken an das Biologen-Büro von Martin Bücker, Vorsitzender des Bund-Naturschutz Bamberg - und auch Experte, der mit einem Fangnetz im Schlepptau nach Schmetterlingen Ausschau hält. Die Idee hatte Jürgen Gerdes vom Umweltamt der Stadt. Seit 20 Jahren wird in Bamberg an bestimmten Straßenrändern nur noch ein bis zwei Mal im Jahr gemäht. Auch diese Idee geht auf Gerdes zurück. Bisher wurden nur die Auswirkungen auf die Flora untersucht, von Geograf Hermann Bösch. In dieser Zeit hat sich die Anzahl der gefundenen Arten von 320 auf 463 erhöht.

"Nicht nur quantitativ, auch qualitativ", freut sich Bösch. Denn auch seltene und sehr seltene Pflanzen wachsen wieder, wenn auch hauptsächlich an Straßenrändern. Die Gesamtlänge der Blühstreifen wurde im Lauf der Jahre von sechs auf 22 Kilometer erhöht.

Wie sich das auf die Welt der Insekten auswirkt, sei noch kaum erforscht, sagt Gerhard Bergner von der Regierung von Oberfranken. Ergebnisse der Beobachtung sollen im Herbst präsentiert werden. "Wenn wir wissen, welche Arten da sind, können wir schauen, wie wir deren Lebensraum noch verbessern können." Das Konzept soll Vorbild für andere Städte und Gemeinden sein. Pflanzenexperte Bösch berate diesbezüglich bereits mehrere Gemeinden, von Litzendorf bis Dresden. Einige Erkenntnisse haben auch die Insekten-Forscher schon gezogen. "Ich finde viele Honigbienen, was mich eigentlich wundert", sagt Weber. Und Bücker hat auch schon eine Vielzahl von Schmetterlingen gefunden - obwohl es wegen der trockenen Vorjahre eigentlich weniger Raupen geben müsste.

Artensterben geht weiter

Und trotzdem: Bei Insekten wie auch bei den Pflanzen sterben deutlich mehr Arten aus, als hinzu- oder wiederkommen. Doch wann fing das große Sterben an? "In den 1960er-Jahren war die Welt noch in Ordnung", erinnert sich Biologe Bücker. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft in immer größere Betriebe mit immer mehr Pestizid-Einsatz in den 70ern seien es dann immer weniger Insekten geworden. Erschwerend hinzu kam der Klimawandel. "Wir versuchen, überall mehr Blühflächen zu schaffen, auch auf dem Land", sagt Pflanzen-Experte Bösch. Doch das gestalte sich alleine deshalb schwierig, weil kaum noch ein Landwirt die nötigen Gerätschaften besitze, sondern meist nur Mulchgeräte. "Will man Artenvielfalt, darf aber nicht gemulcht werden."

"Wir hoffen, dass durch unsere Arbeit und das Volksbegehren für Artenvielfalt ein Bewusstsein für das Thema entsteht und auch in den Gärten und auf dem Land nicht mehr alles gemäht wird", sagt Bergner von der Regierung. Auch Bienenexperte Weber hofft auf ein Umdenken: "Rettet die Bienen! Das ist wichtig!" Nach Auswertung der an den Bamberger Blühstreifen gewonnenen Erkenntnisse "wollen wir einen Leitfaden für Kommunen und Bürger entwickeln", sagt Bergner.

Es gibt auch Hoffnung

Noch haben die Forscher Hoffnung. "Denn Insekten können sich relativ gut erholen." Ein Beispiel sei das Überlieger-Phänomen, wie Weber erklärt: "Eigentlich schlüpft eine Generation im nächsten Jahr. Aber wenn die Bedingungen schlecht sind, schlüpfen manche einfach ein Jahr später, manchmal sogar zwei." Wie die Larven in den Eiern die Bedingungen einschätzen können, sei völlig unklar.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren