Kronach
Premiere

Beim Kronacher "Figaro" siegt der Witz über die Willkür

So funkelt das anspielungsreiche wie komische Stück bei den Kronacher Rosenberg Festspielen besonders hell.
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Kammerzofe Susanne (Stefanie Masnik, rechts oben) kann sich auf die weibliche Solidarität ihrer Herrin, der Gräfin Rosina (Susanne Rösch, vorne), verlassen.Fotos: Matthias Hoch
Kammerzofe Susanne (Stefanie Masnik, rechts oben) kann sich auf die weibliche Solidarität ihrer Herrin, der Gräfin Rosina (Susanne Rösch, vorne), verlassen.Fotos: Matthias Hoch
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Es könnte bei den Kronacher Rosenberg Festspielen alles so schön sein: Figaro (Dennis Pfuhl) - der gewitzte Kammerdiener des Grafen Almaviva (Lutz Leyh) - will seine Susanne (Stefanie Masnik) heiraten, die ihrerseits die Kammerzofe der Gräfin (Susanne Rösch) ist. Doch dann fordert ausgerechnet Figaros alternder Herr das bereits abgeschaffte "Recht der ersten Nacht" ein und will der Braut auf seine ganz spezielle Weise die Hochzeit "versüßen".
Als sich die Braut ihrem Auserwählten anvertraut, spinnen die beiden mit Hilfe der Gräfin ein kunstvoll geknüpftes Netz aus Intrigen. Doch der liebestolle Graf ist nicht das einzige Problem, das es aus dem Weg zu räumen gilt. "Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit" von Pierre Augustin Caron de Beauchmarchais diente auch als Grundlage für Mozarts Oper "Die Hochzeit des Figaros". Geschrieben im Jahr 1780, feierte das turbulente Verwirrspiel voller Sprachwitz, scharfzüngiger und bisweilen auch anrüchiger Wortwechsel erst 1784 seine Uraufführung.


Ein Onkel namens Weinstein

König Ludwig XVI. hatte aus Angst um seine Souveränität dem als revoluzzerhaft interpretierten Werk ein Aufführungsverbot erteilt. Den Siegeszug des Stücks aber verhinderte dies nicht. 1784 gab der König der Komödie über alle erdenklichen Torheiten der Liebe schließlich doch die Freigabe.
An Aktualität verloren hat das Stück bis heute nichts. Im Gegenteil: In Anspielung auf die "Me too"-Debatte wird dem Grafen ein englischer Onkel namens Lord Weinstein angedichtet. Der Hollywood-Produzent Harvey Weinstein soll über Jahre hinweg Frauen sexuell belästigt und vergewaltigt haben.
Um dem die Privilegien seines Stands skrupellos ausspielenden Lüstling Einhalt zu gebieten, bedarf es List und vieler Tricks: Da werden Pläne geschmiedet, um ihn eifersüchtig zu machen. Da werden Briefe geschrieben und Annäherungsversuche abgewehrt.
Zusätzliche Unruhe stiften der seinerseits in die Gräfin verliebte Page Cherubino (Tom Ohnerast) und der ebenso schmierige wie windige "Zupfgeigenhansel" Basilio (Klaus Meile).


Offene Rechnungen

Als wäre dies nicht genug, versuchen auch noch Dr. Bartolo (Gregor Nöllen) und Marzellina (Daniela Iliana) die Hochzeit zu hintertreiben.
Gegen ein Darlehen hatte Figaro der in die Jahre gekommenen Haushälterin einst leichtfertig ein Heiratsversprechen gegeben. Da er das Darlehen nicht zurückzahlen kann, will die Haushälterin nun die Hochzeit einklagen. Vertreten wird sie von Dr. Bartolo, der selbst noch eine alte Rechnung mit dem Kammerdiener offen hat.
Bei der Gerichtsverhandlung tritt ans Tageslicht, dass Figaro beider einst entführter Sohn ist. Endlich steht der Hochzeit von Figaro und Susanne nichts mehr im Weg.
Die Geschichte könnte damit beendet sein, doch Gräfin Rosina will Genugtuung. Dieses Mal ist sie es, die ein raffiniertes Komplott gegen ihren untreuen Mann einfädelt. Beim Showdown treffen alle Protagonisten aufeinander: Trubel und Verwechslungen erreichen ihren Höhepunkt. Schlauheit und Witz siegen über Willkür und Macht!
Regisseur Alexander Grünwald drückt dem Zeit- und Sittengemälde kräftig seinen Stempel auf. Frisch und temporeich kommt seine Inszenierung daher. In bloßen Klamauk schlittert sie dabei nicht.
Grünwald gelingt das Kunststück, "Figaros Hochzeit" zu entstauben, ohne die Authentizität und den Sprachwitz des Originals zu verlieren. Zu verdanken hat er dieses Glanzstück auch der vor Spielfreude nur so sprühenden und durch die Bank großartigen Besetzung.
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