Bamberg
Fähre

Bei Wind und Wetter über die Regnitz

Ohne den Einsatz Ehrenamtlicher gäbe es die Verbindung über den linken Regnitzarm in Bamberg nicht. Knapp 30 Frauen und Männer halten den Fahrplan aufrecht. Das Don-Bosco-Jugendwerk sucht noch Verstärkung für das Team.
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Mit seiner weißen Mütze ist er unverwechselbar: Fährmann Bernd Niemann Foto: Barbara Herbst
Mit seiner weißen Mütze ist er unverwechselbar: Fährmann Bernd Niemann Foto: Barbara Herbst
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Über 70 Einsätze an Bord hat Bernd Niemann heuer schon absolviert. Damit ist der 58-jährige Bamberger aus dem Stadtteil Kramersfeld der Spitzenreiter unter den ehrenamtlichen Fährleuten. Täglich außer Montag und an rund 250 Stunden im Monat setzen er und seine Kolleginnen und Kollegen im Schichtbetrieb bis in den Abend hinein Fußgänger und Radfahrer auf dem linken Regnitzarm über - vom Mühlwörth bei der Schleuse 100 zum Leinritt/Stephansberg und umgekehrt.

Bernd Niemann, Sandra Ehlers und Peter Gutsfeld trifft man am häufigsten auf der Fähre an; sie springen oft ganz kurzfristig ein, schließen von heute auf morgen Lücken im Dienstplan.


Einsätze werden über das Internet organisiert


Die ehrenamtlichen Fährfrauen und -männer organisieren ihren Einsatz über einen Internet basierten Kalender selbst und sind bei Wind und Wetter zur Stelle. Weil das Team mit knapp 30 Leuten relativ klein ist, funktioniert der Betrieb nur, weil einige besonders häufig Dienst tun. Einzelne leisten mehr, als es dem Projektleiter lieb ist. Er würde sich wünschen, die Arbeit könnte bald auf mehr Schultern verteilt werden.

Zur Entlastung der 25 bis 30 Aktiven sucht der Betreiber der Fähre, das Don-Bosco-Jugendwerk, dringend weitere Ehrenamtliche. 50 zu finden war das erklärte Ziel von Emil Hartmann, dem Gesamtleiter des Jugendwerks, als die Fähre Ende September 2012 ihren Betrieb aufnahm.

Projektleiter Christian Salomon hat zwar heuer ein paar Neue eingewiesen, aber nicht alle bleiben dabei. Andere können, weil sie zum Beispiel berufstätig sind, nur am Abend oder Wochenende eine Schicht übernehmen. Gäbe es einen Stamm von 40 Leuten wäre das nach seiner Rechnung eine spürbare Entlastung für die anderen. Dann wäre rein rechnerisch jede und jeder sechs bis sieben Stunden im Monat dran. Das wäre ein Maß, das aus Salomons Sicht in Ordnung ist. Dass Einzelne sich heuer schon bis zu 40 Stunden im Monat engagiert haben, bereitet dem Projektleiter Unbehagen und "manchmal schon ein schlechtes Gewissen". So viel Einsatz geht nach seinem Verständnis "weit über ein Ehrenamt hinaus geht".

Seit Saisonstart immer nach Plan


Dank des großen Engagements einiger Helfer war die Fähre seit Saisonstart kurz vor Ostern immer nach Plan in Betrieb. Selten musste Salomon selbst einspringen, so wie an Pfingsten. Der Grund lag auf der Hand: "Da hatten wir viele Urlauber."

Das Konzept für die Fähre mit dem ungewöhnlichen Namen "Chance Jugend" sieht vor, dass sie möglichst immer mit einem Zweier-Gespann besetzt ist: Ein ehrenamtlich tätiger Erwachsener und ein arbeitsloser junger Mensch aus dem Don-Bosco-Projekt "Zahltag" sollen idealerweise Teams bilden. Die jungen Leute erhalten nach dem Tagelöhner-Prinzip 20 Euro auf die Hand, wenn sie sechs Stunden am Stück auf der Fähre geholfen haben.

Dass nicht immer Jugendliche von "Zahltag" dabei sind, hat laut Salomon mehrere Gründe. Die Öffnungszeiten von neun und zehn Stunden sind zu lang für einen Jugendlichen und zu kurz für zwei Tagesschichten. Folglich sind Ehrenamtliche an jedem Tag meist für einige Stunden solo. Der Pädagoge teilt nach eigenen Angaben auch nur die zuverlässigsten Tagelöhner ein und gibt zu bedenken, dass die Fähre nur ein Betätigungsfeld von mehreren für seine Klientel ist.

"Zahltag" ist zugeschnitten auf junge Leute, die der Schulpflicht entwachsen aber arbeitslos sind. Sie leben zumeist zu Hause oder auf der Straße; in jedem Fall haben sie ihren Platz in der (Erwerbs)Gesellschaft noch nicht gefunden. Viele hätten mit Vorurteilen zu kämpfen, sagt Pädagoge Salomon. Die Besonderheit des Jobs auf dem Wasser für seine Schützlinge drückt der Projektleiter so aus: "Indem sie mit der Fähre eine kulturelle Tradition wiederbeleben, bekommen die Jugendlichen trotz ihrer problematischen Biographien die Gelegenheit, sich für ihr Umfeld und ihre Heimat wertvoll zu fühlen - und zu sein."

Fahrgäste erleben die Jugendlichen durchweg als freundlich und auskunftsfreudig: Sie erklären gern wie die Gierseil-Technik funktioniert, erfüllen oft die Bitte, ein Erinnerungsfoto zu machen und beantworten nach Möglichkeit auch touristische Fragen. Die Zusammenarbeit mit "den Jungs" (Bernd Niemann) klappt auch aus Sicht der Ehrenamtlichen ganz gut. Einer hat durch die Vermittlung eines Fährmanns kürzlich eine neue Ausbildungsstelle als Koch gefunden.

Durch FT-Bericht zum Ehrenamt


Auch Bernd Niemann ist arbeitslos, seit "seine" Firma aufgelöst wurde. Mit 58 Jahren und wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen hat er aber keine Hoffnung, noch einmal eine bezahlte Tätigkeit zu finden: "Da habe ich mir gedacht, ich suche mir eine unbezahlte Beschäftigung." Ein FT-Bericht im Jahr 2012 über die Suche des Don-Bosco-Jugendwerks nach Ehrenamtlichen für den geplanten Fährbetrieb kam für ihn "genau zum richtigen Zeitpunkt".

Was ihm an der Aufgabe so zusagt ist die Nähe zum Wasser und der Kontakt mit Menschen: Man treffe bekannte und neue Gesichter an Bord. Besonders gut gefalle es ihm, sagt der 58-Jährige, wenn Ältere bei der Überfahrt in Erinnerungen schwelgen und ihm und anderen Fahrgästen vom Schelch erzählen, der bis in die 1960er Jahre an dieser Stelle die Inselstadt mit dem Stephansberg verbunden hat. Oder vom "Haindampferla", das vom Mühlwörth nach Bug und zurück fuhr und an der selben Stelle anlegte, wo heute die Fähre hält.

Ansprechpartner Wer sich für das Ehrenamt auf der Fähre interessiert, wende sich an den Projektleiter Christian Salomon: Telefon 0176/19657046, E-Mail: christian.salomon@donboscobamberg.de

Voraussetzungen Interessenten müssen keine besonderen Voraussetzungen erfüllen. Sie werden in die Tätigkeit eingewiesen.

Projekt Die Fähre entspringt einer Idee des Bürgervereins Mitte und wird vom Don-Bosco-Jugendwerk Bamberg betrieben. Sie ist Teil des Jugendhilfeprojekts "Zahltag". Dieses bietet arbeitslosen jungen Leuten die Möglichkeit, sich tageweise Geld zu verdienen und will ihnen über kleine Erfolgserlebnisse den Weg ins Berufsleben erleichtern.

Fahrplan Die Fähre zwischen Leinritt und Mühlwörth verkehrt von Dienstag bis Freitag zwischen 10.30 und 20.30 Uhr, an Wochenenden und an Feiertagen jeweils von 12 bis 21 Uhr.

Preise Erwachsene zahlen 1 Euro, Kinder ab 6 Jahren 50 Cent. Fahrräder und Kinderwagen sind frei.
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