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Barbara, die 24-Stunden-Frau: Wie eine Polin Opa vorm Heim bewahrt

Ohne Barbara müsste der Rattelsdorfer Georg Schober wohl ins Heim. Die Polin kümmert sich Tag und Nacht um den Senior. Ihre eigene Familie sieht sie dafür kaum noch - doch eine Wahl bleibt ihr nicht. Ausländische Betreuungskräfte in der Pflege rufen auch Kritiker auf den Plan.
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Polin Barbara umsorgt Georg Schober aus  Rattelsdorf rund um die Uhr. Ausländische Betreuungskräfte rufen aber auch Kritiker auf den Plan. Foto: Ronald Rinklef
Polin Barbara umsorgt Georg Schober aus Rattelsdorf rund um die Uhr. Ausländische Betreuungskräfte rufen aber auch Kritiker auf den Plan. Foto: Ronald Rinklef
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Heute gibt es Kartoffelsuppe. Georg Schober sitzt im Esszimmer, schaut mit zusammengekniffenen Augen aus dem Fenster. Es ging ihm schon besser. Immerhin, der Appetit ist noch da. Trotz der Tabletten, trotz der Chemo. Seine Krebserkrankung macht dem 85-Jährigen zu schaffen. Alleine könnte der Rattelsdorfer (Landkreis Bamberg) zu Hause nicht mehr leben. "Barbara kümmert sich um alles", sagt er. Barbara, die Polin für Opa.

Rund um die Uhr versorgt die in Warschau geborene 63-Jährige den fränkischen Senior. Ihr Zimmer befindet sich gleich neben Schobers Schlafzimmer, beide Türen bleiben stets einen Spalt geöffnet. Falls etwas passiert. Sie kocht, sie putzt, sie hilft ihm beim Waschen, zieht ihn an, hievt ihn in den Rollstuhl und wieder heraus. Ein Heim kommt nicht in Frage, Georg Schober will auf jeden Fall daheim bleiben, in seinem Elternhaus.

Dort ist immer was los, zwei seiner acht Kinder wohnen mit im Haus, verteilt auf die oberen Etagen. Beide sind wie deren Partnerinnen berufstätig, ab und kommen einige der Enkel zum Damespielen ins Erdgeschoss. Aber niemand kann eine 24-stündige Pflegebetreuung für den angeschlagenen Senior gewährleisten. Dann kam Schwiegertochter Johanna Schober die Idee mit der ausländischen Betreuungskraft. Die gebürtige Polin machte selbst gute Erfahrungen, ihre eigenen Großeltern wurden lange von einer Osteuropäerin gepflegt.

Kurz darauf trat Barbara in das Leben der Schobers. Seit etwas mehr als drei Jahren ist sie nun schon in Franken. Erst pflegte sie im Wechsel mit anderen Polinnen Georg Schobers Ehefrau. Seit die im April verstarb, kümmern sich die Damen um den 85-jährigen Rattelsdorfer.

Den meisten Teil der Zeit übernimmt Barbara, sie gehört schon zur Familie. Die 63-Jährige sagt nicht viel, was daran liegen kann, dass sie kaum Deutsch spricht. Kein Problem, Schobers Schwiegertochter übersetzt ja. Und weil sie dem entgegen alles versteht, vor allem die Anweisungen und Wünsche des Gepflegten, gerät die Sprachbarriere in den Hintergrund.

Aktuell bleibt Barbara bis Mitte Januar 2020. Dann erst fährt sie wieder zu ihrer Familie nach Warschau. Ihre vier Kinder sind längst erwachsen, Enkel gibt es auch schon. Zweimal im Jahr nur kann sie ihre Geliebten in die Arme schließen, in der Restzeit müssen Telefon und Videochat ausreichen. Ihr Arbeitstag ist lang. Wenngleich sie nicht 24 Stunden lang durchschuftet, zehrt die ständige Rufbereitschaft an den Nerven. Das würde sie wohl nie zugeben. Doch ihre Augen verraten es.

Sie wirkt nett, anpackend und umsorgend. Aber warum sie sich das antue? "Pienia ? dze", sagt sie. "Geld." Die gelernte Altenpflegerin ist seit drei Jahren im Ruhestand. An Ausruhen ist aber nicht zu denken, die schmale polnische Rente (umgerechnet etwa 400 Euro) reicht geradeso fürs Nötigste. "Wer leben will, muss weitermachen", sagt sie.

Wie viel Barbara mit ihrem Mammut-Job verdient, will sie nicht sagen. Sie lächelt verlegen. Es reiche jedenfalls, um ihre Kinder und die Enkel finanziell zu unterstützen. Erfahrungsgemäß verdienen osteuropäische Frauen wie sie um die 1000 Euro netto, manchmal sogar weniger. Ausschlaggebend sind die beruflichen Erfahrungen, die Sprachkenntnisse und etwas Glück, an eine faire Agentur geraten zu sein.

Über die Zahl, wie viele Betreuungskräfte aus Osteuropa den Weg in deutsche Haushalte suchen, gibt es nur Schätzungen. Die Spanne reicht von 150 000 bis 600 000. Das Problem: Ein Großteil arbeitet schwarz, führt keine Sozialversicherungsbeiträge ab, taucht in keiner offiziellen Statistik auf und beutet sich in aller Regel selbst aus. Nur jede Zehnte verfüge überhaupt über einen Vertrag, schätzen Experten.

Barbara gehört zu dieser Minderheit. Angestellt ist sie wie die meisten über eine Agentur in ihrem Heimatland. Die Schnittstelle nach Franken bildet Schobers Schwiegertochter Johanna.

Die 42-Jährige betreibt gemeinsam mit ihrer Mutter eine eigene Pflegeagentur, über die sie überwiegend polnische Frauen in die Region vermittelt. Ihre Partneragentur in Polen gehört zu den größeren, etwa 380 Portfolios stehen in der Kartei. Vermittelt werden die in aller Regel weiblichen Betreuungskräfte in die Bundesrepublik und nach Luxemburg.

Das funktioniert ganz leicht: Eine Familie nimmt Kontakt zu einer Vermittlungsagentur wie der von Johanna Schober auf. Mit Fragebögen und Beratungsgesprächen werden Betreuungsbedarf und Vorstellungen, was sich die künftigen Gastgeber von der Betreuungskraft erwarten, detailliert geklärt. Ausgestattet mit diesen Angaben wenden sich die deutschen Vermittler an Partnerfirmen im Ausland, die dann passende Leute heraussuchen.

Auch weil solche Angebote wegen des deutschen Pflegemangels unabdingbar sind, boomt das Geschäft. Agenturen schießen wie Pilze aus dem Boden. Wer im Internet nach Angeboten sucht, wähnt sich in einem undurchsichtigen Dschungel. Doch es gibt auch regionale Anbieter, wie etwa die Agentur von Johanna Schober. "Die Nachfrage steigt", sagt sie. Ihre Agentur besteht seit 2017, mittlerweile gebe es sogar Wartelisten. Ihrer Meinung nach werde dieses Modell in der Zukunft der häuslichen Pflege weiter einen festen Platz haben.

Den hat auch Barbara bei Georg Schober. "Ich brauche sie eigentlich immer. Hierbleiben geht nur, wenn sie da ist. Und zu Hause ist es doch immer am schönsten", sagt er. Barbara versteht ihn, jedenfalls nickt sie zustimmend. Wie lange sie noch in Deutschland bleiben möchte, mehr als 900 Kilometer entfernt von Zuhause? Sie tritt aus der Küche heraus, stützt den Kochlöffel in die Hüften. Überlegt. Dann antwortet sie leise, kaum hörbar, natürlich wieder auf polnisch: "Solange ich Kraft habe, werde ich weitermachen."

Eine echte Wahl bleibt ihr nicht. Allenfalls die Hoffnung, selbst einmal gepflegt zu werden, wenn es denn nötig sein sollte. Von wem auch immer.

Wie lässt sich eine 24-Stunden-Kraft finanzieren?

Kaum bezahlbar ist die Rund-um-die-Uhr-Betreuung eines ambulanten Pflegedienstes. Laut Recherchen der Stiftung Warentest geht der monatliche Betrags ins Fünfstellige.

Ausländische Kräfte sind billiger. Familien müssen in etwa denselben Eigenanteil wie für einen Heimplatz einplanen. Der Großteil der Kosten muss selbst getragen werden. Unterstützung bringt das Pflegegeld und mitunter die Verhinderungspflege. Pflegegeld gibt es, wenn ehrenamtliche Personen die häusliche Pflege übernehmen, etwa Familienangehörige oder Nachbarn. Hierein zählen auch die Betreuungskräfte aus dem Ausland. Der Pflegebedürftige (oder ein Bevollmächtigter) erhält das Pflegegeld gestaffelt, ab Pflegegrad 2: 316 Euro (2), 545 Euro (3), 728 Euro (4) oder 901 Euro (5).

Verhinderungspflege Die Pflegekasse übernimmt Kosten für maximal 6 Wochen pro Jahr (Nachweis!), wenn jemand bereits sechs Monate vorher zu Hause gepflegt wurde (mindestens Pflegegrad 2). Jährlich gibt es dafür 1612 Euro.

Anstellung mit Fallstricken: So klappt's mit der ausländischen Betreuungskraft

Pflege-Unterstützung Viele Pflegebedürftige fühlen sich am wohlsten in den eigenen vier Wänden. Weil Angehörige eine durchgängige Versorgung in der Regel nicht alleine leisten können, suchen sie Unterstützung. Vor allem durch Personal aus dem osteuropäischem Ausland. Doch wie geht das?

1. Selbst Arbeitgeber werden

- in der EU gilt Arbeitnehmerfreizügigkeit, eine Erlaubnis ist also nicht nötig

- zu zahlen ist mindestens der deutsche Mindestlohn (zur Zeit 9,19 Euro/Stunde)

- weiter fallen an: Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung (Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung), Beiträge für die Berufsgenossenschaft

- Haushalte müssen mit mindestens 2000 Euro im Monat rechnen, zuzüglich Kosten für Internet, Telefon, Heimfahrten etc

- 24-Stunden-Betreuung durch eine Person ist nicht zulässig, die tägliche Arbeitszeit darf 8 Stunden nicht überschreiten; in Vollzeit besteht Anspruch auf 24 Tage Urlaub/Jahr

2. Über Vermittlungsagentur

- ein ausländischer Dienstleister übernimmt die Arbeitgeberpflichten, deutsche Agenturen helfen bei der Vermittlung

- Haushalte schließen in der Regel Verträge mit beiden ab, die Betreuungskräfte wechseln normalerweise alle paar Wochen oder Monate

- Kosten: mindestens 2000 Euro, plus Agenturgebühren

Kunden sollten einige Punkte unbedingt beachten:

1. Bedarf genau klären (Agenturen suchen etwa über Fragebogen geeignete Betreuer

2. Sprachkenntnis (je besser, desto teurer in der Regel)

3. Wohnsituation klären (eigenes möbliertes Zimmer, evtl. Bad, Internet, Telefon)

4. A1- Bescheinigung: Unbedingt zeigen, ggf. eine Kopie aushändigen lassen (weist nach, dass Betreuungskraft in Heimatland sozialversichert ist)

5. Verträge sorgfältig prüfen

3. Selbstständige Pflegekraft

Die Selbstständigen bewegen sich oft in einer rechtlichen Grauzone zur Scheinselbstständigkeit. Experten raten davon ab. Quellen: Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Stiftung Warentest

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