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Bamberger versorgte Generationen mit Gummibärchen

In Bambergs ältestem Schreibwarenladen gibt es noch immer Radier- und Fruchtgummis einzeln zu kaufen. Doch Ende des Jahres schließt Bernhard Schäflein.
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Steht seit über 50 Jahren im Laden: Ende des Jahres will Bernhard Schäflein aber aufhören. Am meisten vermissen wird er die Gespräche mit den Schulkindern, da ist er sich sicher.  Foto: Sebastian Schanz
Steht seit über 50 Jahren im Laden: Ende des Jahres will Bernhard Schäflein aber aufhören. Am meisten vermissen wird er die Gespräche mit den Schulkindern, da ist er sich sicher. Foto: Sebastian Schanz
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In Bernhard Schäfleins Laden scheint die Zeit stillzustehen, und das obwohl leise eine Wanduhr tickt. Vielleicht auch gerade deshalb. Mit der Ruhe ist es schnell vorbei, wenn die Tür aufspringt und Schulkinder den Laden stürmen. Viele Generationen von ihnen haben sich hier mit süßen Gummibärchen und sauren Fruchtschlangen eingedeckt, die es an der Theke seit jeher einzeln zu kaufen gibt - drei Cent das Stück. Der Preis hat sich über die Jahre geändert. Die Währung auch. Doch der Schreibwarenladen in der Frauenstraße, der älteste in ganz Bamberg, scheint über die Jahrzehnte irgendwie derselbe geblieben zu sein. Ein Unikat.

Die Kunden haben das Sagen

"Wir haben nicht alles, aber sehr viel. Und das, was wir nicht haben, braucht man auch nicht unbedingt", habe seine Mutter Katharina immer gesagt. So erzählt es Bernhard Schäflein vor den großen Regalen mit Heften, Mappen, Radiergummis, Briefumschlägen und, und, und. Hier gibt es noch Beratung beim Kauf eines Tintenkillers oder Klebestifts. Das Wissen über seine Waren bezieht der Ladenbesitzer von seinen Kunden - den Schülern, die ihm unverblümt sagen, welche Produkte sie gut und schlecht finden. Weiche und harte Bleistifte, biegsame und brechende Geodreiecke: "Bei der Beratung verlasse ich mich ganz auf meine Schulkinder", sagt Schäflein.

Sein Vater Ernst hat 1934 an die Buchbinderei den Laden angeschlossen. Eigentlich wollte der Sohn Elektrotechniker werden, doch nach dem Tod des Vaters ließ die Mutter ihm kaum eine andere Wahl.

Hat er es je bereut? "Nein", antwortet der 69-Jährige. "Mir würde etwas fehlen, hätte ich den Laden nicht übernommen." Dennoch will er Ende des Jahres aufhören. Nach über 50 Jahren hinter dem Tresen. Eigentlich wollte er schon früher zumachen, nun aber fällt der Schlussstrich mit dem temporären Umzug der benachbarten Maria-Ward-Schulen zusammen, die dann saniert werden.

Was er am meisten vermissen wird? "Sicher den Kontakt zu den Schulkindern, besonders zu den Schulmädchen der Maria-Ward-Schulen", sagt Schäflein und holt Luft für eine seiner vielen Anekdoten.

Über Freundschaft

Lachend gibt er einen Dialog zum Besten, der sich so zugetragen habe. Ein alter Freund von ihm habe sich im Laden einmal im Gespräch zwei, drei Gummibärchen genommen und gefuttert - kritisch beäugt von einer Fünftklässlerin. "Darf der Mann das denn?", habe die Schülerin gefragt. "Na, wenn Du mal 55 Jahre mit dem Herren Schäflein befreundet bist, darfst Du das auch", sagte der Mann demnach. "Aber dann lebt er ja gar nicht mehr!", habe das Mädchen erwidert - sich zu ihm umgedreht und ihn gefragt: "Wollen Sie nicht gleich mit mir befreundet sein, Herr Schäflein?" Das brachte dem Mädchen eine Gratistüte Gummibärchen ein. "Wir vereinbaren Stillschweigen", habe das Mädchen versichert.

Nicht nur über lustige Dinge hat der Ladenbesitzer in all den Jahren mit Kindern Stillschweigen vereinbart. Denn dem "Wunsch-Opa" erzählen sie auch, was in der Schule oder in der Familie alles schiefläuft. "Ich sage immer: Ich will das gar nicht wissen. Aber sie erzählen es trotzdem." Zum Dank dafür, dass er zuhört, dass er seinen Laden extra aufmacht, wenn zwei Schülerinnen ihre Parabelschablonen vergessen haben und Verweise drohen, und auch für die Tonnen an Gummibärchen hat Schäflein viele Geschenke bekommen. "Sie sind der Coolste!", steht auf einem Zettelchen. "Die Tafel macht sauer und Sie machen lustig", schrieb eine Schülerin. "Diese Liebesbriefe, wie ich sie nenne, hebe ich immer auf", sagt der Beschenkte.

Eine Institution

"Herr Schäflein wird zur Schulfamilie hinzugezählt, weil er Generationen von Schülern mit Schulbedarf und seinen Süßigkeiten versorgt hat", würdigt Dorothea Müller seine Arbeit - und die Konrektorin des Maria-Ward-Gymnasiums muss es wissen, denn sie bezog ihre Gummibärchen als Schülerin früher selbst von ihm. "Er ist seit Jahrzehnten ein vertrautes Gesicht für Schüler und Lehrkräfte. Eine Institution für Bamberg."

Lob hat auch Schäflein für seine Stammkunden übrig. "Die Schüler sind in all der Zeit netter geworden, ruhiger", berichtet er. Früher habe es unter den Buben noch viele Rowdys gegeben, das sei heute viel besser. "Geklaut wird heute auch nicht mehr. Das ist weg."

Geblieben ist die Freude an Süßigkeiten. Selbst Schüler des E.T.A.-Hoffmann-Gymnasiums hetzen in der Mittagspause vom Stephansberg herunter - für eine Handvoll Fruchtgummis.

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