Bamberg

Bamberger Studenten engagieren sich für Asylbewerber

Studierende engagieren sich nicht nur an der Universität, sondern auch ehrenamtlich - unter anderem beim Einsatz für Asylbewerber.
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Tarek J. Schakib-Ekbatan und der kleine Abdullah sind ein Herz und eine Seele. Foto: FaJa
Tarek J. Schakib-Ekbatan und der kleine Abdullah sind ein Herz und eine Seele. Foto: FaJa
Im Arbeitskreis "Freund statt fremd" versuchen einige Studierende und ich - im Rahmen unserer Möglichkeiten - Asylsuchende bei ihren Alltagsproblemen zu helfen. Dass das nicht nur traurig ist, lesen Sie hier.

Ich war schon etwas fuchsig, als Abdullah (alle Namen von der Redaktion geändert) mein Deutsch-Persisch-Wörterbuch nahezu komplett mit Schokolade verschmierte. Vor allem an den Rändern war es ganz braun. Ich hätte ihn gerne zur Rede gestellt, ihm aufgetragen, er solle einen monetären Ausgleich berappen, aber bei ihm ist ohnehin nichts zu holen. Überhaupt treffen alle Klischees, die manche Leute immer noch gegenüber Asylsuchenden haben, auf Abdullah zu. Weder hat er eine Arbeit, noch macht er den Anschein, als wäre es ihm besonders wichtig, sich zu integrieren. Außerdem spricht er auch nach fast zwei Jahren in Deutschland nur wenige Wörter deutsch.


Geklaute Kennedy-Zitate

Selbst ich, als toleranter Deutscher, beanstande das regelmäßig, wenn ich in Forchheim in der Zweizimmerwohnung der afghanischen Familie zu Besuch bin. Einmal erklärte ich ihm: "Abdullah, Du musst was aus Deinem Leben machen. Deutschland ist gastfreundlich, aber es geht nicht immer darum, was Dein Land für Dich tun kann, sondern auch darum, was Du für Dein Land tun kannst!" Meine Freundin Zamira guckte mich daraufhin böse an, nahm Abdullah auf den Schoß, streichelte seinen Kopf und sagte mir, ich solle aufhören, den Zweijährigen mit geklauten Kennedy-Zitaten zu verwirren.

Ich antwortete, dass gar nicht anständig belegt sei, ob John F. Kennedy wirklich sein berühmtestes Zitat geklaut hat, und sie sagte dann, dass Abdullah so oder so gar kein Land hat. Das stimmt in gewisser Weise auch. Als in Deutschland geborenes Kind afghanischer Flüchtlinge hat er die Staatsbürgerschaft seiner Eltern. Damit hat er kein anderes Dokument als seine Duldung. Auch wenn er noch nie afghanischen Boden bekrabbelt hat. Diese Duldung muss circa jedes halbe Jahr verlängert werden.

Seine Eltern haben mir aber versichert, dass er immer pünktlich mit seinem Dreirad zum Landratsamt strampeln und seine Duldung verlängern würde. Vielleicht habe ich da aber auch etwas missverstanden. Mein Persisch ist nicht so gut. Deshalb brauche ich ja das Wörterbuch.

Während meine Freundin mit den Augen rollte, das Wörterbuch sowie Abdullahs Finger von Schokoladenflecken reinigte, kamen seine älteren Geschwister sowie Kinder aller Herrenländer aus dem Asylbewerberheim auf mich zu gerannt und wollten etwas spielen. "Was?", fragte ich. Sie antworteten: "Das Artikel-Spiel!" Wie ich erfahre, ist dieses Spiel inspiriert von der Rate-Sendung "1,2 oder 3". Die Antwortmöglichkeiten stehen dort auf Tafeln vor den Kindern. Die Kinder müssen sich vor die richtige stellen und hüpfen dabei wie wild herum, bis schließlich das Licht angeht und verrät, ob sie sich für das richtige Feld entschieden haben.

Verkappter Quizmaster

In Forchheim spielen die Kinder das mit den drei Artikeln "der, die und das" - jeder Artikel ist ein Zettel auf dem Boden. Ich als Quizmaster musste nun ein Substantiv sagen, und die Kinder reihten sich vor den Artikeln ein. Dann musste ich auflösen. Die Mutter brachte währenddessen Tee und schüttelte lächelnd den Kopf über den Lärm der Kinder. Immerhin machte es ihnen Spaß. Sogar dem türkischen Jungen, der nicht verstand, wie das Spiel funktionierte, die ganze Zeit vor dem Zettel "die" stehen blieb und schließlich gewann.

Kurz darauf gerieten die iranische Shirin und die afghanische Farah-Diba darüber in Streit, wer besser deutsch sprechen könne, und wollten mich in die Rolle des Schiedsrichters drängen. Soviel Integrationswut fand sogar ich befremdlich. Ich antwortete, dass ich die Debatte sowieso nicht ernst nehmen würde, solange sie die Frage "wer spricht besser Deutsch?" auf Persisch diskutierten. Aber wenn, dann hätte ich Farah-Diba gewinnen lassen, weil ich nicht gut auf Shirin zu sprechen war. Sie fragte mich nämlich kurz vorher, wie alt ich sei. Ich sagte, sie solle raten. Sie antwortete: "40."

Über Kanzlerin verärgert

Kinder schätzen einen eh immer älter. Dafür schätzen Kiosk-Betreiberinnen einen immer jünger. Das ist wohl ein Naturgesetz. Neulich, an meinem 24. Geburtstag, fragte mich eine Kiosk-Dame - sie sah Frau Merkel erstaunlich ähnlich -, als ich gerade einen Lottoschein abgeben wollte, ob ich denn schon 18 Jahre alt sei. Ich sagte "Ja!", sie sagte "Ausweis!". Anstatt mir zu gratulieren, entschuldigte sie sich so: "Verzeihung, aber die Behörden schicken uns manchmal Minderjährige und richten die auf alt her, um uns zu testen."

Na prima! Für Kiosk-Damen, sehe ich aus wie ein auf alt hergerichteter Minderjähriger und für afghanische Kinder wie 40... Aber lange konnte ich ihr nicht böse sein. Also Shirin - der Kiosk-Dame bin ich immer noch gram. Frau Merkel übrigens auch! Die hatte nämlich neulich in ihrem Internet-Bürgergespräch zu Asylverfahren gesagt, "Jeder Mensch muss einzeln betrachtet werden" und auch, dass sie mit ihren Kollegen über einen Abbau von Bürokratie für Asylbewerber sprechen wolle.

Ich habe diesbezüglich beim Bürgertelefon der Bundesregierung angerufen und gefragt, ob es dazu denn auch konkrete Pläne gäbe. Man sagte mir, die Frage sei zu schwer und ich solle eine E-Mail schicken. Seit mehreren Wochen warte ich nun auf Antwort. Aber vielleicht kommt sie ja noch. So lange muss Abdullah eben noch mit dem Dreirad zum Landratsamt.



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