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Studentenportät

Bamberger Student: Aus der Salzgrube an die Uni

In einer kleinen Serie stellen wir Studierende an der Otto-Friedrich-Universität mit außergewöhnlichen Lebensläufen vor. Christophe Woehrles Geschichte könnte den Titel tragen: Man lebt nur zwei Mal.
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Christophe Woehrle studiert in Bamberg. Frau und Kinder leben in Frankreich. Foto: Tim Förster
Christophe Woehrle studiert in Bamberg. Frau und Kinder leben in Frankreich. Foto: Tim Förster
Christophe Woehrle lacht. Das tut er häufig. Als Masterstudent in den letzten Zügen mit guter Aussicht auf den Doktortitel hat er auch allen Grund dazu. Dabei verließ er die Schule bereits mit 14 und einige Jahre später - beinahe - das Leben ihn. Das war 2009.

Im Elsass, nahe der deutschen Grenze, begann 1969 eine Geschichte voller Überraschungen, vor allem für den, der sie erlebte, Christophe. Er ist es auch, der aus unerwarteten Wendungen und großen Mühen eine schöne Geschichte machte und heute sagt: "Ich habe nie etwas davon bereut."

Impfaktionen in Mali

Dabei bekam er die erste Gelegenheit dazu schon mit 14. Bei den Großeltern aufgewachsen, trat er nach dem Tod seines Opas die Arbeit in einer Salzgrube an. Geld musste verdient werden, die Schulzeit war vorbei. Christophe nahm es als Herausforderung, so wie er es immer tut, und stürzte sich mit Eifer in die neue Situation. Nach der Weiterbildung zum Chemikanten und dem Militärdienst bei der Hundestaffel gründete er eine Familie.

Seine Tochter war drei Monate alt, da machte sich der Vater auf nach Mali. Mit einem Freund führte er in dem afrikanischen Land Impfungen durch und machte einen Elfjährigen zum stolzen Besitzer eines Verkaufsstandes für Seife. Zu diesem Zeitpunkt war das Leben für die junge Familie in Ordnung.

Dann kam die nächste große Wendung. So fand sich Christophe als Chemikant in der Schweiz wieder, für zehn erfolgreiche Jahre, bis ihn eines Abends beim Fernsehen ein stechender Schmerz durchfuhr. Zwei Silben waren alles, was die Ärzte im Krankenhaus herausbekamen, Silben, die mehr Angst machen können als die schrecklichste Diagnose: "Oh-oh."

Große Teile der inneren Organe seien zerfressen, man würde sofort operieren, hieß es. Doch das musste warten, für ein vielleicht letztes Abendbrot mit der Familie. Nach der sechsstündigen Operation am nächsten Tag drohte die Lunge auszufallen. Die Familie kam zu einem Abschiedsgruß, während die Ärzte das künstliche Koma vorbereiteten. Doch ein Satz musste noch gesagt werden, ein Versprechen: "Wenn ich hier rauskomme, gehe ich wieder in die Schule." Drei lange Wochen dauerte es, bis der Körper die Schwelle zum Tod verließ und erneut den vollen Dienst antrat.

Rasante Aufholjagd

Der erste Weg in Christophes neuem Leben führte ihn vom Krankenbett aus direkt an den Schreibtisch seines Chefs. Dem kündigte er noch am selben Tag - fristlos. Es gab ein Versprechen zu erfüllen, das die nächsten fünf Jahre zu einer rasanten Aufholjagd machen sollte.

Der erste Schritt war ein Schulabschluss. Also meldete sich Christophe, ein Vierteljahrhundert nachdem er die Schule als Jugendlicher verlassen hatte, an der Abendschule an, lernte zum ersten Mal Latein und schrieb nach einem Jahr ein sehr gutes Abitur. Nächtelange harte Arbeit und keine Gnade mit sich selbst, alles aus Spaß, wie er sagt. Denn seine Reise sollte ihn nach Straßburg führen, an eine der vier großen Eliteunis des Landes, 20 freie Plätze bei 1000 Bewerbern.

Doch Studenten über 28 hatte man dort noch nie aufgenommen, allgemeine Vorschrift. Nach einer Gesetzesänderung just in diesem Jahr war Christophe an der Uni deshalb der erste Einsteiger seines Alters. "Machen sie sich um mich keine Sorgen", erklärte er dem Direktor am Telefon, "das ist es, was ich unbedingt will."

Aber die Zeit sollte noch anstrengender werden als zuvor. Nichts als Arbeit Tag und Nacht, flüssiges Latein und Kommilitonen, die allesamt jünger und fitter waren als er, forderten Christophe über die Belastungsgrenze hinaus.

Es kam zum Gespräch mit den Dozenten: In einer deutschen Stadt namens Bamberg sollte es eine Partneruni geben - perfekt. So begann das Studium der Geschichte in Deutschland. Dann Basel, dann wieder Straßburg, ein guter Bachelorabschluss und das Masterstudium in Bamberg.

Dieses wird Christophe bald abschließen, fünf Jahre, nachdem er sich beinahe für immer aus dem Leben verabschiedet hatte. Er fühlt sich jung, ist kontaktfreudig und glücklich. Doch hin und wieder spürt auch er, was es heißt, mit 45 Jahren einer der ältesten Studenten an der Uni zu sein und Tiefpunkte alleine durchstehen zu müssen. Frau und Kinder sind in Frankreich. Jeden Abend wird geskypt und alle zwei Wochen fährt Christophe zu ihnen.

Derzeit sitzt er an seiner Masterarbeit über französische Kriegsgefangene. Auf seinen Forschungsreisen traf er die Angehörigen der Opfer und sammelte 50.000 Dokumente, erstellte 700 Lebensläufe, durchforstete alte Chroniken. Jetzt geht es ans Auswerten, das will er bei seiner Familie in Frankreich tun. Was andere als lästige Pflicht sehen, macht ihn glücklich. Er ist froh, studieren zu können, weil er es möchte und sich mit Feuereifer vorangekämpft hat. So wie er es immer tut, in allem eine Chance sehend: "Ich nehme das Leben wie es kommt und nutze jede Gelegenheit, die sich ergibt. Auch im Schlechten kann man Gutes entdecken."

Engagement für Stolpersteine

Quasi nebenbei hält Christophe Vorträge in Deutschland und Frankreich, treibt bundesweit die Verlegung von Stolpersteinen für Kriegsopfer voran und bereitet sich auf seine Dissertation über Kriegsgefangenschaft in Schweinfurt vor.

Einen Doktorvater hat er schon. Ist er stolz auf sich? - Stolz? "Nein, aber meine Oma ist stolz. Sie erzählt ihren Freundinnen im Altenheim, dass ihr Enkel es aus der Salzgrube an die Uni geschafft hat. Das macht mich glücklich."




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