Bamberg
Prozess

Bamberger Kirchenschänderprozess: Spielfrust schürte Wut auf Gott

Er hat im Frühjahr 2018 Kreuze bespuckt und heruntergerissen. Als Motiv gibt der unter einer Psychose Leidende sein Pech im Spiel an.
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Der junge Mann spuckt aufs Kreuz. Immer wieder. Minutenlang. Ganz in sein Tun vertieft. So beschreibt ein Zeuge vor dem Landgericht Bamberg seine Eindrücke von Maris V. (Name geändert), den er am 21. April 2018 in der Mittelstraße beobachtete. Der Zeuge fotografierte V. und sprach ihn an: "So etwas tut man doch nicht." Doch der heute 26-Jährige sagte nur: "Verpiss dich, Alter. Das geht dich nichts an."

Das Bespucken des Kreuzes in der Mittelstraße sollte der Auftakt zu einer ganzen Reihe ähnlich gelagerter Taten bleiben, für die V. im April und Mai 2018 die Erlöserkirche, die Heiliggrabkirche, die Ottokirche, St. Kunigund und die St.-Martin-Kirche heimsuchte. Mal stieß V. Heiligenfiguren um, mal nahm er Kreuze von den Wänden, um sie zu Geld zu machen. Und wieder spuckte er aufs Kreuz. Dieses Treiben endete, als V. bei einem Ladendiebstahl seinen Rucksack samt Ausweis verlor. Der Mann auf dem Ausweis war derselbe, der vom Zeugen fotografiert worden war. Und auch ein Gebrauchtwarenhändler meldete V. bei der Polizei, nachdem der ihm zwei geraubte Kirchenkreuze zum Kauf angeboten hatte. Dass der Ladendieb dann kurz darauf in der Polizeiinspektion vorbeikam, um seinen Rucksack zu holen, war auch für die Ermittler eher außergewöhnlich.

Zu Prozessbeginn ließ der Angeklagte noch durch seinen Verteidiger Thomas Gärtner erklären, dass er sich nicht zur Sache äußern wolle. Doch dann ändert der seit 2001 in Deutschland lebende Lette seine Meinung: "Ich gebe das alles zu, außer die Schmiererei in der Martinkirche." Der Arbeitslose habe in dieser Zeit immer wieder Spielotheken besucht und dort das Geld verspielt, das ihm seine Mutter gegeben hat. Eigentlich sei V. gläubig und in Deutschland katholisch geworden, sagt er. "Aber das mit dem Spielen hat mich voll fertig gemacht. Alles verspielt, das kann es doch nicht geben. Ich dachte, Gott will mich opfern."

Daraus sei dann Hass entstanden, nach jeder Pechsträhne ließ V. seine Aggressionen in Kirchen oder an Wegekreuzen aus. "Ich bin auf die schiefe Bahn geraten und würde mich gern behandeln lassen", sagt V., der von Depressionen, Selbstmordversuchen und aggressiven Schüben berichtet - die er auch mehrfach an Gefängniszellen ausließ: "Der Druck wurde immer größer, die Wände enger. Wenn ich die Zelle zerschlagen habe, ging es mir wieder besser." Die Verlesung der Vorstrafen durch die Richter dauert mehr als eine Stunde, Diebstähle, Fahren ohne Fahrerlebnis und zahlreiche Körperverletzungen brachten V. mehrjährige Jugendstrafen und die Unterbringung in der Psychiatrie ein. Das Amtsgericht stellte ihm einen Betreuer zur Seite - mit dem er aber auch nicht zurechtkommt. So sehr V. die Haft zu schaffen macht (er beantragte sogar seine Abschiebung nach Lettland, um freizukommen), hindert sie ihn doch nicht daran, immer wieder straffällig zu werden. Und auch hinter Gittern kommt es mehrfach zu gewalttätigen Auseinandersetzungen - und sei es nur, weil ein anderer Häftling das gleiche Buch ausleihen will.

"Der Angeklagte litt während sämtlicher Tatgeschehen an einer krankhaften psychotischen Störung, welche seine Einsichts- und Steuerungsfähigkeit erheblich beeinträchtigte", stellt Staatsanwalt André Libischer bei Verlesung der aktuellen Anklageschrift fest. "Er kam mir so vor, als sei er ein bisschen neben der Spur", sagt der Zeuge aus der Mittelstraße. Auch im Prozess merkt man dem 26-Jährigen an, dass es ihm von Stunde zu Stunde schwerer fällt, ruhig zu bleiben. Er rutscht hin und her, fährt sich durchs Gesicht - und wünscht sich doch, "dass wir das heute durchziehen, mir geht es nicht gut".

Doch dieser Wunsch V.s kann nicht erfüllt werden, am 30. Januar wird der Prozess mit zwei Gutachten und den Plädoyers fortgesetzt. Dann wird die Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Markus Reznik zu einer Entscheidung kommen.



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