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Bamberger halten die Fahne von Troppau hoch

Ein Gedenkstein am Troppauplatz in Bamberg-Ost erinnert seit 50 Jahren an die Patenschaft, die Bamberg für die heute tschechische Stadt Troppau übernommen hat. Am Samstag feiert die Heimatkreisgemeinschaft Troppau das Jubiläum. Mit dabei sein wird der 85-jährige Hermann Frey.
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Hermann Frey (links) und Dieter Rehmann mit der Fahne der Heimatkreisgemeinschaft Troppau im Bamberger Troppau-Zimmer. Alle Fotos: Matthias Hoch
Hermann Frey (links) und Dieter Rehmann mit der Fahne der Heimatkreisgemeinschaft Troppau im Bamberger Troppau-Zimmer. Alle Fotos: Matthias Hoch
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"Bei unseren Bundestreffen waren wir früher 3000 bis 4000 Menschen", erinnert sich Hermann Frey. Er wurde vor 85 Jahren in Alt-Zechsdorf geboren, einem Ort im damaligen Landkreis Troppau und fand 1946, wie viele seiner Landsleute, in Bamberg eine neue Heimat.

Dass es hier einen Troppauplatz und den Troppaustein gibt und Bamberg 1958 die Patenschaft für seine alte Heimat übernommen hat, bedeutet dem Senior viel. Ehrensache, dass er am Samstag pünktlich um 11 Uhr am Gedenkstein sein wird, wenn mit einer Feierstunde der Enthüllung vor 50 Jahren gedacht wird.

Frey war auch 1964 dabei, als die Stele eingeweiht wurde. Die Enthüllung war der Höhepunkt des 4. Troppauer Bundestreffens in Bamberg, im Beisein zahlreicher Prominenz.
Angefangen beim Bamberger Oberbürgermeister, der damals Theodor Mathieu hieß, bis zu Erbprinz Hans Adam von Liechtenstein, der seinen Vater als Schirmherrn der Troppauer vertrat.

Der Troppaustein, eine Arbeit des schlesischen Bildhauers Engelbert Kaps, zeigt in acht Reliefs Szenen aus der Geschichte der namensgebenden Stadt: von ihrer Gründung anno 1229 bis zu ihrer Zerstörung 1945 und der Ankunft vieler von dort vertriebener Menschen in Bamberg im Jahr 1946.
Die Darstellungen sind nach einem halben Jahrhundert stark verwittert und verflacht und nur noch schwer zu erkennen.

50 Jahre nach der Enthüllung leben nicht mehr viele Frauen und Männer der "Erlebnisgeneration", wie Andreas Henger, der Erste Vorsitzende der Heimatkreisgemeinschaft Troppau, die Vertriebenen nennt. Er rechnet am Samstag mit höchsten zehn bis 15 Zeitzeugen, die kommen werden.
Fast 70 Jahre nach Kriegsende sind nur noch wenige in der Lage, aktiv am Vereinsleben teilzunehmen. Frey gehört zu ihnen.

Trotz seiner 85 Jahre steigt der ehemalige Stadtbus-Fahrer noch scheinbar mühelos die steile Treppe hinauf zum Troppau-Zimmer, im zweiten Stock des städtischen Anwesens Hauptwachstraße 16. Frey kennt sich in der so genannten Heimatstube seiner Landsmannschaft gut aus. Von 1964 bis 1982 hat er sie betreut und Karteien aller Mitglieder angelegt, aus denen die alte und neue Adresse, der alte und neue Arbeitgeber, Geburtstage, Todestage und viel mehr hervorgehen.

Heute kümmert sich Dieter Rehmann (54) - ebenfalls ehrenamtlich - um die Mitgliederdatei und die nur grob geordnete Sammlung aus Fotografien, Büchern, Gemälden, Trachten, Urkunden und, und, und. Alles Erinnerungsstücke an und von Menschen aus Troppau und Umgebung.

Einstimmiger Beschluss

Im Troppau-Zimmer, das genau genommen aus mehreren Räumen besteht, hängt auch die Urkunde, die die Patenschaft durch Bamberg dokumentiert. Der Stadtrat hat sie 1958 beschlossen, einstimmig.
Einer der Kommunalpolitiker, die sich damals für eine enge Verbindung zwischen Troppau und Bamberg einsetzten, war Rudolf Mader vom "Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten". Der Fotografenmeister hinterließ der Heimatkreisgemeinschaft ungezählte Fotos und Negative aus der alten Heimat und von den Aktivitäten in der neuen.

Was die Stadt Bamberg zur Patenschaft motivierte? Zum einen "eine freiwillige moralische Fürsorgepflicht" für die zahlreichen Troppauer unter den Flüchtlingen, so heißt es in einem Sonderdruck "50 Jahre Troppauer Gedenkstein Bamberg".
Zum anderen sollen es die vielen Parallelen gewesen sein, die es zu der ehemaligen Landeshauptstadt Sudetenschlesiens gab, wie Frey sagt. Sie sei bis 1945 eine schöne, geschichtsträchtige Schul- und Kulturstadt vergleichbar mit Bamberg gewesen, auch eine Sportstadt. Die gerahmten Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die in der Heimatstube an Wänden hängen und lehnen, bestärken seine Worte.


Bunte Sammlung

Wer unter dem Dach der Hauptwachstraße 16 ein schmuckes kleines Museum erwartet, würde enttäuscht. Die Sammlung wartet darauf, professionell gesichtet und archiviert zu werden. Rehmann sagt, er wäre froh um fachkundige Hilfe. Er ist sich mit Frey und Henger sicher, dass mancher Schatz in den Regalen und Schränken liegt, der nur darauf wartet, gehoben zu werden.

So sieht es auch Bambergs Stadtheimatpflegerin Stefanie Eißing. Nach ihren Worten hat die Heimatpflege den Handlungsbedarf erkannt, aber noch keine Antwort auf die Frage, wie sie mit den Sammlungen in den Heimat-stuben umgehen soll.

In Bamberg ist die der Troppauer einzigartig. Nach Auskunft von Rosemarie Pezzei, Vorsitzende des Kreisverbands des Bunds der Vertriebenen, gibt es hier zwar fast zehn Landsmannschaften, aber nur diese eine Heimat-stube.

Das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa arbeitet seit 2008 an einer Dokumentation der Heimatsammlungen in Deutschland. Es listet auf seiner Internetseite 85 in Bayern und 590 im Bundesgebiet auf.

Familiennachrichten das Wichtigste

Rehmann ist die Betreuung der "Heimatstube" vor Jahren zugewachsen, genau so wie die Herausgabe der monatlichen "Troppauer Heimat-Chronik". Die Vorgänger hätten aufgehört und es habe keine Nachfolger im Verein gegeben, erzählt der 54-Jährige. So habe man ihm die Ehrenämter angetragen.

Er kam über seinen Beruf dazu: Als Schriftsetzer beim früheren Bamberger St. Otto-Verlag hatte er jahrelang mit der Publikation zu tun. Sie sei ihm durch die Arbeit ans Herz gewachsen, sagt Rehmann. Wohl auch, weil es eine persönliche Verbindung gibt - eine Großmutter stammt aus Mährisch-Schlesien - übernahm er die Verantwortung für diese besondere Art Vereinszeitschrift.

Die August-Ausgabe enthielt den Sonderdruck "50 Jahre Troppaustein". Wie in jedem Heft, nehmen - neben Beiträgen zur Heimatgeschichte - Geburtstagslisten und Familiennachrichten breiten Raum ein.
"Unsere Leute warten jeden Monat darauf", versichert der Vereinsvorsitzende: "Die Chronik ist das, was die Menschen an uns bindet." Noch gibt es rund 700 zahlende Mitglieder und somit Bezieher in aller Welt, auch in Australien und den USA.

Wie es mit der Publikation weitergeht, wenn mit der Mitgliederzahl die Jahresbeiträge und das Spendenaufkommen sinkt und eines Tages nicht mehr reichen wird, um die Druckkosten zu zahlen? Andreas Henger weiß es nicht.

Auch er gehört nicht mehr zur "Erlebnisgeneration". Zur Mitarbeit im Verein sei er durch seine Mutter gekommen und habe dann immer mehr Funktionen übernommen, weil Ältere sich zurück gezogen haben. Henger ist Jahrgang 1961.

Andere seines Alters und viele Jüngere interessieren sich nach seinen Erfahrungen nicht mehr für die Erinnerungskultur ihrer Vorfahren, auch wenn diese Krieg und Vertreibung mitgemacht haben. Anrufe, in denen dem Verein "alte Sachen" von der verstorbenen Oma oder dem Opa angeboten werden, gibt es wohl immer öfter. Die übliche Frage lautet dann, so Henger: "Wollt ihr es haben? Sonst werfen wir es weg!"

Auf diese Weise wächst der Bestand im Troppau-Zimmer um immer neue Stücke. Zum Wichtigsten aus Rehmanns Sicht gehören alte, zweisprachige Adress- und Telefonbücher aus der betreuten Region. Oft suche er darin für Nachfahren Vertriebener, die das (Groß-)Elternhaus im heutigen Tschechien besuchen wollen, Anschriften heraus.

Hermann Frey selbst musste seine Heimat Anfang 1946 verlassen. Bis zum Mauerfall hat er sie nicht wiedergesehen. Dass die Erinnerungen in Bamberg in Gestalt eines nach Troppau benannten Gedenksteins und Platzes weiterlebt, freut den 85-Jährigen sehr.

Und er lobt die Stadtgärtner, weil sie sich "so große Mühe mit dem Blumenschmuck am Troppaustein geben".
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