Bamberg
Friedhofsrundgang

Bamberger Friedhof: Begraben, aber nicht vergessen

Willy Messerschmitt, Karl Remeis, Lukas Schönlein: Sie alle fanden auf dem Bamberger Friedhof die letzte Ruhe. Aber nicht nur ihre Geschichten erzählen Grab- und Gedenksteine. Lust auf einen Rundgang, der an Abenteuer, Leidenschaft, aber auch menschliche Tragödien erinnert?
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Das Ehrengrab, das an den Juristen Ignaz Wolf und seine Frau Laura erinnert. Zum Gedenken an ihren früh verstorbenen Sohn Edgar gründeten beide eine Stiftung für wohltätige Zwecke, die heuer ihr 100-jähriges Bestehen feiert.  Foto: Petra Mayer
Das Ehrengrab, das an den Juristen Ignaz Wolf und seine Frau Laura erinnert. Zum Gedenken an ihren früh verstorbenen Sohn Edgar gründeten beide eine Stiftung für wohltätige Zwecke, die heuer ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Foto: Petra Mayer
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Nebel liegt über dem Wasser, den Straßen der Stadt. Welke Blätter treiben im Wind. Ein dunkler Monat beginnt, in dem man einst durch die Schleier zwischen den Welten zu blicken glaubte. Wer am 1. und 2. November den Friedhof besucht, sieht Hunderte von "Seelenlichtern" tanzen. Sie stehen für Menschen, deren Tod noch ganz nah ist. Und für andere, die in vergangenen Jahrhunderten starben, bis heute aber ebenso unvergessen sind: Willy Messerschmitt, Karl Remeis, Johann Lukas Schönlein und andere bedeutende Persönlichkeiten fanden an der Hallstadter Straße die letzte Ruhe.

Bis 1563 zurück reicht die Geschichte des Bamberger Friedhofs als "äußerem Gottesacker", auf dem Fremde, Mittellose und Menschen, die im Liebfrauensiechhaus gleich nebenan starben, beerdigt wurden. Die ältesten Gräber des Hauptfriedhofes stammen aber aus dem 19. Jahrhundert.
Und um sie ranken sich viele Geschichten.


Passionierte Reiterin

Beginnen wir unseren Rundgang bei einem Gedenkstein aus der ältesten Abteilung des Friedhofs, an dem die Zeit tiefe Spuren hinterließ. Dabei erinnert Adam Joseph Schäfers Werk mit neugotischen Ornamenten an eine Wohltäterin, der Bamberg das "Stapf'sche Haus" am Grünen Markt ebenso verdankt wie die "Stapf'sche Familienstiftung". 1785 wurde Eva Maria Dorothea Stapf als einzige Tochter des Kreis- und Stadtgerichtsrats Franz Konrad Maximilian Stapf geboren: Zu einer Zeit, in der Edmund Cartwright den mechanischen Webstuhl erfand und Friedrich Schiller sein Gedicht "An die Freude" schrieb. Als attraktive junge Frau und passionierte Reiterin glänzte die Bambergerin in der Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts. Einsam blieb Eva Maria Stapf dennoch - unverheiratet und bedachte in ihrem Testament "mittellose, ehrbare Angehörige". Vom Vermögen der Fränkin, die mit 70 Jahren starb, sollten aber auch andere notleidende Bamberger profitieren.


Das größte Abenteuer

Zwei Jahre nach dem Tod der Eva Maria Stapf ging Fürst Eugen Adolph von Wrede an Bord der Fregatte Novara. Und nahm an der ersten Weltumsegelungsmission der Österreichischen Kriegsmarine teil. Einige Jahre später zeichnete sich der Korvettenkapitän bei der Seeschlacht von Lissa im Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieg aus. Seine letzte Ruhestätte im Bamberger Friedhof erinnert über ein Holzkreuz der Novara aber an das wohl größte Abenteuer des Linienschiffskapitäns, der ebenfalls mit 70 Jahren starb.

Peter Kaiser hieß der Bildhauer, der mit 27 Jahren das neuklassizistische Sandsteinmonument mit dem Familienwappen der Fürsten von Wrede gestaltete. Und auch er wurde nach seinem Tod auf dem Bamberger Friedhof mit mehr als nur einem einfachen Grab gewürdigt: Bis heute bewundern Menschen das Relief (Abteilung V), das den Künstler bei der Arbeit an einer Sphinx zeigt, während ihn der Todesengel berührt.


Posthalter Pickel und die Humsera

Einen Postillion auf seiner letzten Fahrt sehen Besucher in der 1877 angelegten Abteilung III des Friedhofs. Posthalter Pickel lebt durch das Relief auf, auf dem der Sensenmann schon am Wegesrand wartet: Ein Werk Hans Leitherers, das der Bamberger Künstler um 1930 schuf, der auch die Humsera als für ihr loses Mundwerk bekannte Gärtnerin am Grünen Markt verewigte.

Nicht weit vom Postillion entfernt fand Georg Freundorfer zur letzten Ruhe: Einer der beliebtesten Unterhaltungskünster der 20er und 30er Jahre, der aus München stammt, in Berlin starb und auf dem Bamberger Friedhof beigesetzt wurde. Als gelernter Bierbrauer startete der Zitherspieler und Komponist seine berufliche Laufbahn, der später über Titel wie "An der schönen grünen Isar" den "Weg zum Herzen" zahlloser Menschen fand: So nannte sich nämlich der Walzer, dessen Melodie die Urne des Musikers ziert. Ein Unfall kostete Freundorfer im Kriegswinter 1940 das Leben, als er nach einem Konzert auf einer vereisten Treppe ausrutschte und wenig später seinen Verletzungen erlag.

Viel zu früh starb auch Andreas "Bubi" Blum: der Fußballspieler und Trainer, an den der SC 08 Bamberg über viele Jahre am zweiten Weihnachtsfeiertag mit seinem Bubi-Blum-Gedächtnis-Turnier erinnerte. Natürlich ziert ein Fußball das Grab des sportbegeisterten Wirtes, der vor drei Jahrzehnten den Maisel-Keller übernahm. Manchem fränkischen Erfolgskicker gab Blum den nötigen Anstoß, um in die Bundesliga aufzusteigen - nehmen wir Harry Koch oder Bernd Hollerbach. Neben prominenten Fußballern stärkten sich im Maisel-Garten Basket-, Handballer, Tischtennis- und Footballspieler. Selbst Ringer und Boxer wie René Weller, an dessen Besuch sich Mirco Blum noch gut erinnern kann: Mit seinem Bruder Ingmar trat er in die Fußstapfen des Vaters, von dem Bamberg 1997 Abschied nahm.


Einführung in die fränkische Mentalität

Das letzte Grab, das an dieser Stelle Erwähnung findet, steht für ein Kapitel deutsch-amerikanischer Freundschaft: Ein Kapitel Nachkriegsgeschichte, die in der Domstadt keiner mehr als Nathan R. Preston prägte. Wie veränderte sich das Verhältnis zwischen den Besatzern und der Stadtverwaltung, nachdem er ab April 1948 die Bamberger US-Militärregierung führte! Bald wurde der Militärgouverneur zum populärsten Amerikaner der Stadt, der beim Wiederaufbau der Stadtpolizei half und die Gründung der Bamberger Symphoniker unterstützte. In den 50er Jahren ersann Preston, der in Bamberg eine zweite Heimat fand, ein "Start-Programm", das sich an US-Soldaten zu Beginn ihrer Stationierung wandte: Eine Einführung in die deutsche, pardon fränkische Mentalität, vermittelte der Amerikaner, der das nach Jahren an der Regnitz offenbar als dringend nötig erachtete. Wobei's interessant wäre, zu erfahren, welche Eigenheiten, Sitten, Gebräuche oder gar kulinarische Schmankerl den Militärgouverneur anfangs verstört hatten. 1983 starb Preston im Alter von 67 Jahren, dessen Grab im ältesten Teil des Friedhofs zu finden ist - samt der amerikanischen Flagge und den Worten "Ein Freund der Bamberger".

Übrigens regte die CSU-Stadtratsfraktion an, auf dem Hauptfriedhof einen Rundweg zu den Ruhestätten bedeutender Persönlichkeiten anzulegen. Viele Standorte seien ja weitgehend unbekannt, so Kreisvorsitzender Christian Lange. Über Tafeln könnten beispielsweise auch Schulklassen und andere Gruppen den Weg zum Grab des Flugzeugkonstrukteurs Messerschmitt, des Kunsthistorikers Heinrich Mayer oder des Arztes Johann Schönlein finden.
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