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Bamberg kämpft gegen den Sanierungsstau: Vier neue Großprojekte beschlossen

Von marodem Charme kann hier keine Rede mehr sein. Der Zustand dieser Bamberger Gebäude duldet keinen Aufschub.
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Die unbekannte Rückseite des Bamberger Rathauses Maxplatz: Hier herrscht echte Hinterhof-Atmosphäre.  Fotos: Ronald Rinklef
Die unbekannte Rückseite des Bamberger Rathauses Maxplatz: Hier herrscht echte Hinterhof-Atmosphäre. Fotos: Ronald Rinklef
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Es war eine Art roter Faden, der sich durch die Sitzung des Finanzsenats am Dienstagabend zog: Über vier Gebäudekomplexe wurde berichtet, stets ging es um blätternden Putz, Schimmel an den Wänden und eine technische Ausstattung, die jeder Beschreibung spottet.
Doch es steckt auch eine gute Nachricht in der Hiobsbotschaft maroder Bausubstanz: Auch wenn der Sanierungsstau in Bamberg riesig ist und Stadträten zufolge eine Summe von 500 Millionen Euro umfasst, geht es Schritt für Schritt voran. Denn eben jene vier Problem-Gebäude sehen seit Dienstagabend einer sicheren Sanierung entgegen. Einstimmig billigten die Mitglieder des Senats die Mittelfreigabe von rund 6,5 Millionen Euro.

1. Prominentestes Beispiel für den Verfall hinter glänzenden Vorderhäusern ist ausgerechnet das Rathaus Maxplatz. Was sich zur Fußgängerzone und zum Maxplatz hin seit einigen Jahren mit erneuertem Fassadenschmuck präsentiert, zeigt auf der Innenseite seine weniger schöne Seite. Dort bröselt der graugelbe Putz seit vielen Jahren von den Wänden, brechen immer wieder Teile von den Sandsteingesimsen ab, und die Fassaden sind mit Anbauten verunstaltet, die längst nicht mehr den Anforderungen der Zeit entsprechen.


Geisterinnenhof

Es waren deshalb drastische Worte, die Finanzreferent Bertram Felix in den Mund nahm: Er sprach von Geisterinnenhof und verglich das Gebäude mit der verfallenden Naziarchitektur von Prora auf Rügen. Dabei besitzt die Innenansicht des Rathauses Maxplatz durchaus hohes Potenzial, wie jeder weiß, der den Alten Haupteingang des Rathauses einmal von der Hauptwachstraße kommend betreten hat. Jetzt also die Hoffnung, dass es besser wird und das Gebäude, das Anfang des 18. Jahrhunderts nach Plänen von Balthasar Neumann entstand, einer Welterbestadt entsprechend auch auf der Rückseite wieder hergerichtet wird: 1,2 Millionen Euro soll die Sanierung der Innenhoffassande kosten: Darin enthalten sind 1900 Quadratmeter Putzfläche, die Erneuerung von rund 170 Fenstern und von allen Holzteilen am Dach sowie der kompletten Dachrinnen und Fallrohre. Gute Nachricht für die Bürger: Die Sanierungsziele beinhalten einem SPD-Antrag folgend auch ein Konzept, wie der Innenhof künftig zu einem neuen Treffpunkt in der Altstadt weiter entwickelt werden könnte.

2. Umstritten, aber nicht gefährdet war die Mehrheit für das Projekt, das der Finanzsenat als Treuhänder der Bürgerspitalstiftung beschlossen hat: die Sanierung des Forsthauses in Weipelsdorf, Dienstsitz und Wohnung des städtischen Forstamtsleiters. "Lohnt es sich, zwei Millionen Euro für den schönsten Amtssitzauszugeben, den die Stadt Bamberg zu vergeben hat?" fragte mit provozierendem Unterton Wolfgang Grader von den Grünen. Er hätte sich mehr Überblick über die sanierungsbedürftigen Immobilien in der ganzen Stadt gewünscht, eine Art Masterplan. Seine Vorstellung: So könne der Stadt besser Prioritäten setzen.
Auch Norbert Tscherner vom Bamberger Bürger-Block hinterfragte das Vorhaben und ritisierte vor allem die hohen Baukosten für das vergleichsweise kleine Forsthaus: Damit könne man locker vier bis fünf Einfamilienhäuser bauen. "Wäre es nicht besser, das Objekt zu verkaufen?", lautete seine Frage.
Der Widerspruch von der Referentenbank kam prompt und war deutlich: Das Vermögen der 800 Jahre alten Stiftung dürfe schon aus rechtlichen Gründen nicht "verscherbelt" werden, noch könne ein solches Ansinnen dem Anspruch genügen, den sich eine Welterbestadt auferlegt habe, meinte Finanzreferent Bertram Felix. Anhand zahlreicher Bilder konnte Felix belegen, dass es sich bei der Sanierung des von dem bekannten Baumeister Erlwein geschaffenen Gebäudes um keine "Luxusmaßnahme" handelt, wie auch Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) betonte. Man muss wissen: Auch das Forsthaus ist seit seiner Errichtung vor 120 Jahren im wesentlichen unverändert geblieben. Heute zeigt das Bauwerk vor allem im Inneren massive Schäden. Die Liste der Mängel reicht vom Schimmel an den Wänden bis zu Schädlingen im Dachtragewerk. "Es besteht die Gefahr, dass die Giebelwand einstürzt ", sagte Felix. Dazu kommt, dass die Haustechnik völlig überaltert ist. Ziel der Sanierung ist ein ökologisch nachhaltiger, laut Felix energieautarker Gebäudebestand, wozu auch der Bau einer Solaranlage und einer Hackschnitzelanlage zählt.

3. Ohne Widerspruch hat der Finanzsenat die Sanierung eines weiteren Erlweinbaus genehmigt: 2,15 Millionen Euro sollen in die Wiederherstellung des Hauses Lichtenhaidestraße 3 fließen - ein Wohngebäude, um das es nach einen Brand im Dezember 2016 einen öffentlichen Schlagabtausch zwischen den Mietern und der Stadt gegeben hat, der auch die Gerichte beschäftigte. Seit dem Beschluss am Dienstag ist es gewissermaßen amtlich: Künftig bietet das Haus im Erdgeschoss Seminarräume und Büroflächen, während in den zwei Stockwerken darüber sechs Wohnungen mit insgesamt 600 Quadratmeter Fläche entstehen sollen. Im Ergebnis kommt die Stadt zu der Feststellung, dass sich die Kosten der Sanierung durch die künftig fünf mal so hohen Pachteinnahmen von 100 000 Euro in 21 Jahren amortisieren wird. Lobend erwähnt wurde dass es gelungen sei, eine sozialverträgliche Miete von 7,50 Euro den Quadratmeter festzulegen. Weniger positiv beurteilt das Tauziehen um das vor allem wegen seiner sehr niedrigen Wohnungskosten bei den Bewohnern beliebte Haus freilich eine ehemalige Mieterin. Sie sah sich genötigt infolge des Streits und des Brands mit ihren drei Kindern etwas Neues zu suchen. "Das ist alles sehr unglücklich gelaufen", sagt sie heute.

4. Einer Erneuerung sehen nach dem Beschluss im Finanzsenat auch die drei Gewerbeeinheiten am Eingang zum Bamberger Friedhof entgegen, derzeit noch von einem Blumenhändler und einem Steinmetz genutzt. Auch dort wurde in der aus den 60er Jahren stammende Gebäudesubstanz in den letzten 50 Jahren kaum etwas gemacht. Heute ist die Liegenschaft so marode, dass eine "überschaubare und kostenmäßig vertretbare Renovierung" nicht vertretbar sei, urteilen die Fachleute. Die Stadt will deshalb die Gelegenheit nutzen, um den Gebäudekomplex um ein Tagescafé und eine öffentliche Toilettenanlage zu erweitern und so die Mieteinnahmen auf 46 000 Euro im Jahr zu steigern. Das Projekt mit einer Kostenprognose von 1,2 Millionen Euro stieß im Finanzsenat auf allgemeine Zustimmung. "Wann kommt eine Familie zusammen? Bei der Hochzeit und bei einer Beerdigung. Da ist das Café eine sehr gute Sache", urteilte Wolfgang Grader (GAL).
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