Bamberg
Stadtflucht

Bamberg ist schön - doch viele Familien sind dann mal weg

Bamberg ist als Wohnort heute so beliebt wie nie. Doch der Boom hat einen Preis: Viele Familien kehren Bamberg enttäuscht den Rücken.
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Es sind die jungen Familien, die notgedrungen ins Umland ziehen.  Illustration: kittikorn Ph./Adobe Stock
Es sind die jungen Familien, die notgedrungen ins Umland ziehen. Illustration: kittikorn Ph./Adobe Stock

Es war ein Messie-Haus in Bamberg-Ost, das Julia Streng bis heute nicht vergessen kann: "Wir haben viele Immobilien in der Stadt besichtigt. Die Preise waren utopisch. Dieses Haus war total verwahrlost und hat nach Verwesung gerochen."

Die trotz Gestank und Chaos 250 000 Euro teuere Offerte gab mit den Ausschlag dazu, dass die Familie 2016 den Absprung wagte. Aus der Bamberger Neuerbstraße ging es in ein gebrauchtes Häuschen in Pödeldorf. Das war bezahlbar und groß genug für die gewachsene Familie. "Wir haben es keine Sekunde bereut", sagt Julia Streng heute.

Wenig erfreuliche Erfahrungen mit dem Bamberger Immobilienmarkt hat auch Simone Stiegler gemacht, die bereits vor acht Jahren mit ihrem Mann von Wuppertal nach Bamberg übersiedeln wollte. Aus der Hoffnung, in der Welterbestadt Fuß fassen zu können, wurde nichts. Nach 25 Wohnungsbesichtigungen ergriff die Familie die Chance, die sich bot, und zog in eine gemessen an Bamberger Verhältnissen erschwingliche Mietwohnung in Scheßlitz. Stiegler, Mutter zweier Kinder, genießt seither Natur- und Autobahnnähe gleichermaßen und den Ausblick auf die Dächer von Scheßlitz und die darüber thronende Giechburg. Den Frust vieler Wohnungssuchender in Bamberg kann sie nur allzu gut verstehen: "Ich möchte nicht in der Situation sein, unter Druck eine Wohnung in Bamberg suchen zu müssen."

Im Bamberger Rathaus ist der Exodus vieler Familien Richtung Landkreis kein unbekanntes Problem. Seit Jahrzehnten verliert Bamberg jährlich eine dreistellige Zahl an Einwohnern, weil unterm Strich mehr Bürger aus Bamberg wegziehen als vom Landkreis in die Stadt kommen. Selbst der Sog, der von einer Schwarmstadt wie Bamberg aus geht, hat diesen Trend nicht umkehren können: "Zumindest bis 2017 können wir zwischen Stadt und Landkreis keine Reurbanisierung in Bamberg erkennen", sagt Thomas Goller vom Amts für Statistik in Bamberg. Goller weiß auch, dass es vor allem die Menschen in der Familienbildungsphase sind, die Bamberg den Rücken kehren. Eine Alterspyramide der Abtrünnigen zeigte zwei Ausbuchtungen: bei den 25- bis 45-Jährigen und den Schulkindern bis 15 Jahren. Auch die Motive des Wegzugs sind kein Geheimnis mehr, seit die Stadt den Entwicklungsplan Wohnen herausgebracht hat. 34 Prozent nennen die günstigeren Wohnungskosten, 17 Prozent Haushaltsveränderungen als Grund für den Wechsel.

Bei aller Liebe zum Landleben im Fränkischen erhärtet die Untersuchung aber auch, dass der Bezug zur Stadt auch bei den Ex-Bambergern immer noch hoch ist. So wären zwei Drittel der befragten Flüchtlinge "lieber in der Stadt geblieben".

Die Bürgermeister der Speckgürtelgemeinden lassen sich von der Hass-Liebe der Ex-Bamberger zu ihrer Heimat aber nicht irritieren. Ganz im Gegenteil, für Jonas Merzbacher (SPD), den Bürgermeister von Gundelsheim, ist es eher ein Ansporn, bei den harten Fakten zu punkten. "Nur durch das konsequente Aufkaufen von Grundstücken und Immobilien haben wir es als Gemeinde geschafft, den Preis von Bauplätzen vergleichsweise niedrig zu halten", freut sich Merzbacher mit Blick auf die letzten Jahre. Die 40 Bauplätze, die Gundelsheim als Gemeinde anbieten konnte, waren bei vergleichsweise moderaten Preisen um 180 Euro pro Quadratmeter erschlossenem Grund sechs mal überzeichnet. Merzbacher sieht diesen Erfolg auch als Ergebnis der aktiven Rolle der Gemeinde beim Grundstücksmanagement. Anders als in Bamberg seien in Gundelsheim keine Investoren zum Zug gekommen. Freilich habe auch der "Totalausfall der Konversion" die Menschen in den Landkreis getrieben.

Dabei ist das Ende der Verdrängung nicht in Sicht. So groß ist der Preisdruck rund um Bamberg geworden, dass Bauwillige längst den Stadtbusbereich hinter sich lassen müssen, um ihren Immobilienwunsch möglich zu machen. Gut angebundene und versorgte Mittelzentren wie Burgebrach profitieren davon. Der kleine Ort mit Krankenhaus und Voll-Versorgung auch bei Kita-plätzen wuchs in den letzten Jahren von 6500 auf 7000 Einwohner. Kein Wunder: Bei Baupreisen von 130 Euro pro Quadratmeter sind sogar frei stehende Einfamilienhäuser noch deutlich unter 400 000 Euro zu haben.

Von solchen "Schnäppchen" können Familien in Bamberg nur träumen. Zwar sollen in der Lagardekaserne und anderen Baugebieten 3000 neue Wohneinheiten geschaffen werden. Doch Thomas Goller von der Stadt glaubt nicht, dass dies die Preise drücken könnte - eine Folge der riesigen Nachfrage. Die Bamberger Angebote seien in den letzten Jahren immer schnell weg gewesen, sagt Goller. "Das wird sich kaum ändern."

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