Auf große Besucherzahlen stößt die Ringvorlesung "Bamberg - eine Stadt im Wandel", zu der die Städtische Volkshochschule (VHS) in diesen Monaten einlädt. In den Fokus genommen werden die Bereiche Verkehr, Wirtschaft, Wohnen, Konversion, Kultur und Bildung - aus historischem, aber auch aktuellem Blickwinkel. Den Auftakt bildete im September der Vortrag von Professor Günter Dippold "Bamberg im Umbruch. Von der fürstbischöflichen Hauptstadt zur bayerischen Provinzstadt, 1802 bis 1810". Am Dienstagabend sprach Professor Wilfried Krings über "Hundert Jahre Bamberger Stadtentwicklung im Königreich Bayern, 1818 bis 1918".

Herr Professor Krings, warum haben Sie für Ihren Vortrag das
Stichjahr 1818 gewählt?
Wilfried Krings: In diesem Jahr wurde in Bayern das sogenannte Gemeindeedikt erlassen. Damit war die kommunale Selbstverwaltung eingeführt. Die neu gewonnene Selbstverwaltung bedeutete jedoch keineswegs, dass die gesamte Einwohnerschaft hätte Einfluss nehmen können auf die Angelegenheiten der Stadt. Nur wer das Bürgerrecht besaß, war wahlberechtigt. Der Anteil der Bürgerrechtsinhaber blieb von Anfang an gering. 1905 lag er bei gerade mal 5,5 Prozent.

Das 19. Jahrhundert wird gemeinhin mit dem Beginn des Industriezeitalters in Verbindung gebracht. Wie schaute es mit Entwicklungen in der Stadt Bamberg aus?
Wandel ist das Leitmotiv für dieses Jahrhundert auch in Bamberg. Bevölkerungswachstum, Aus- und Binnenwanderung, Industrialisierung, Technisierung und wissenschaftlicher Fortschritt, Verstädterung und
Landflucht - das sind einige der Hauptstichworte, mit denen die Zeit charakterisiert wird. Allein schon der Saal der Volkshochschule ist ja selbst ein Dokument des Wandels, zum einen für den Eintritt in die Phase der Elektrotechnik, zum anderen für die sich verändernde Einstellung im Umgang mit den baulich-technischen Zeugnissen der Industrialisierung. Der Abriss wurde verhindert, die Umnutzung gelang.

Typische Vorgänge im 19. Jahrhundert wären ohne politische Beeinflussungen wohl undenkbar, nicht wahr?
Die hundert Jahre bis 1918 weisen in der Tat politisch einige wichtige Einschnitte auf, die jeweils Auswirkungen in Bamberg hatten. Ich erwähne nur die gescheiterte 1848er Revolution, in der Bamberg ein Hotspot war, das Bamberger Exil des griechischen Königspaares Otto und Amalie, die Reichsgründung, an die der Straßenzug Friedrichstraße-Wilhelmsplatz-Augustenstraße erinnert, und an die Geburt des Wittelsbacher Sprösslings Luitpold in der Bamberger Neuen Residenz. Eng mit dem Namen unserer Stadt verbunden ist der nach 1918 folgende tiefe Einschnitt - das Ende der Monarchie und der Start in eine ungewohnte republikanische Zukunft: 1919 Bamberger Verfassung.

Verkehrsplanung in Bamberg ist heute ein brennendes Thema. Gab es früher auch schon solche Debatten?
Die lokale Verkehrsinfrastruktur war zumindest für Träume gut. Beim Bau des Ludwig-Kanals träumte man in Bamberg davon, einen Freihafen zugesprochen zu bekommen. Er wäre eine Konkurrenz zu der Lände Am Kranen gewesen, wo die Stadt Gebühren erhob. Doch woher den Platz für einen Freihafen nehmen? Es blieb beim Traum. Genauso wurde der Traum nicht Wirklichkeit, die Eisenbahn und den Ludwig-Kanal als Verkehrsträger von Frachtgütern zu verknüpfen. Stichwort Bahnhof: Dessen Ansiedlung erfolgte im Gärtnerland, eine Verbindung zur Innenstadt musste erst geschaffen werden.
Einige Fabrikanten sind aus der damaligen Zeit noch ein Begriff, etwa Seeligmann, Ehrlich, Raulino, Weyermüller oder Minderlein. War Bamberg ein idealer Ort für Industrieansiedlung?
Die Stadt besaß kaum etwas an freien Flächen, die für eine großzügige Industrieansiedlung geeignet gewesen wäre. Eine Ausnahme war der Ochsenmarkt, wo 1856 das Gaswerk zu liegen kam. Erst seit den 1880/90er Jahren gab es an der Bahnlinie größere Ansiedlungen, so die beiden bis heute tätigen Mälzereien. Das erste industrielle Großunternehmen war aber genau genommen in Gaustadt, die Mechanische Baumwollspinnerei und Weberei AG. Bis 1918 war die Spinnweberei der einzige Betrieb, der es auf über tausend Beschäftigte brachte.

Im Smartphone-Zeitalter stellt sich die Frage nach den Anfängen des Telefons in Bamberg?
Das Fernsprechwesen, eine wichtige Erneuerung, war staatliche Angelegenheit. Das erste Telefonbuch erschien in Bamberg 1887: 16 Seiten stark, ein Verzeichnis der öffentlichen Sprechstellen und der Abonnenten. Die Anmeldung zum Abonnement erfolgte im Telefonbüro des königlichen Oberpostamts in der Austraße Nr. 17, 2. Stock. Verzeichnet waren 68 Rufnummern: stärkste Gruppe die Hopfenhandlungen mit 18, Industrie mit 12, Banken mit fünf.

Die Fragen stellte
Marion Krüger-Hundrup.


Der Vortrag war Teil des VHS-Semsterschwerpunkts "Stadt im Wandel", das die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft Bambergs beleuchtet. Höhe- und Schlusspunkt des Semesters wird eine "Denkwerkstatt 2050" sein, zu der die Volkshochschule Bamberg-Stadt und die Mediengruppe Oberfranken im Januar interessierte Bürger und Leser einladen (nähere Informationen folgen noch).