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Mobilität

Bamberg: E-Scooter kommen nicht in Fahrt

Bamberg war Test- und Vorzeigestadt für die Einführung der elektronischen Tretroller. Seit eineinhalb Monaten sind sie bundesweit genehmigt und rollen durch die Großstädte. Warum gibt es sie hier noch nicht zu leihen?
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Das Foto von Stadtwerke-Sprecher Jan Giersberg auf einem E-Scooter ging deutschlandweit durch die Medienlandschaft.  Doch aus der Teststadt Bamberg scheinen die elektrischen Tretroller verschwunden.  Nicolas Armer, dpa; Retusche: Franziska Schäfer
Das Foto von Stadtwerke-Sprecher Jan Giersberg auf einem E-Scooter ging deutschlandweit durch die Medienlandschaft. Doch aus der Teststadt Bamberg scheinen die elektrischen Tretroller verschwunden. Nicolas Armer, dpa; Retusche: Franziska Schäfer

"Sharing ist die Mobilität der Zukunft", sagt Michael Ehlers. Er kann es kaum erwarten, dass man in Bamberg E-Scooter ausleihen kann. Zwar kann man sie sich auch privat kaufen und seit Mitte Juni um Straßenverkehr benutzen, doch Ehlers gefällt die Idee, Mobilität weg vom Privatbesitz hin zum Teilen umzusetzen. Der Rhetoriktrainer ist beruflich viel unterwegs. Bisher vor allem mit dem Auto. "In Wien hatte ich kürzlich vier Termine", erzählt er. Vom Hotel wollte er gerade in die Tiefgarage, "dann steht da ein Scooter". Und den hat er spontan benutzt. "So hat man schon mal mein Auto von der Straße geholt." Seitdem sei er "E-Scooter-Fan".

Philip Kober fiebert für das Gerät: "Ich freue mich sehr auf den Verleih der E-Scooter", schreibt er auf dem FT-Facebook-Kanal. "Ich hatte bereits geplant ihn regelmäßig vom Bahnhof aus zu Terminen oder nach Hause zu nutzen. Schade, dass es nun doch so lange dauert." Denn während die Münchner Verkehrsgesellschaft bereits seit knapp einem Monat eine Flotte von 1500 Leih-Rollern zur Verfügung stellt, ist es in der E-Roller-Teststadt Bamberg ruhig um das Gefährt geworden. Dabei ist die sechswöchige Probephase seit Ende April vorbei. Warum kann man keine leihen?

 

Die Stadtwerke verhandeln derzeit mit vier Anbietern, sagt Sprecher Jan Giersberg. Hat man mit der Firma Bird im Testlauf etwa auf den falschen "Vogel" gesetzt? "Nein", meint Giersberg. Der Grund, warum die Geräte der Firma noch nicht durch Bamberg rollen, ist wirtschaftlicher Natur. Während der Testphase nutzte Bird ein Modell eines anderen Herstellers. Bisher stellte Bird auch in anderen Ländern nur die Leih-App zur Verfügung. Den deutschen Markt will die US-Firma aber mit einem eigenen Modell erobern. Laut Bird-Sprecherin Yenia Zaban habe dieses unter anderem eine längere Akkulaufzeit (bis 50 Kilometer) und bessere Bremsen. Es sei zwar bereits zugelassen, müsse nun aber "von 0 auf 100 in großer Stückzahl produziert" werden, wie Giersberg erklärt. Und: "Bamberg ist nicht München: Die großen Städte sind für die Anbieter zunächst attraktiver, um sich auf dem deutschen Markt zu behaupten."

Das komme den Bamberger Stadtwerken aber nicht ungelegen: "Wir lassen uns bewusst Zeit, um das für unsere Stadt beste Modell zu finden", sagt Giersberg. Und schiebt nach kurzem Zögern hinterher: "Und auch das mit den besten Konditionen für uns." E-Scooter-Enthusiast Kober zeigt Verständnis: "Lieber nimmt sich da die Verwaltung die nötige Zeit, bevor es dann eine fehleranfällige Lösung gibt."

Die Stadtwerke können auch zwischen verschiedenen Varianten wählen. Einige Anbieter, darunter Bird, nutzen das App-Modell: Durch die Handy-Software können Nutzer die Scooter orten und leihen. Dadurch können sie überall im Stadtgebiet stehengelassen werden. Diese Variante wird etwa in München vom dem deutschen Start-Up "Tier" angeboten. Andere Anbieter setzen auf Stationen, an denen man die E-Roller abholen kann und zu denen man sie auch zurückbringen muss. Die Entscheidung soll möglichst rasch fallen, damit die E-Scooter möglichst ab Spätsommer zur Verfügung stehen.

Mit der Testphase zeigt sich Giersberg zufrieden: "Es gab großes Interesse bei allen Altersklassen." 400 Bürger haben die Roller ausprobiert, 47 Prozent können sich vorstellen, das Auto dafür öfter stehen zu lassen - das erklärte Ziel von Stadtwerken und Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD). Das bestätigt auch Bird-Sprecherin Zaban: "Es gab keine Unfälle. Die Tester waren zufrieden, die Partnerschaft mit den Stadtwerken lief gut, wir würden sie gerne fortführen."

Das neue Gefährt hat aber nicht nur Fans. So fürchten manche, wie Radaktivist Christian Hader, dass es auf Bambergs Radwegen noch enger zugehen könnte, sobald die Stadtwerke wie geplant etwa 100 Stück zum Verleih bereitstellen. Andere fürchten steigende Unfallzahlen. Zudem kennt nicht jeder die Regeln. In München hat die Polizei zu Beginn 24 betrunkene E-Scooter-Fahrer innerhalb von 24 Stunden erwischt. Der Roller gilt als Kraftfahrzeug, entsprechend gibt es wie beim Auto eine Promille-Grenze von 0,5 und für Fahranfänger sogar 0,0 Promille. Für einen Besuch auf Bambergs Kellern oder eine Kneipentour ist das Gefährt also nur bedingt zu empfehlen. Zumal das "Fahren auf dem Kopfsteinpflaster kein Vergnügen macht", wie Giersberg einräumt.

Dietmar G. scheint ein Durcheinander zu befürchten: "Ich lasse meine Hupe schon mal warm laufen. Und meine Fahrradklingel werde ich auch tunen", kündigt er auf Facebook an. Scooter-Fan Kober setzt hingegen auf Vernunft: "Ich hoffe sehr, dass jeder Straßennutzer wieder mehr Bewusstsein und Achtsamkeit walten lässt", schreibt er.

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