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Bamberg
Bahnausbau

Bamberg droht eine jahrelange Blockade

Das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit wird Bamberg umpflügen wie keine zweite Stadt. Sechs Eisenbahn- und zwei Straßenbrücken sollen neu gebaut werden.
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Sieben Großbaustellen in neun Jahren? Wenn der Bahnausbau durch Bamberg losgeht, werden sich die Verkehrsströme verändern.
Sieben Großbaustellen in neun Jahren? Wenn der Bahnausbau durch Bamberg losgeht, werden sich die Verkehrsströme verändern.

In der Stimmungslage vieler Bürger sind die Ängste vor dem Bahnausbau durch Bamberg 2019 etwas in den Hintergrund gerückt. Unter den zehn größten "Problemen Bambergs" taucht das Thema einer aktuellen Umfrage zufolge nicht mehr auf.

Doch das ist vermutlich nur die Ruhe vor dem Sturm. Spätestens, wenn das Sperrkonzept für Bamberg vorgelegt wird, dürfte es wieder heiß hergehen.

Was wird wann wie lange gesperrt? Noch kennt nur die Bahn die "Liste der Grausamkeiten", die darüber Auskunft gibt. Die unvermeidlichen Folgen von bis zu zweijährigen Sperrungen an insgesamt sieben Bahnquerungen sind auch für Laien klar: Bambergs ohnehin an den Belastungsgrenzen befindliche Straßenlandschaft wird noch mehr strapaziert. Staus möglicherweise unbekannter Größenordnung könnten zum Alltag in einer ganzen Dekade werden. Wann geht es wirklich los mit dem Ausbau? Die gute Nachricht: Weil die Bahn die dann dritte Planänderung seit den 90er Jahren im ersten Quartal 2020 abgeben will, ist mit dem Baustart der Hauptmaßnahme nicht vor 2023 zu rechnen. Experten gehen davon aus, dass das Beteiligungsverfahren der Öffentlichkeit mindestens zwei Jahre dauert. Erst wenn das Eisenbahnbundesamt in Nürnberg das Verfahren abschließt, liegt Baurecht vor. Was passiert in den nächsten drei Jahren? Eine Entwarnung ist der späte Baustart aber nur bedingt. Denn sobald die Bahn die Pläne bei der Genehmigungsbehörde abgegeben hat, geht es ans Eingemachte. Jeder Betroffene kann an Hand der Ausbauunterlagen genau sehen, was an der Strecke passieren soll, wo was abgebrochen und neu gebaut wird. Jetzt endlich wird man auch sehen, wie hoch die gestaffelten Lärmwände an jedem Punkt der Strecke wirklich sein sollen. Bisher war von drei Metern an den außen liegenden Wänden die Rede. Die Höhe der Schallschutzwände war eines von vielen umstrittenen Themen, bevor der Stadtrat Anfang 2018 allen Tunnel- und Umfahrungsvarianten eine Abfuhr erteilt hatte.

Eine Art Ouvertüre im Jahr 2021 wird die Verlängerung der Gleise 3 und 6 im Bamberger Bahnhof sein. Dieser Ausbau ist laut Bahnsprecher nötig, um die stark gestiegene Nachfrage seit Eröffnung der Neubaustrecke durch den Thüringer Wald bedienen zu können. So können auch in Bamberg längere Züge halten. Was steht in dem Sperrkonzept? Wenn die Stadt festgelegt hat, wie die Unterführung der Geisfelder Straße aussehen soll, kann die Bahn die letzten offenen Details festlegen. Wie lange muss jede Bahnquerung gesperrt werden? Wie funktionieren die Baustellenzufahren? Wie werden sich die Verkehrsströme voraussichtlich verlagern? Eine wichtige Rolle bei der Risikoabschätzung wird das Verkehrsmodell der Stadt Bamberg spielen. Das Computerprogramm berechnet mögliche Verlagerungen anhand der gegenwärtigen Verkehrsfrequenz. Heute schon steht fest, dass die Bahn mit dem Ausbau durch Bamberg im Süden beginnen will. Das heißt, eine der ersten Verbindungen, die gesperrt werden, ist der Münchner Ring, wahlweise die Forchheimer Straße. Auch der Abbruch der Kronacher Straßenbrücke und der Neubau einer Behelfsbrücke daneben wird eine der ersten Maßnahmen sein. Welche Konflikte zeichnen sich ab? Auch ohne die Additionswirkung paralleler Baumaßnahmen wären die Folgen einer zweijährigen Sperre von großen Ost-West-Verbindungen in Bamberg massiv. Ein Beispiel: Die Achse der Memmelsdorfer Straße nutzten täglich 18 000 Fahrzeuge: 500 Busse fahren allein über den Pfisterberg. Fallen diese Verbindungen weg, sucht sich der Verkehr einen anderen Weg.

Beim Bahnausbau geht es aber darum, acht Großprojekte nebeneinander einzutakten. Aus Sicht der Stadt zeichnet sich heute schon ab, dass die Bahn nicht mit neun Jahren Bauzeit auskommt, wenn sie nicht mehrere Projekte zeitgleich in Angriff nimmt. Letzteres will die Stadt aber nicht hinnehmen, wie Claus Reinhardt vom Baureferat sagt: " Eine zeitgleiche Sperrung nebeneinander liegenden Unterführungen geht nicht mit uns." Welche Folgewirkungen drohen der Wirtschaft? Hört man Klaus Stieringer, den Geschäftsführer von Stadtmarketing, dann droht der Bahnausbau der Wirtschaft in der Region massiv zu schaden. Staus und Behinderungen könnten die Verkehrsströme beeinflussen, Landkreiskunden die Stadt in großer Zahl meiden. Stieringer fürchtet deshalb, dass viele Händler, aber auch Dienstleister im Überlebenskampf mit dem Online-Handel und der Grünen Wiese weiter geschwächt werden. "Die Bahn will möglichst schnell und effizient bauen. Die Stadt hat andere Interessen. Wir wollen die bestehenden Strukturen erhalten." Für den Citymanager, der auch SPD-Fraktionschef ist, ist es klar, dass die Verhandlungen mit der Bahn zur Bewährungsprobe für den neuen Stadtrat werden wird. "Und sehr viel wird auch vom Kommunikationskonzept der Bahn abhängen." Was sagt die Stadt? Auch die Stadt will die Probleme nicht kleinreden. Dennoch sei es keine Lösung, den Untergang des Abendlandes auszurufen, sagt Claus Reinhardt vom Baureferat. Das Beispiel der zwischen 2006 und 2012 gebauten Kanalbrücken habe gezeigt, dass solche Herausforderungen zu bewältigen sind, wenn es nicht zu Überlappungen von Bauprojekten kommt. Auch dürfe man nicht vergessen, dass der Bahnausbau Besserungen bringt. Dazu zählt Reinhardt nicht nur den Schutz lärmgeplagter Stadtviertel neben der Bahn. Der Neubau der Unterführungen biete für Bamberg die Chance, die Bahnquerungen zeitgemäßen Anforderungen anzupassen. "Das ist ein hoher Wert für die Zukunft."

Kommentar des Autors:

Ausbau unter lebender Stadt

So heftig die Diskussion um die Ostumfahrung und Untertunnelung geführt wurden - es war nur ein Vorgeplänkel zu dem, was in den nächsten Jahren bevorsteht.Wenn die Bahnpläne für Bamberg vorliegen und tatsächlich die Bagger anrücken, werden die Folgen des Megaprojekts sichtbar.

Entlang von sieben Kilometern Gleisstrecken bleibt kein Stein auf dem andern. Von den vierfach gestaffelten Mauern meterhoher Lärmwände bis zum Abriss von Immobilien, vom Dauerstau bis zum zehnjährigen Baustellenlärm - glaube niemand, dass er den Auswirkungen entgehen könnte. Die Stadt tut deshalb gut daran, alles zu tun, um die Risiken und Nebenwirkungen einzudämmen. 1100 Millionen (!) Euro kostet es, die letzten Kilometer der Hochgeschwindigkeitsstrecke zu bauen. Da darf es am Geld nicht scheitern, den Bahnausbau durch Bamberg so stadtverträglich wie möglich zu machen.

Stuttgart 21 hat gezeigt, was auf dem Spiel steht, wenn ein Projekt entgleist. Die Bahn baut ihre Trasse in Bamberg nicht nur "unter rollendem Rad", sondern auch unter lebender Stadt.

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