Bamberg
Probleme

Bamberg: Das Ehrenamt der Telefonseelsorge - Mit Anrufern über Probleme sprechen

Seit 40 Jahren hören Mitarbeiter der Bamberger Telefonseelsorge Menschen in schwierigen Lebenslagen zu. Die Gründe, warum Felix seit 25 Jahren das Ehrenamt ausübt, sind vielfältig.
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Felix ist seit 25 Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge in Bamberg. Der Pensionär hört jedem Anrufer zu.Lea Schreiber
Felix ist seit 25 Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge in Bamberg. Der Pensionär hört jedem Anrufer zu.Lea Schreiber
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Guten Abend! Telefonseelsorge Bamberg - schön, dass Sie anrufen." - So begrüßt Seelsorger Felix (Name geändert) die Anrufer während seines Nachtdienstes. Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, über welches Problem der Anrufer mit ihm sprechen möchte. Von einer Krebsdiagnose bis hin zu Suizidgedanken: Die Begrüßung ist für alle gleich. Er heißt jeden Anrufer bewusst willkommen. "Es ist wichtig, ihnen Zeit zu geben. Sie wissen zu lassen, dass ich da bleibe, zuhöre." Die Aussage, dass Felix bleibt, wirke auf die Anrufer entspannend. So schafft es der Seelsorger, dass die Menschen sprechen - über ihre Probleme, Sorgen und Ängste.

Besonnen und ruhig sitzt Felix auf einem Stuhl, die Hände gefaltet im Schoß. Er erzählt von einem seiner Telefonate bei der Seelsorge: Von einem Krebspatienten. Der Arzt hat ihm nur noch wenige Tage, maximal Wochen, zu Leben gegeben. Felix hört dem Mann mittleren Alters zu. Lässt ihn über seine Ängste und seine Trauer sprechen und ist für ihn da. Egal, welches Problem - die Telefonseelsorge kann jeder anrufen.

Sich selbst reflektieren

"Es ist wichtig, nach schweren Telefonaten eine kurze Pause zu machen, sich selbst zu reflektieren und festzustellen, welche Gefühle ein solches Gespräch auslöst", erklärt Felix. Er müsse für sich selbst im Gleichgewicht bleiben - nur so sei der Seelsorger offen für neue Gespräche. Und kann einen Fall abschließen. "Es ist wichtig, sich von den Anrufern abzugrenzen", so Susanne Röhner, Leiterin der Telefonseelsorge Bamberg. Zwar müsse man als Seelsorger Kontakt herstellen und sich einfühlen können, aber gleichzeitig auch Distanz wahren. In gewissen Fällen können Seelsorger den Anrufern auch helfen, indem sie ihnen die Kontaktadresse einer passenden Beratungsstelle vermitteln.

In ihrem privaten Umfeld sind die Seelsorger zur Verschwiegenheit verpflichtet - aber dennoch ist es wichtig, über besonders ergreifende Fälle zu sprechen: In einer Supervision tauschen sich Seelsorger über vergangene Gespräche aus und arbeiten mit einem Betreuer die erlebten Telefonate auf.

Als einzige Seelsorge in Deutschland ist die Bamberger Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar - die ehrenamtlichen Mitarbeiter haben im Wechsel ein offenes Ohr für die Probleme der Anrufer. Ein strikter Arbeitsgrundsatz der ehrenamtlichen Arbeit bei der Telefonseelsorge ist die Vertraulichkeit.

Seit 25 Jahren im Ehrenamt

Felix ist pensioniert. Früher war er Lehrer für Mathematik und Physik in Bamberg. Bereits seit 25 Jahren arbeitet er ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge- und nur seine Frau weiß davon. "Für die Arbeit bekommt man keine Lorbeeren. Dafür aber einen enormen persönlichen Gewinn", erklärt der Pensionär. Die Telefonseelsorge ist eine anonyme, strikt vertrauliche Arbeit. Sie nehme eine begleitende Funktion im Leben vieler Anrufer ein: "Für einen Teil ist die Telefonseelsorge eine Lebenshilfe, sie rufen immer wieder an", so Röhner. Bei etwa 75 Mitarbeitern ist die Wahrscheinlichkeit allerdings gering, den selben Seelsorger mehrmals zu erreichen. Im Durchschnitt dauern Gespräche 20 bis 25 Minuten. Telefonate, die länger als 45 Minuten andauern, so Röhner, seien nicht effektiv und blockieren hauptsächlich die Telefonleitung für andere Menschen. Felix erklärt, dass "Anrufer, die in ihren Gefühlen sehr erregt sind, häufig mehr Zeit brauchen, um sich überhaupt beruhigen zu können". Dann dauere ein Gespräch manchmal auch zwei oder drei Stunden.

Instrument zur Suizidverhütung

Die Bamberger Telefonseelsorge feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Jubiläum. Sowohl das Erzbistum als auch das evangelische Dekanat Bamberg sind Träger der ökumenischen Institution. Die Ehrenamtlichen führen 24 Stunden, sieben Tage die Woche, Seelsorgegespräche. Die Bamberger Seelsorge hat drei Beratungsmedien: Während am Telefon häufig Menschen ab 40 anrufen, kontaktiert die Seelsorge per Chat und E-Mail eher ein jüngeres Klientel - die jüngsten Anrufer sind etwa im Teenageralter.

"Die Telefonseelsorge wurde vor 60 Jahren als Instrument zur Suizidverhütung gegründet", erklärt Susanne Röhner. Heute ist der Anteil akut suizidaler Menschen eher gering. "Wir sind generell für Menschen in Krisensituationen oder in schwierigen Lebenslagen da." Suizid ist für viele Personen ein Tabu-Thema. Sie schämen sich, darüber zu sprechen. Häufig sind es, so Felix, einsame Menschen. "Der Moment, in dem ein Anrufer über einen Suizidwunsch sprechen kann, stellt sich große Entspannung beim Anrufer ein", erklärt Felix. Im Gesprächsverlauf wird ein Anrufer mit Suizidgedanken durch dieses Vorgehen häufig ruhiger und besonnener. Aber nicht immer möchten Anrufer sprechen. Dann bietet er den Menschen an, miteinander zu schweigen.

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