Bamberg
Strafprozess

Familienstreit eskaliert: Schädelbruch und Hirnblutungen - Mann (27) nahm Tod des Opfers in Kauf

Wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung in Hallstadt muss ein 27-Jähriger längere Zeit ins Gefängnis. Vorausgegangen war ein Familienstreit.
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Dreieinhalb Jahre Haft verhängte der Richter gegen den Angeklagten. Symbolbild: Christopher Schulz
Dreieinhalb Jahre Haft verhängte der Richter gegen den Angeklagten. Symbolbild: Christopher Schulz

Ein versuchter Totschlag und eine gefährliche Körperverletzung vor einem Lokal in Hallstadt haben einem 27-jährigen Mann dreieinhalb Jahre Gefängnis eingebracht. Die zweite Strafkammer am Landgericht Bamberg verurteilte den Angeklagten wegen eines zweiten Trittes und weiterer Versuche. Den ersten Tritt an Fronleichnam 2018 hatten Richter Manfred Schmidt und seine Kammerkollegen noch als straffreie Notwehr eingestuft.

Vorausgegangen war ein peinlicher Familienstreit auf offener Straße, der ob seiner Handgreiflichkeiten und Lautstärke die Aufmerksamkeit einiger Nachtschwärmer erregt hatte. Die hatten sich um etwa 22 Uhr zu einem Absacker vor ein Bistro gesetzt und sich über die Störung gegenüber beschwert. Es sollen Mittelfinger und Beleidigungen wie "Hurensohn" zum Einsatz gekommen sein. Was den Angeklagten veranlasste, über die Straße zu gehen und die Sache "zu regeln". Ein Wort gab das andere, von "alten Säcken" und "fetten Ärschen" war die Rede. Dann ging die Rangelei los. Als auch die Schwester des Angeklagten schubsend eingriff, und vom späteren Opfer in den Schwitzkasten genommen wurde, bis sie benommen war, eskalierte die Situation völlig.

Hallstadt bei Bamberg: Brutaler Angriff?

An der Frage, ob es nur ein Fußtritt gegen den Kopf gewesen war, oder ob nicht vielleicht mehrfach das am Boden liegende Opfer getroffen wurde, entzündete sich der Streit zwischen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung. Oberstaatsanwalt Otto Heyder ging von einem "brutalen Angriff" mit zwei Treffern und mindestens zwei weiteren Versuchen "ohne jede Hemmung" und "mit voller Kraft" aus. "Der zweite Tritt war ein reiner Gewaltexzess, aus Trotz, aus Rache, aus Aggression." Und das, obwohl ein Zeuge dem Angeklagten zugerufen hatte: "Hör auf! Du siehst doch, der rührt sich nicht mehr!"

Das Opfer erleidet schwerste Kopfverletzungen, die in einen Schädelbruch und eine Hirnblutung münden, wie die Neurochirurgin Dr. Judith Scheitzach vom Klinikum Bamberg erklärte. Kurze Zeit lag der ältere Mann auf der Intensivstation und schwebte in Lebensgefahr.

Von nur einem Tritt ging Pflichtverteidiger Dieter Widmann (Bamberg) aus und forderte denn auch folgerichtig einen Freispruch in allen Anklagepunkten. "Das war Notwehr aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken. Er hat einfach überreagiert, um seine Schwester zu schützen." Den zweiten Tritt könne man, da alle Beteiligten betrunken gewesen seien, eine ziemliche Hektik geherrscht habe und sich die Zeugenaussagen widersprächen, nicht nachweisen. "Ob sich das überhaupt noch klären lässt, daran habe ich massive Zweifel." Der Rechtsanwalt hat, weil er "die Gefahr einer Fehlverurteilung als sehr hoch" einschätzt, bereits Revision eingelegt.

Aufwendige Rekonstruktion der Ereignisse

Die zweite Strafkammer rekonstruierte nach aufwendiger Beweisaufnahme anhand zahlreicher Zeugen, eines rechtsmedizinischen Gutachtens Eduard Schwabauers von der Universität Erlangen-Nürnberg und dreier Notrufe das Geschehen. Richter Manfred Schmidt und seine Kollegen sahen die Taten als versuchten Totschlag, weil ein heraneilender Zeuge, der dem am Boden liegenden Opfer helfen wollte, beobachtet hatte, dass dieses wohl von einem Tritt bereits aus Mund und Nase blutete, bevor es erneut mit dem Fuß des Angeklagten unliebsame Bekanntschaft machte. "Da hat es vernehmlich geknackt und noch viel stärker geblutet", so Oberstaatsanwalt Heyder, der vier Jahre Haft gefordert hatte.

Zwei weitere Zeuginnen, eine davon die einzig nüchterne am Tatort, steuerten weitere Puzzlestücke bei, die den zweiten Tritt bestätigten. "Ich dachte, der stirbt", äußerte zudem die Lebensgefährtin des Opfers.

Nicht vorbestraft

Zugunsten des Angeklagten sprach, dass er nicht vorbestraft war, die Provokationen vor dem Gewaltausbruch auf beiden Seiten der Frontlinie fielen und dass die zuerst lebensbedrohlichen Verletzungen seines Opfers inzwischen folgenlos verheilt sind. Auch sein Geständnis hielt man ihm zugute. Aufgrund des alkoholisierten Zustandes mit einem Promille, der für den Angeklagten eine Ausnahme darstellte, kam es zu einer verminderten Schuldfähigkeit, die einen niedrigeren Strafrahmen zur Folge hatte. Dennoch ging die 2. Strafkammer davon aus, dass der Angeklagte den Tod seines Opfers zumindest in Kauf genommen hatte.

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