Bamberg
Erinnerung

Bald gibt es 100 Stolpersteine in Bamberg

76 Stolpersteine, die an Bamberger Opfer des Nationalsozialismus erinnern, gibt es mittlerweile in der Domstadt. Ab 25. April leben die Schicksale weiterer 24 Menschen auf, derer man gedenken sollte - darunter vier Jüdinnen, deren Familien in Bamberg Geschichte schrieben.
Artikel drucken Artikel einbetten
Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig beim Verlegen früherer Stolpersteine
Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig beim Verlegen früherer Stolpersteine
+4 Bilder
"Hier wohnte Mina Barthel, geborene Dresner, Jahrgang 1871, deportiert 1941, Riga, ermordet." Nüchterne Daten und Fakten, die für das Leben einer faszinierenden Frau stehen. Wie viele Passanten halten ab 25. April wohl inne, um der früheren Besitzerin des Böttingerhauses zu gedenken? Auch die einst so schöne Mina, die mit ihrem Mann dem Anwesen zu altem Glanz verhalf, wurde ein Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns. An dieser Stelle soll ihre Geschichte aufleben. Ebenso wie wir an Elsa, Alice und Edith Wassermann erinnern, von deren traurigem Schicksal künftig Stolpersteine vor der Villa am Schönleinsplatz erzählen, die bis heute für das Wirken der renommierten Bamberger Familie steht.

Traum von einer Bühnenkarriere

Ja, 21 "Stolpersteine gegen das Vergessen" verlegt Gunter Demnig am 25. April in der Domstadt - und drei weitere erstmals in Hirschaid. Ins Pflaster lässt der Kölner Bildhauer zehn mal zehn Zentimeter große Messingtafeln vor den Häusern der Familien ein, die den Verbrechen einer entmenschlichten Gesellschaft zum Opfer fielen. Wie eben auch Mina Barthel, die als Mädchen davon träumte, Schauspielerin zu werden. Und tatsächlich ermöglichten ihr die Eltern eine Ausbildung auf den Brettern, die vielen Talenten die Welt bedeuten. Umschwärmt war die schöne Mina am Deutschen Theater in Berlin, als sie sich mit Ende 20 in Paul Barthel verliebte und dem Kunstmaler am 10. Juli 1900 das Ja-Wort gab.

Fasziniert vom Böttingerhaus

Der Zufall führte das Paar im Kriegswinter 1917/18 nach Bamberg, wie Norbert Haas in einem Beitrag zu "Heimat Bamberger Land" berichtete. Auf dem Weg nach München bewunderten die Barthels in der Domstadt das Böttingerhaus. Nirgendwo sonst wollten beide künftig leben und erwarben das barocke Anwesen, nachdem ihnen das Wohnungsamt als Mietern den Einzug verwehrte.

Fieberhaft arbeiteten Mina und Paul Barthel in den kommenden Jahren daran, das in sechs Wohneinheiten untergliederte Haus aufzuwerten. Als Maler gestaltete der gebürtige Zwickauer Böden, Decken und bereicherte das Treppenhaus um Bamberger Motive bis hin zu den Porträts diverser Fürstbischöfe. Für ihren Garten erwarben die Barthels Originalfiguren zurück, die gleich nach der Jahrhundertwende nach München verkauft worden waren, wie Norbert Haas weiter erläuterte: "Ein wahrer Triumphzug zog am 2. April 1932 über die Obere Brücke zum Böttingerhaus. Denn auf einem prächtig geschmückten Wagen wurden die Steinbüsten und vier Steinfiguren, welche Apollo, Juno, Flora und Vesta darstellten, in ihr angestammtes Domizil zurückgeführt."

Die Restaurierung eines wiederentdeckten Altarblattes wurde zum Schicksal des Kunstmalers und letztendlich seiner Ehefrau. "Während der Arbeiten auf hohem Podest machte sich ein altes Bruchleiden bemerkbar und verschlimmerte sich", liest man in "Heimat Bamberger Land". Einer Operation folgte die Lungenentzündung, an der der über 70-Jährige im Jahr der "Machtergreifung" starb.

Erste Deportierungen

Was blieb der einst so schönen und umschwärmten Mina? "Aufgrund des Todes ihres nichtjüdischen Ehemanns wurde die Verwitwete in die Gruppe der zu Deportierenden eingeordnet", heißt es im "Gedenkbuch der jüdischen Bürger Bambergs". Als Tochter eines jüdischen Kaufmanns verschleppte man die Wahlfränkin am 27. November 1941 ins Durchgangslager Riga-Jungfernhof. Womit sie zu den ersten 119 Frauen, Männern und Kindern gehörte, die vom Bamberger Bahnhof aus in Sonderzügen in den Tod fuhren. Starben sie nicht schon in Riga, verschob man etliche Menschen weiter in Vernichtungslager wie Treblinka oder Auschwitz. Bis 16. Juni 1943 sollten über hundert weitere Bamberger das Los der Mina Barthel teilen, während die schweigende Masse den Blick abwandte. Nicht mal den letzten Wunsch ihres zuvor so angesehenen Mannes durfte die Witwe des Kunstmalers erfüllen, der im Garten seines geliebten Hauses ruhen wollte. In den Besitz der Stadt ging der Nachlass über. Mina Barthel wurde 1945 für tot erklärt, nachdem sich ihre Spuren in Riga verloren hatten.

Reise ins Ungewisse

Neben der Witwe des Kunstmalers traten an jenem Septembertag des Jahres 1941 auch Elsa Wassermann und ihre Töchter die Reise in eine ungewisse Zukunft an. "Elsa war 59, Alice 35 und Edith 31 Jahre, als sie die Deportationsverfügung erhielten und die sogenannte ,Vermögenserklärung' auszufüllen hatten", berichtet Gudrun O'Daniel-Elmen, die sich mit dem Schicksal der Familie auseinandersetzte und bei der Stolpersteinverlegung selbst das Wort ergreift. Ordnungsgemäß waren alle Unterschriften zu leisten, die den NS-Staat in den Besitz des Familienvermögens brachten. Vom Sammellager der "Weißen Taube" aus, lange Zufluchtsort der jüdischen Gemeinde, trieb man am 27. November dann auch Elsa, Alice und Edith Wassermann zum Güterbahnhof, um all die verzweifelten Menschen am selben Tag noch nach Nürnberg und anschließend weiter Richtung Osten zu transportieren. "Sie wussten nicht, wohin es ging, mussten pro Person aber noch 50 Reichsmark Fahrgeld für die einfache Fahrt zahlen."

Auf dem Weg erschossen?

Nach drei Tagen kamen die Bambergerinnen zehn Kilometer östlich von Riga am Rangierbahnhof Skirotawa an und schleppten sich zu Fuß ins Lager Jungfernhof, so Gudrun O'Daniel-Elmen: "Die ersten Menschen wurden auf dem Weg erschossen, weil sie dem Zug über die vereisten Straßen nicht folgen konnten." Ermordete man Elsa Wassermann oder eine ihre Töchter auf diese Weise? "Wir wissen nicht, wann oder wo sie starben. Niemand hat je wieder etwas von den letzten Familienmitgliedern aus Bamberg gehört."

Jetzt aber sollen die Namen und somit auch Geschichten von Alice, Edith und ihrer Mutter aufleben: Eingraviert in Messing, gleich vor der Villa, in die Elsa Wassermann mit ihrem frisch angetrauten Mann 1905 zog. Im ersten Stock wohnte das Paar über dem Stammsitz der Wassermann'schen Bank, die Julius mit seinem Bruder Albert leitete. Der stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Gemeinde starb 1939. Warum Julius Wassermann und seine Frau nicht rechtzeitig wie viele Verwandte emigrierten, bleibt eine offene Frage. Vertrauten sie den Menschen ihrer Heimatstadt, dem Prinzip des Guten? Darüber kann man heute nurmehr spekulieren.
Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren