Bamberg

Bahnanwohner in Bamberg: "Wir kämpfen um unser Haus"

Die Pläne für den S-Bahn-Halt Süd treiben Anwohner der Nürnberger Straße auf die Barrikaden. Schon eine kleine Verschiebung würde helfen.
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17 Menschen aus vier Generationen leben im Haus Nürnberger Straße 160.  Foto: Barbara Herbst
17 Menschen aus vier Generationen leben im Haus Nürnberger Straße 160. Foto: Barbara Herbst
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Es war ein Bericht im FT, der Angelika Stößel (59), ihren Mann Winfried und ihre Eltern Frieda und Georg Wolf aus allen Wolken fallen ließ. Die Pläne für den S-Bahn-Halt Süd zeigten dort, wo seit 1984 ihr Wohnhaus steht, kein Gebäude mehr, sondern einen Park- und Ride-Platz mit 175 Stellflächen. "Wir konnten gar nicht glauben, was wir da sahen."

Doch es war keine Fata Morgana, die sich den Stößels bei der morgendlichen Zeitungslektüre darbot: Käme es zur Umsetzung dieses im Zuge des Bahnausbaus geplanten Vorhabens, müssten sämtliche 17 Bewohner der Nünrberger Straße 160 eine neue Bleibe suchen. Auch das Wasserbettenstudio Neptun und der benachbarte Spezialitätenhandel Culinaria mit 20 Mitarbeitern bliebe nur die Verlagerung oder die Geschäftsaufgabe.

Drei Jahre vor dem voraussichtlichen Beginn des Bahnausbaus gibt es keinen Grund zu zweifeln, dass Bamberg einen zusätzlichen S-Bahn-Halt bekommt. Es war Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) persönlich, der den Südbahnhof mit dem Ja des Stadtrats zum viergleisigen ebenerdigen Ausbau verbunden hatte. Und dieser hatte sich im vergangenen Jahr klar auch für einen mittigen Standort des S-Bahn-Halts auf Höhe Gereuth ausgesprochen. Die Experten erhoffen sich durch die Nähe zur dicht besiedelten Wunderburg eine gute Auslastung. Mindestens 1000 Zustiege am Tag gelten dafür als Voraussetzung.

Doch so sehr Kommunalpolitiker beim S-Bahn-Halt ins Schwärmen geraten, so wenig bringt dieses Thema die Augen der Anwohner zum Leuchten. Im Gegenteil: "Meine Eltern leben seit über 80 Jahren hier. Die Vorstellung, dass ihr Haus für einen Parkplatz geopfert werden könnte, war für sie ein Schock", sagt Angelika Stößel.

Natürlich waren den Grundstückseigentümern an der Nürnberger Straße die Erweiterungspläne der Bahn seit Jahren bekannt. Mit dem Abbruch der auf dem Grundstücksrand stehenden Schuppen hatten sie sich lange abgefunden. Dass auch das Wohnhaus von den Bahnplänen betroffen sein könnte, war neu.

Ist ein Parkplatz an dieser Stelle wirklich nötig? Claus Reinhardt, der Sprecher im Baureferat der Stadt, stellt zwei Dinge klar: Der S-Bahn-Halt kommt nur dann, wenn die Stadt die nötige Ausstattung dafür bereitstellt - das sind Parkplätze, Anbindung an Stadt- und Fernbusse sowie Fahrradstellplätze. Dies sei Teil einer Vereinbarung, die die Stadt mit der DB Netz, der Bayerischen Eisenbahngesellschaft und dem Freistaat Bayern getroffen hat.

Doch Reinhardt gibt auch Entwarnung, teilweise zumindest: Der Verlust des Hauses Nürnberger Straße sowie des Culinaria ist derzeit nur eine von zwei Planvarianten - und nicht die von der Stadt favorisierte.

Vier Generationen

Noch beruhigt diese Aussage die Familien Stößel und Wolf wenig. Die mittlerweile vier Generationen, die zwischen Bahn und Nürnberger Straße leben, werden ihr Wohnhaus nicht kampflos aufgeben, falls die Stadt nicht von dem alten Plan abrücken sollte. Auch der 82-jährige Georg Wolf und seine 87-jährige Frau Frieda zeigen sich kämpferisch: "Die Bahn bekommt unser Grundstück nicht, und die Stadt erst recht nicht."

Derzeit gibt es laut Claus Reinhardt von der Stadt zwei Alternativen. Die eine sieht vor, dass der Park- und Ride-Platz auf dem Gelände nördlich der Zuwegung zum S-Bahn-Halt realisiert wird - also dort, wo sich das Elternhaus von Angelika Stößel befindet. Die aus Sicht der Verwaltung erwünschte Variante würde sich spiegelbildlich von der Zuwegung nach Süden erstrecken. Dann wäre der Parkplatz und ein Teil des ehemaligen Grosso-Marktes betroffen.

Genau hier liegt das Problem: Eine Sicherheit für den favorisierten Plan ist nur dann gegeben, wenn die Stadt die nötigen Grundstück auch erwerben kann. Doch eine Zusage über den Verkauf gibt es derzeit nicht.

Gegen den S-Bahn-Halt als solchen hätte auch Winfried Stößel nichts einzuwenden. Allerdings sollte die Stadt ihre Hausaufgaben so machen, dass die Anwohner nicht unnötig belastet werden, meint der 63-Jährige. Schon eine Verschiebung um 100 Meter nach Süden hätte aus seiner Sicht viele Vorteile.

Die Ablehnung, die der Stadt wegen des S-Bahn-Halts entgegenschlägt, ist auf der anderen Seite der Gleise nicht geringer. So haben sich Bürger der Gereuth in einer Info-Veranstaltung am Donnerstag einmal mehr gegen eine am Rande eines Spielplatzes verlaufende Rampe zum S-Bahn-Halt ausgesprochen (siehe auch Seite 11). Die Kritiker, zu denen auch BBB-Stadtrat Norbert Tscherner gehört, fürchten, dass ein gut eingewachsener Spielplatz entwertet wird und spielende Kinder auf die Gleise gelangen könnten. Hört man Reinhardt, hat die Stadt diesen Wunsch aufgenommen und will im Gespräch mit den Geldgebern für den S-Bahn-Halt eine Alternative über die Kornstraße vorschlagen.

Wenig Hoffnung macht Reinhardt, dass es noch zu einer gänzlichen Verschiebung des S-Bahn-Haltes auf einen Standort südlich der Forchheimer Straße kommen könnte, wie sich das manche wünschen. Eine solche Platzierung sei für die Bahn nicht machbar: "Der Einzugsbereich ist zu klein."

Kommentar des Autors:

Nicht gerade der feine Zug

Mit Beifall überschüttet werden Bahn und Stadt Bamberg bei ihrem Projekt S-Bahn-Halt Süd nicht gerade. Das liegt allerdings nicht am Vorhaben als solchem. Der S-Bahn-Halt ist eher ein Beispiel dafür, wie leicht es ist, eine sinnvolle Verkehrseinrichtung in Misskredit zu bringen, allerdings auch, wie schwer es ist, große Vorhaben durchzusetzen.

Wer sich vor Augen hält, wie stark der Verkehr in Bamberg zugenommen hat, wird am Nutzen einer solchen Station nicht zweifeln. In einer stürmisch wachsenden Stadt könnte der S-Bahn-Halt die Vernetzung entlang der Regnitzachse fördern; und er wäre ein Unterpfand für den dringend nötigen Ausbau des Nahverkehrs, sobald die neue ICE-Trasse fertig ist.

Das alles bedeutet aber nicht, dass die Bahnplaner mit dem Abrissbagger durch Bamberg pflügen dürfen ohne Rücksicht auf Verluste. Nicht nur die Anwohner haben die berechtigte Erwartung, dass die beste Lösung und nicht die billigste zur Anwendung kommt. Dabei stimmt es tröstlich, dass der ursprüngliche Plan, ein Wohnhaus und zwei gut laufende Unternehmen auszulöschen, bereits durch eine Alternative widerlegt ist. Es wäre nicht das erste Mal in Bamberg, dass Bürger-Einwände den Einfallsreichtum der Verantwortlichen ungemein befördert hätten.

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