Bamberg
Prozess

Ausraster endet hinter Gittern

Drei Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung verhängte das Landgericht Bamberg gegen einen 33-jährigen Iraker.
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Eine Bewährungsstrafe für den Angeklagten kam für die Richter nicht in Frage. Foto: Ronald Rinklef
Eine Bewährungsstrafe für den Angeklagten kam für die Richter nicht in Frage. Foto: Ronald Rinklef

Am Ende waren es drei Jahre und neun Monate: So lange muss ein 33-jähriger irakischer Asylbwerber hinter Gitter. Mann hatte im April 2018 mit einer abgebrochenen Flasche in der Sandstraße einen hiesigen Gastwirt angegriffen. Einen versuchten Totschlag konnte das Landgericht dem Angeklagten hingegen nicht nachweisen.

"Es geht einfach nicht, dass man aus solch banalen Streitigkeiten heraus plötzlich mit abgebrochener Flasche auf einen anderen losgeht." In der mündlichen Urteilsbegründung machte der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt klar, dass die von den beiden Verteidigern geforderte Bewährungsstrafe von zwei Jahren "absolut nicht angemessen ist". Schließlich hätten alle Zeugen eindeutig den Angeklagten als Angreifer identifiziert.

Der hatte kurz vor der Attacke um vier Uhr früh Passanten angepöbelt, Frauen belästigt und einige Nachtschwärmer zu treten versucht. Wohl auch aus Frust darüber, dass er zuvor in einer Disco mit seinen Annäherungsversuchen gescheitert war. Als sein späteres Opfer, das gerade nach getaner Arbeit ein Feierabendbier im Freien trank, den Iraker zur Rede stellte, eskalierte die Lage.

"Irgendeine Bemerkung muss gefallen sein, die dazu geführt hat, dass er komplett ausgerastet ist," so Oberstaatsanwalt Otto Heyder. Dann gab es ein Schubsen, bei dem der Iraker zu Boden ging und wegen einer vorherigen Bandscheiben-Operation wohl einige Schmerzen erlitt. Diese Pein und das Gefühl, gedemütigt worden zu sein, lösten wütenden Aggressionen und "völlig irrationales Handeln" aus. Schlagartig folgten mindestens fünf Stiche oder Hiebe mit dem Rest einer herumstehenden Schnapsflasche gegen Hals und Oberkörper des Opfers. "Es ist schon erstaunlich, dass Sie trotz dieser OP und angeblicher Einschränkungen dennoch nachts um vier Uhr alkoholisiert in der Sandstraße herumturnen," so Richter Schmidt.

Schwere Verletzungen

Die Folge des "Fuchtelns und Stechens" mit dem scharfkantigen Gegenstand seien schwere Verletzungen an der rechten Hand, dem linken Ellenbogen, der Stirn, sowie beidseits am Schlüsselbein gewesen. Von einer "klaffenden Wunde" sprach der Vertreter der Anklage und von "Todesangst" auf Seiten des Gastwirtes, der nach Expertise eines Rechtsmediziners nur knapp schlimmeren Schäden entgangen war. "Der Angeklagte hatte die Folgen seines Tuns nicht mehr in der Hand." Weil er das Vorgehen als sehr gefährlich einstufte, forderte Oberstaatsanwalt Heyder denn auch vier Jahre und neun Monate Gefängnis.

Für den versuchten Totschlag sah selbst Oberstaatsanwalt Heyder nach der umfangreichen Beweisaufnahme mit unzähligen Zeugen keine Anhaltspunkte mehr. Weder habe der Angeklagte die Flasche mitgebracht, aus der er später ein "teuflisches Werkzeug" formte, wie es Richter Schmidt nannte. Noch könne jemand die vom Opfer vorgebrachte Aussage des Angeklagten "Ich bringe Dich um!" bezeugen. Und dann sei der bislang nicht vorbestrafte Iraker auch "kein notorischer Gewalttäter", wie sein Rechtsanwalt Jochen Kaller (Bamberg) vorbrachte. Der Verteidiger nahm auch an, dass nur eine Scherbe im Spiel gewesen sei und sich das Opfer bei seinen abwehrenden Faustschlägen selbst verletzt hätte. Soweit wollte das Schwurgericht denn doch nicht gehen.

Entziehung angesagt

Vorerst aber muss der Iraker sich in einer Entziehungsanstalt seiner Alkoholabhängigkeit und seinen psychischen Problemen stellen. Immerhin hatte der psychiatrische Sachverständige eine posttraumatische Belastungsstörung ausgemacht, die aus Misshandlungen während der Kindheit durch den Vater herrühre. Die schlimmen Erinnerungen daran hatte der Iraker mit allerlei alkoholischen Mittelchen eigenhändig zu behandeln versucht und war so immer tiefer in die Flasche gerutscht. Bis zu zwei Jahre kann die anstrengende Therapie hinter verschlossenen Türen dauern. "Ihre Deutschkenntnisse lassen einen Erfolg möglich erscheinen." Dazu wird der Gewalttäter nach nach fast elf Monaten Untersuchungshaft nun von der JVA Bamberg wohl in das Bezirkskrankenhaus Bayreuth verlegt werden.

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