Bamberg
Prozess

18-Jährige wirft Verlobtem versuchte Vergewaltigung vor - beim Prozess kommt aber Wahrheit ans Licht

Ein 27-jähriger Syrer soll seine Verlobte angegangen haben - am Ende wird er freigesprochen und das vermeintliche Opfer stark belastet..
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Die Amtsrichterin ließ sich nicht hinters Licht führen. Foto: Archiv
Die Amtsrichterin ließ sich nicht hinters Licht führen. Foto: Archiv

Es kommt nicht oft vor, dass man Amtsrichterin Christine Schäl sprachlos erlebt. Im turbulenten Prozess wegen einer angeblichen Freiheitsberaubung, versuchten Vergewaltigung und Bedrohung geschah dies aber gleich mehrfach. Am Ende stand ein Freispruch gegen den 27-jährigen Amir F. (Name geändert). Da lag die Mutter des Opfers bereits am Boden - und der Notarzt war unterwegs.

Es ist ein sonniger Herbsttag letzten Jahres, als Amir F. und seine syrische Verlobte durch den Hain spazieren. Der Syrer ist gerade für kurze Zeit in Bamberg. Sonst lebt und arbeitet er in Hamburg. Sie ist noch Schülerin. Vor sechs Monaten wurden sie in Schweden ein Paar - einen Kuss gab es noch nicht.

Wie der Ausflug ins Grüne endet, davon gibt es zwei Versionen: Der Angeklagte behauptet, seine 18-jährige Verlobte habe ihn aufgefordert, mit in die Toilettenanlage zu kommen, um dort ungestört Sex zu haben. "Was man eben so zu zweit macht." Sie habe weder etwas dagegen gesagt, noch geschrien oder sich gewehrt. Sie wiederum sprach davon, er habe sie hineingezogen, die Türe versperrt und dann versucht, ihr die Hose herunterzuziehen. Auch habe er sie geküsst und unter der Kleidung an der Brust berührt. Das sei so eine halbe Stunde gegangen, bis er wegen hereinkommender Menschen von ihr abgelassen habe. Einige Wochen später habe er sie mit einer Schere am Hals bedroht, um zu verhindern, dass sie ihn verlassen würde.

Wie die mehr als zweistündige Befragung der wortreich ausweichenden Verlobten ergibt, begann es mit einigen Verlobungsgaben an sie, um die ein Streit entbrannte, nachdem die Verlobung gelöst wurde. "Ich hatte irgendwann den Eindruck, ihr und ihrer Familie ging es nur um Geld und Geschenke." Als Amir F. mithilfe hiesiger Gerichte versuchte, an sein Hab und Gut zu kommen, folgte die Anzeige wegen Freiheitsberaubung und Bedrohung gegen den bislang unbescholtenen jungen Mann.

Vorwürfe nur ausgedacht

Je genauer Richterin Schäl nachfragt, desto klarer wird, dass die Verlobte sich die Vorwürfe ausgedacht hat. Erkennbar ist dies an den Details der Tatumstände, die sie nicht beschreiben kann und an dem starken Belastungseifer, der sogar noch neue Taten ins Spiel bringt. Plötzlich soll es noch mehr sexuelle Übergriffe gegeben haben - auch deren Schilderung halten alle im Raum für unglaubhaft.

Ganz zu schweigen davon, dass Amir F. nach der Tat noch Tür an Tür mit dem angeblichen Opfer in der Wohnung ihrer Eltern übernachtet haben soll. Zudem kann sich die Verlobte nicht daran erinnern, wie ihre früheren drei Verlobten heißen und aus welchem Land diese kommen, noch in welchem Jahr die Tat geschehen sein soll. Schließlich weigert sie sich, weitere Fragen zu beantworten.

"Mit einer solch unglaubwürdigen Zeugin kann man niemanden guten Gewissens verurteilen", fasst Rechtsanwalt Peter Plischke (Bamberg) zusammen. Von "offensichtlichen Lügen" spricht die Staatsanwältin.

Im Laufe der rund vierstündigen Verhandlung wird klar, dass hier eine Beziehungsgeschichte und ein Familienstreit vor Gericht ausgetragen werden sollen. Mit kuriosen Aspekten: Im islamischen Recht ist es offenbar so, dass wildfremde Menschen sich erst nach der Verlobung kennenlernen und erst nach einer elterlichen Erlaubnis miteinander reden, sich berühren und gar alleine sein dürfen. Die Verlobung kann auch nur der Mann lösen. Und Verlobungsgeschenke darf man"für all die Küsse, die ausgetauscht wurden" behalten. So zumindest die Verlobte im Zeugenstand.

Der große Auftritt der Mutter

Als das Gerichtsverfahren schon zu Ende sein scheint, kommt die Mutter des vermeintlichen Opfers herein. Sie sollte als Zeugin aussagen, wird aber nicht mehr gebraucht. Staatsanwältin Janina Pöller hat sich da bereits entschieden, angesichts der fehlenden Beweise auf Freispruch zu plädieren. Die widersprüchliche, in vielen Punkten nachweislich auch erlogene Aussage der Verlobten reicht ihr nicht. Dafür reicht es für ein Strafverfahren gegen das "Opfer" wegen falscher Verdächtigung und uneidlicher Falschaussage.

Theatralik im Gerichtssaal

Als die Mutter hört, dass sie ihre Geschichte nicht erzählen darf und von Richterin Schäl zuerst freundlich, dann bestimmt, schließlich lautstark aus dem Saal gebeten wird, wird es theatralisch. Wie ein Kleinkind, das aus Trotz die Luft anhält, weil es nicht nach seinem Willen geht, sinkt die etwa 50-jährige Frau heftig atmend auf den Stuhl und ist fortan für niemanden zu sprechen. Als der Notarzt kommt, ist freilich nichts feststellbar.

Den Freispruch kann die Episode, während der ein sichtlich aufgebrachter Vater des angeblichen Opfers versuchte, an Amir F. heranzukommen, nicht verhindern. Der Verteidiger hatte seinen Mandanten da schon in Sicherheit gebracht.

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