Bamberg
Strafprozess

Opfer: "Ich hab es verdient" - Ungewöhnlicher Prügel-Prozess in Bamberg

Zwei junge Männer haben Mitte Januar in der Gartenstadt einen 22-Jährigen verprügelt. Dafür müssen sie sich jetzt vor dem Landgericht verantworten. Der Prozess läuft anders, als ihn viele erwartet hätten.
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"Ich hab's verdient": Im Gerichtssaal machte das Opfer nicht den Eindruck, als ob es nachtragend sei.  Symbolfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
"Ich hab's verdient": Im Gerichtssaal machte das Opfer nicht den Eindruck, als ob es nachtragend sei. Symbolfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Sie sollen Mitte Januar einen 22-jährigen Bamberger auf offener Straße mitten in der Gartenstadt mit Ohrfeigen, Faustschlägen und Fußtritten verprügelt haben. Vor dem Landgericht gaben ein 25-jähriger Bamberger und ein 24-jähriger Haßfurter den Gewaltexzess jetzt zu. Nur totschlagen hätten sie ihren Bekannten nicht wollen. Der sieht das ähnlich. Dabei hatte alles wegen gerade einmal 30 Euro angefangen.

Es ist eine ganz gewöhnliche Geburtstagsfeier, auf der allerdings ordentlich eingeschenkt wird. Die Stimmung ist gut, bis der Untermieter nach Hause kommt, der ein Zimmer nebenan bewohnt. Dafür hat er seit vier Monaten keinen Euro Miete bezahlt. Auch an den anderen Kosten beteiligt er sich nicht. Er lässt sich bekochen und die Wäsche machen. Von Arbeit hält er nämlich nicht viel. Dafür umso mehr, sich bei allen möglichen Leuten etwas zu leihen.

Aus Mitleid wurde Gewaltexzess

"Wir hatten Mitleid mit ihm", erklärt einer der Angeklagten, warum man den Schmarotzer nicht hinausgeworfen habe. Als er erneut aufgefordert wird, etwas beizusteuern, greift sein Vermieter, der 24-jährige Angeklagte, kurzerhand zur Selbsthilfe. Er verpasst dem säumigen Schuldner im Wohnzimmer einen Faustschlag. Noch ohne größere Schäden. Dann beruhigt sich die Lage, bis der 25-jährige Angeklagte zur Feier hinzustößt. Auch dem schuldet der Untermieter noch etwas. "Es ging um 30 Euro und eine Flasche Schnaps." Wie aufs Stichwort bitten sie ihren Schuldner ins Badezimmer. Dort erlebt der eine faustdicke Überraschung. Als er wieder ins Wohnzimmer kommt, blutet er im Gesicht.

Da beginnt der Abend aber erst. Denn kurz nach ein Uhr nachts heißt es: "Zieh Deine Jacke an und komm mit raus." Wohl um die kleinen Kinder im Nebenraum nicht zu wecken. "Wir wollten ihm eine Lektion erteilen. Ich war in Rage." Draußen schlagen und treten beide auf ihr dann wehrlos am Boden liegendes Opfer ein. Ein provokantes Lächeln und dumme Sprüche fachen ihren Zorn noch an. Das Opfer erleidet zahlreiche Prellungen und Blutergüsse sowie eine Platzwunde an Kopf und Oberkörper. Man habe die ewigen Ausreden und Vertröstungen sattgehabt, so die Angeklagten.

Lebensbedrohliche Schläge?

Ob diese Verletzungen lebensbedrohlich sind, wird der Rechtsmediziner Eduard Schwabauer von der Universität Erlangen-Nürnberg im Laufe des Prozesses noch klären. Es ist wohl nur den enormen Alkoholmengen, dem Zufall und dem leichten Schuhwerk geschuldet, dass die beiden Angeklagten nicht mit voller Wucht treffen. Wohin ihre Tritte gehen, ob sie mit dem Spann in "Fußballermanier" oder von oben herab als Stampftritte geführt werden, das müssen unabhängige Zeugen erläutern, die in den nächsten zwei Wochen noch zu hören sein werden. Das Opfer jedenfalls machte im Gerichtssaal nicht den Eindruck, als ob es nachtragend sei, wollte auch kein Schmerzensgeld. "Es war ja auch scheiße von mir wegen der Schulden. Ich hab's verdient." Der vorsitzende Richter bescheinigte ihm daraufhin eine seltsame Vorstellung von Gerechtigkeit.

Während des Geschehens alarmierte ein Nachbar die Polizei. Als die Streifenwagen näherkommen, flüchten die beiden Angeklagten, können wenige Meter entfernt aber gestellt werden. Sie ergeben sich aber nicht einfach in ihr Schicksal, sondern widersetzen sich der Festnahme. Zudem beleidigen sie vier Polizeibeamte mit Kraftausdrücken. Was ihnen zwei weitere Anklagepunkte einbringt.

Typische Lebensläufe

Die Lebensläufe beider Angeklagter hat der Vorsitzende Richter Christian Lang so oder so ähnlich schon öfters gehört: schwierige Familienverhältnisse mit Scheidungen, Gewalterfahrungen und Heimaufenthalten, Besuch der Förderschule, kein Schulabschuss, mehrere Ausbildungen abgebrochen, Freundin weggelaufen, immer wieder Gelegenheitsjobs, falscher Freundeskreis, dann die berühmte schiefe Bahn, die einen vor Gericht und ins Gefängnis führt.

Beide Angeklagte haben früh mit Rauschmitteln begonnen. Einer mit elf Jahren sein erstes Bier getrunken. Daraus wird dann schnell ein ganzer Kasten. Zusätzlich greift man zum Schnaps in Whisky- oder Wodka-Form. Neben dem Kiffen wirft man Ecstasy, Metamphetamine (Crystal Meth) und Amphetamine (Pep). Und beide haben den Knast in Ebrach und Bamberg schon für längere Zeit von innen gesehen. Der eine wegen Drogenhandels mit Minderjährigen und Volksverhetzung, der andere aufgrund einer gefährlichen Körperverletzung.

Beim Urteil, das am 20. September um 9 Uhr erwartet wird, könnte es deshalb auch auf eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt hinauslaufen. Denn beide Angeklagte hatten während der Tat beinahe drei Promille Alkohol im Blut. Ihr Opfer übrigens auch. Der psychiatrische Sachverständige Prof. Hans-Peter Volz vom Bezirksklinikum Unterfranken in Schloss Werneck diagnostiziert ein massives Alkoholproblem, das ohne eine bis zu zweijährige Behandlung das Risiko weiterer schwerer Straftaten heraufbeschwöre.

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