Bamberg
Landgericht

"Aus der Nähe tödlich"

Die zwei Kugelbomben, die einer der Angeklagten im Bamberger Neonazi-Prozess bestellt hatte, sind lebensgefährlich.
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Zwei Kugelbomben, ähnlich wie diese in den Händen des ausgebildeten Pyrotechnikers Christian Müller, hatte einer der Angeklagten im Internet bestellt.  Foto: Benedikt Borst
Zwei Kugelbomben, ähnlich wie diese in den Händen des ausgebildeten Pyrotechnikers Christian Müller, hatte einer der Angeklagten im Internet bestellt. Foto: Benedikt Borst

Der Sprengstoffsachverständige des Bayerischen Landeskriminalamts ließ am Donnerstag keinen Zweifel: Die beiden Kugelbomben, die Peter F. (Namen geändert) offenbar im Internet bestellt hatte, hätten Menschen schwer verletzten und sogar töten können. Mit wenig Mühe hätten die massiven Böller außerdem zu veritablen Splitterbomben umgebaut werden können.

Seine Ergebnisse veranschaulichte der Chemiker nicht nur mit Worten, sondern auch mit Videos: Die Spezialisten der Polizei hatten im Zuge der Ermittlungen zum Test in einem Steinbruch eine der bei Peter F. beschlagnahmten und einige baugleiche Modelle in die Luft gejagt. Die Zeitlupenaufnahmen zeigten, was passiert, wenn solche Kugelbomben hochgehen.

Konzipiert sind sie für große Feuerwerke ausgebildeter Pyrotechnikprofis. Aus einem Rohr hoch in die Luft geschossen, zaubern sie bis zu 60 Meter große Farbeffekte an den nächtlichen Himmel. In einem Kofferraum gezündet, sprengt eine solche Kugelbombe ein Auto.

15,2 Zentimeter Durchmesser, ein chemischer F4-Blitzknallsatz mit Explosions-Temperaturen von weit über 1000 Grad: "Die Wirkung aus der Nähe ist tödlich, wenn man sie etwa in der Hand halten würde", berichtete der Sprengstoffexperte. Lebensgefährlich auch für den Mann an der Zündschnur: Wegen der sehr kurzen Vorlaufzeit bis zur ersten Explosion - die ja eigentlich im Rohr stattfinden soll. Gezündet auf einem Feld, hatten die Leuchtkugeln noch in 30 Metern Entfernung Brände verursacht. Der Chemiker sprach von einer sehr großen Verbrennungs- und Brandlegungsgefahr.

Im Originalzustand eine potenzielle Brandbombe, für Bastler ein starker Sprengsatz: "Im NSU-Prozess wurden außen Nägel angebracht, die werden auf über 1000 Kilometer pro Stunde beschleunigt", gab der Sachverständige einen Eindruck vom Gefährdungspotenzial bei Manipulationen.

Die entscheidende Frage vor Gericht ist nun: Was hatte Peter F. mit den beiden Kugelbomben wirklich vor? Gegenüber seinem Sektionsleiter von der Bamberger "Weisse Wölfe Terrorcrew" soll der 26-Jährige geprahlt haben, er könne sich gut vorstellen, solche Kugelbomben in Richtung verhasster Asylbewerber zu werfen. Nach seiner Verhaftung 2015 hatte Peter F. deutlich widersprochen: Er habe niemals solche Pläne gehegt oder gekannt.

Auch am Donnerstag präsentierte sich der Maschinenführer als harmloser Pyromane, der sich damit begnügt hat, im Wald Waschmaschinen zu sprengen und Handy-Videos davon anzufertigen. Zum Spaß. In Gruppenchats mit den "fränkischen Kameraden" habe er dann den großen Zampano gespielt: "Ich weiß nicht, warum ich immer so einen Schwachsinn erzählt habe, um mich irgendwie cool zu fühlen, um angesehen zu sein", beteuerte er gestern.

Sein Anwalt blies ins gleiche Horn: "Ich habe das Problem, dass meinem Mandanten 78 Kilogramm illegale Sprengstoffe vorgeworfen werden und wir nicht wissen, woher die Zahl kommt", kritisierte Verteidiger Thomas Gärtner - immerhin habe man weit weniger Pyrotechnik in Peter F.s Elternhaus gefunden.

Richter Nino Goldbeck antwortete: Auch diese Mengenangabe stamme aus einem Chatprotokoll. Peter F. hatte sie selbst angegeben. Wieder nur um vor seinen Freunden anzugeben? Am Freitag sollen weitere Chat-Dialoge der "Weisse Wölfe Terrorcrew" verlesen werden.



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