Bamberg
Urteil

Aus der Haft nach Marokko

Wegen gefährlicher Körperverletzung musste sich ein 22-Jähriger vor dem Amtsgericht verantworten. Die Freude über eine Bewährungsstrafe währte nur kurz.
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Die Tage von Rachid Y. in Deutschland sind gezählt. Er muss Deutschland binnen einer Woche verlassen, so eine der Auflagen des Bamberger Amtsgerichts.Merzbach
Die Tage von Rachid Y. in Deutschland sind gezählt. Er muss Deutschland binnen einer Woche verlassen, so eine der Auflagen des Bamberger Amtsgerichts.Merzbach

Eine aussichtslose Lage, jede Menge Alkohol und viele Nationalitäten auf engstem Raum. Es ist eine explosive Mischung, die immer wieder zu Gewaltausbrüchen in der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken (AEO) in Bamberg führt. Diesmal musste sich ein 22-jähriger Marokkaner vor dem Jugendschöffengericht verantworten.

Nach sechs Bier und vier Gläsern Wodka ist Rachid Y. (Name geändert) betrunken. Als er mitten in der Nacht mit einigen Freunden in seine Unterkunft zurückkehren will, irrt er sich wohl in der Tür. Versehentlich stolpert er gegen den Eingang der Wohnung einiger iranischer Frauen, die gegenüber gerade in ihren Betten liegen. Die Perserinnen haben, weil man die Türen nicht abschließen kann, mit einem Tisch den Zugang blockiert. Wutentbrannt reißt Rachid Y. einen Feuerlöscher von der Wand, versprüht dabei etwas von dem Pulver und nutzt sodann den Metallzylinder als Rammbock. Als die von den massiven Schlägen gegen das Holz erwachten Frauen im Inneren um Hilfe schreien, bemerkt Rachid Y. seinen Irrtum.

Erste Worte, dann Taten

Doch da ist es bereits zu spät. Einige Iraner sind auf die Notlage ihrer Landsfrauen aufmerksam geworden und eilen aus den anderen Stockwerken herbei. Es beginnt ein "Nachbarschaftsstreit". Erst mit Worten, dann mit Taten: "Die Marokkaner haben immer wieder unsere Frauen belästigt."

Vor dem Gebäude kommt es zum Showdown. Eine handvoll Marokkaner hat sich mit Bierflaschen, Aluminium-Rohren und angeblich auch mit einem Obstmesser bewaffnet und greift einen der Iraner an. Der 36-jährige Mann, der nun in Bayreuth lebt, schilderte das Geschehen freilich dramatischer, als es gewesen sein mochte. War zuerst von mehr als zehn Angreifern die Rede, wurden es erst vier bis fünf, später gar nur drei.

Fakt war aber, dass er von einem bislang Unbekannten festgehalten und dabei von Rachid Y. mit der Faust ins Gesicht geschlagen und von einem anderen mit einem Aluminium-Rohr an der Schulter getroffen worden war. "Sie kannten keine Gnade," übersetzte ein Farsi-Dolmetscher. Auch der Kopf eines zweiten Iraners machte unliebsame Bekanntschaft mit einer Bierflasche. Wegen mehrerer Täter war es denn auch eine gefährliche Körperverletzung.

"Ich habe mich nur gewehrt"

Vor Jugendrichter Martin Waschner bestritt Rachid Y. die von mehreren Zeugen bestätigte Version. "Ich habe mich nur gewehrt. Der Iraner ist viel größer und stärker und hat mich geschlagen." Außer dem Angeklagten glaubte diese Geschichte aber wohl keiner der Zuhörer.

Dass der Prozess erst jetzt nach zwei Jahren stattfand, dafür war Rachid Y. mitverantwortlich. Zum einen war er zwischenzeitlich mehrfach in die Schweiz gereist und damit von der Bildfläche verschwunden. Dann hatte er seit Mai 2018 eine Geldstrafe von 35 Tagessätzen, die er nicht bezahlen konnte, in der JVA Würzburg abgesessen. In der Folge standen einige Zeugen nicht mehr zur Verfügung. Ein Iraner war inzwischen freiwillig ausgereist, der andere kurzerhand untergetaucht.

Drei Identitäten

Zwei Zeugenaussagen mussten deshalb, gegen den Willen der Verteidigung und entgegen des Prinzips der Mündlichkeit vor Gericht, vorgelesen werden. Sie belasteten Rachid Y., der im Gerichtsaal mit drei verschiedenen Identitäten und zwei widersprüchlichen Altersangaben für Verwirrung sorgte.

Das Urteil wegen gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung war umso klarer: Sechs Monate Jugendstrafe zur Bewährung. Die gab es trotz mehrerer Vorstrafen wegen zahlloser Diebstähle aber nur, weil Rachid Y. bereits drei Monate in Untersuchungshaft in der JVA Bamberg hinter sich hatte.

Unverzügliche Ausreise

Als eine der Auflagen verhängte das Jugendschöffengericht auf Antrag des Staatsanwaltes Markus Herold die unverzügliche Ausreise binnen einer Woche. Sonst muss Rachid Y. das halbe Jahr hinter Gittern verbringen. "Sie hatten sich nicht mehr im Griff und haben rumrandaliert", so Richter Waschner nach vierstündiger Verhandlung. Für Rachid Y. sprach, dass keine schweren Verletzungen zurückblieben, wie sein Verteidiger Oliver Teichmann (Bamberg) ausführte. Es bleibe aber ein Sachschaden am Feuerlöscher und der Wohnungstür von etwa 350 Euro. Dass Rachid Y. diesen würde begleichen können, darüber machte sich Richter Waschner keine Illusionen.

Freilich währte Rachid Y.s Freude nur kurz. Auch wenn der Haftbefehl aufgehoben wurde, in Freiheit kam der Marokkaner erst einmal nicht. Seine Polizeieskorte nahm ihn umgehend in Gewahrsam, um ihn am nächsten Tag dem Ermittlungsrichter vorführen zu können. Dann soll ein Abschiebe-Haftbefehl dafür sorgen, dass Rachid Y. von der Abschiebe-Haftanstalt Eichstätt aus in sein Herkunftsland ausgeflogen werden kann. Wie es das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bereits im Oktober 2017 angeordnet hatte.

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