Bamberg
Natur

Auge in Auge mit dem Wolf

Die Chance, in freier Wildbahn ein Raubtier zu treffen, ist in Franken größer geworden. Die Rückkehr der Wölfe polarisiert, obwohl die meisten Menschen über den Urahn der Hunde nur wenig wissen.
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Das erste offizelle Bild eines Wolfes im Landkreis Bad Kissingen.  LfU
Das erste offizelle Bild eines Wolfes im Landkreis Bad Kissingen. LfU
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Am liebsten liegt er faul in einer stillen Ecke und schläft. Würde man das Fellknäuel so zu Gesicht bekommen, würde man auf den ersten Blick keinen Unterschied erkennen zwischen Canis lupus und Canis lupus familiaris. Wie kommt es, dass der Eine, der Haushund, als der beste Freund des Menschen gilt, der Andere aber, der Wolf, der Urahn aller Hunde, als Monster?

"Er steht da, schaut dir in die Augen und signalisiert dir, dass du ihm völlig gleichgültig bist. Weder Aggression noch Angst. Auf Augenhöhe." Vielleicht liegt in dieser Beschreibung der Geografin Verena Schröder von der Universität Eichstätt der Ur-Grund für das Misstrauen gegen den Ur-Hund. Er kommt zurück und kratzt an der menschlichen Überlegenheit.

Verena Schröder hat für ihre Doktorarbeit die Rückkehr der Wölfe in einem Bergmassiv in der Schweiz untersucht. Das Calanda-Gebirge ist mitnichten nur Wildnis. Landwirte nutzen große Flächen, die Stadt Chur liegt innerhalb des Aktionsradius' der Wölfe, die sich hier vor knapp zehn Jahren angesiedelt haben.

Geht das ohne Konflikte, ist der Wolf in der Schweiz über Nacht zum zweitbesten Freund des Menschen geworden? So einfach ist es nicht, sagt die Geografin. Sie hat für ihre Doktorarbeit die Interaktion zwischen Wolf und Mensch untersucht - gefragt, wie Mensch und Tier miteinander umgehen. "Dabei ist deutlich geworden, dass der Wolf schon in der Sprache überwiegend negativ besetzt ist", sagt Verena Schröder.

Im kollektiven Bewusstsein lauert der "böse Wolf" aus dem Märchen auf Beute, das blutrünstige Raubtier, das Rotkäppchen und die Großmutter verschlingt. Im Horrorfilm verwandelt sich der Mensch in einen Werwolf, und nur selten darf er auch mal gut sein, der Wolf, wenn Kevin Kostner mit ihm tanzt.

Eine tiefgreifende Erfahrung

Die negative Färbung des Wolfes beißt sich mit der Tatsache, dass nach Schröders Erfahrung alle, die dem wilden Tier begegnet sind, etwas ganz anderes schildern. "Es war für sie stets eine tiefgreifende, in jedem Fall positive Erfahrung", sagt die Wissenschaftlerin, die Jäger, Förster, Landwirte, Wanderer und andere befragt hat.

Ja: Der Wolf ist anders. "Ich denke, unterschwellig macht uns Menschen die Gleichgültigkeit zu schaffen, mit der er wieder Einzug hält." Und die Intelligenz und das Selbstbewusstsein, die ihn vor Jahrtausenden problemlos vom Wild- zum Haustier werden ließen, weil er sich neuen Gegebenheiten sehr gut anpassen kann. "Wölfe sind sehr schlaue und neugierige Tiere. Sie können einem auch mal in die Augen sehen."

Der Wolf ist nicht böse. Aber er ist auch kein Kuscheltier. "Der Wolf ist ein Raubtier, er wird nie Vegetarier sein", sagt die ausgewiesene deutsche Wolfsexpertin Christiane Schröder (die Namensgleichheit ist Zufall) aus Brandenburg. Nach Ansicht der Biologin hat der Wolf in Deutschland seinen Platz als Teil des natürlichen Gleichgewichts. "In Regionen, wo es im Wald viel Wild gibt, ist der Wolf eigentlich notwendig."

In Deutschland beginnt man erst, sich mit dem Wolf zu arrangieren; von dem kommunikativen Ansatz Verena Schröders ist man weit entfernt. Es geht weniger um die Frage, wie viel Wolf in dem Land Platz hat. Als darum, wie schnell man "böse" Wölfe abschießen darf; das ist inzwischen Chefinnensache im Kanzleramt.

Ein Lernprozess

Die Erfahrungen aus der Schweiz, wo es für die Calanda-Wölfe sogar eine eigene Facebook-Seite gibt, stimmen Verena Schröder zuversichtlich, dass ein Miteinander von Mensch und Wolf möglich ist. "Es ist ein Lernprozess. Beide, Wolf und Mensch, müssen sich mit der neuen Situation arrangieren.

Dabei helfen praktische Dinge. In der Schweiz bewähren sich die Herdenschutzhunde. Die massigen Tiere, die wie Schafe aussehen, halten die Schweizer schon lange - um ihre Herden vor wildernden Hunden zu schützen! Dabei wollen die Pelztiere ja einfach nur in Ruhe gelassen werden, egal ob Schaf oder Hund oder Wolf ...

Wolf in Bad Kissingen

Der jüngste amtliche Wolf in Franken tappte Mitte April bei Bad Kissingen in eine Foto-Falle. Erst am Mittwoch hat das Landesamt für Umwelt bestätigt, dass sich im Landkreis Rhön-Grabfeld ein weiblicher Wolf dauerhaft niedergelassen hat.

Schon länger sesshaft sind die Wölfe im Veldensteiner Forst im Landkreis Bayreuth. Hier gelangen im Herbst 2018 sogar Videoaufnahmen von vier Jungwölfen.

Bei den anderen Sichtungen, die sich in letzter Zeit häufen, handelte es sich meist um streunende junge Wölfe. Die legen oft enorme Strecken zurück. Dafür, dass man sie jetzt öfter sieht wie im März bei Oberhaid, gibt es zwei Erklärungsansätze: Es gibt tatsächlich mehr Wölfe, oder sie werden eher wahrgenommen als früher. Der wohl berühmteste fränkische Wolf war der "Werwolf" von Ansbach, der angeblich mehrere Menschen getötet hat. Er wurde 1685 gefangen und wie ein Verbrecher hingerichte

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