Bamberg
Welterbe

Aufzug in Bambergs Altstadt wird zu Aufreger

Das Leben in einer verwinkelten Altstadt wie der Bamberger ist nicht immer romantisch. Wo es so eng zugeht, können Umbau- und Sanierungsvorhaben schnell zu Konflikten führen. Ein Beispiel aus der Karolinenstraße.
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Karin Hojer schaut aus ihrem Haus in die Nische, in der ihr Nachbar einen frei stehenden Personenaufzug bauen darf. Gegen die Genehmigung durch die Stadt Bamberg geht sie mit juristischen Mitteln vor. Foto: Matthias Hoch
Karin Hojer schaut aus ihrem Haus in die Nische, in der ihr Nachbar einen frei stehenden Personenaufzug bauen darf. Gegen die Genehmigung durch die Stadt Bamberg geht sie mit juristischen Mitteln vor. Foto: Matthias Hoch
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Karin Hojer findet es eine "bodenlose Unverschämtheit", dass die Stadt Bamberg einen elf Meter hohen frei stehenden Aufzug quasi vor ihrer Nase genehmigt hat.

Er soll auf dem Nachbargrundstück in weniger als einem Meter Abstand zu ihrem Haus gebaut werden und dürfte auf allen drei Stockwerken ihre Toiletten verdunkeln und die Belüftung verschlechtern. Langfristig fürchtet die Bambergerin sogar um die Substanz ihres uralten Hauses.

Hojer gehört das über 550 Jahre alte "Schwertfegerhäuschen" in der Karolinenstraße 22. Der Aufzug, gegen dessen Genehmigung sie vor das Verwaltungsgericht gezogen ist, darf an der Rückseite der so genannten Hofapotheke errichtet werden, ein ähnlich altes, bedeutendes Baudenkmal am Dombergfuß.

In erster Instanz hat Hojer ihre Klage gegen die Stadt verloren.
Die Richter der Zweiten Kammer des Verwaltungsgerichts (VG) Bayreuth haben an der Genehmigung des Aufzugs nichts auszusetzen.

Im Gegenteil: Die Kommune hat aus ihrer Sicht die Interessen korrekt abgewogen. Die Beeinträchtigungen für die Klägerin seien zumutbar und das hinter dem Vorhaben stehende Interesse des Nachbarn sei "rechtlich beachtlich".

Dieser will, wie er auf Anfrage sagte, das Haus im Zug der Sanierung bis zum zweiten Stock barrierefrei erschließen. Auch als Fluchtweg spielt der Personenaufzug im Konzept des Hausbesitzers eine Rolle. Bis in die Mansard-Wohnung darf der Lift nicht reichen. Er wäre sonst im Stadtbild sichtbar. Das hätte man nicht genehmigt, sagt der städtische Baureferent Thomas Beese. Und er verspricht: "Man wird ihn suchen müssen, wenn man ihn sehen will."

Der umstrittene Aufzug wird nicht der erste mitten in der Altstadt sein. Laut Beese gibt es einige. Sie seien aber wenig bekannt, weil man sie kaum sehe.

Richter gaben der Stadt Recht
Dass der "Turm", von dem Hojer spricht, nicht den nach der Bayerischen Bauordnung vorgeschriebenen Abstand zu ihrem Anwesen einhält, liegt dem Urteil zufolge in der Natur der Sache: "In der vorliegenden Situation wäre jede bauliche Veränderung geeignet, eine Abstandsflächenüberschreitung auszulösen." Anders ausgedrückt: Wo es so eng zu geht wie im Welterbe Bamberg, wo die Grundstücke bis an die Grenzen bebaut sind, gilt nicht zwingend heutiges Baurecht.

Karin Hojer mag die Entscheidung nicht akzeptieren. Sie will in die Berufung gehen und setzt in zweiter Instanz auf die "Karte" Denkmalschutz. Der kam ihr bisher zu kurz: "Ich finde, vor solchen alten Häusern muss man Respekt und Ehrfurcht haben. Da kann man nicht einfach drum rum bauen."

Tatsächlich ist im schriftlichen Urteil aus Bayreuth nicht ein Mal von den Denkmal-Eigenschaften der beiden Häuser an der Karolinenstraße die Rede.

Im voraus gegangenen städtischen Genehmigungsverfahren habe der Denkmalschutz sehr wohl eine große Rolle gespielt, versichert der Baureferent. Der Aufzug dürfte nach seinen Worten nicht gebaut werden, wenn für die Verbindungstüren wertvolle Substanz in der rückwärtigen Fassade zerstört würde. Auch mögliche Bodendenkmäler hat man angeblich im Blick: "Wenn das Fundament gebaut wird, schicken wir natürlich unseren Archäologen hin."

Der "Fall" zieht Kreise, stößt auch bei anderen Nachbarn auf Unverständnis. Berthold Mackert etwa, Besitzer des repräsentativen Marschalk-von-Ostheimschen Hauses an der Ecke Karolinenstraße/Ringleinsgasse, findet die Genehmigung des Aufzugs empörend. Da erfolge ohne Notwendigkeit ein Eingriff in das "Weltkulturerbe".

Stadtheimatpfleger Ekkehard Arnetzl sagt offen, dass es ihm lieber gewesen wäre, wenn es bei der Sanierung der "Hofapotheke" ohne Aufzug ginge. Er hält dessen Bau aber für vertretbar. Auch, weil er frei steht und damit reversibel ist.

Die Leiterin des Zentrums Welterbe Bamberg (ZWB), Patricia Alberth, sieht nach einem Ortstermin keinen Handlungsbedarf. Grund: "Der außergewöhnliche universelle Wert des Welterbes Altstadt Bamberg ist nicht in Gefahr."

Der Eigentümer der "Hofapotheke", der genau genommen Geschäftsführer einer Gesellschaft ist, die das Einzeldenkmal vor einiger Zeit gekauft hat, hält den Lift für ein Stück zeitgemäßen Komfort, der auch in der Altstadt möglich sein müsse. Familien mit kleinen Kindern und Menschen mit Gehhilfe bliebe das Wohnen in historischen Häusern sonst verwehrt. Das könne nicht sein.

Aus Sicht des Vermieters spielt es dabei keine Rolle, ob die zweite Etage später bewohnt wird oder als Arztpraxis dient. Bis Hojers Klage abschließend entschieden ist, will er die Sanierungsarbeiten in den oberen Stockwerken der Karolinenstraße 20 jedenfalls ruhen lassen - vorsorglich.

Die Besitzerin des "Schwertfegerhäuschens" ist fest entschlossen, weiter zu kämpfen. Sie lässt sich auch nicht vom Hinweis der Stadt und der Richter einschüchtern, dass es ihre Toilettenfenster gar nicht geben dürfte. Angeblich handelt es sich bei der bewussten Mauer um eine Brandwand.

Hojer bezweifelt das entschieden. Außerdem verweist sie auf einen Plan aus dem Jahr 1938, der die Fenster schon dokumentiert.

Zustimmung zurück genommen
Der Aufzug soll in einer von drei Seiten bebauten Nische entstehen. Die dritte Hauswand gehört zum Anwesen einer weiteren Bamberger Familie. Diese hatte dem Aufzug-Vorhaben zunächst zugestimmt.

Nicht ganz freiwillig, wie sie berichtet: Sie hätten sich von einer früheren Architektin des Bauherrn unter Druck gesetzt gefühlt, weil die ihnen angekündigt habe, ihre Fenster in der betreffenden Wand zumauern zu lassen. Bei Hojer hatte dieses "Argument" von Anfang den Widerstand eher verstärkt.

Ihre Nachbarn haben die Zustimmung gegen den Aufzug inzwischen zurück genommen.
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