Der Söder Markus ist da gewesen und auch der Innenminister Herrmann. Um über die Wirtschaft, die Lage und alles zu sprechen. Nun aber, 2019, ausgerechnet ein Sozialdemokrat. Der Bamberger Wirtschaftsclub hat sich für seinen diesjährigen Neujahrsempfang mit dem leicht Jugendclub-mäßigen Namen "Jump" Sigmar Gabriel geladen. Und es drängt sich womöglich ein wenig die Frage auf, wer hier in Sachen Erfolg von wem lernen soll.

Die Pointe der Konstellation liefert Wilfried Kämper, Geschäftsführer von Magnat und Sprecher des WCB, letztlich selbst: Er überreicht dem Stargast als Dankeschön ein Buch über, ausgerechnet, Rhetorik. Gabriel nimmt's milde lächelnd und eilt auch schon wieder fahrig hinaus aus der Konzerthalle. Er muss zum Zug, denn Gabriel weiß: "Die kommen immer dann pünktlich, wenn man zu spät ist."

Es ist diese seine schnoddrige Art und seine Einstufung als politisches Schwergewicht, die den ehemaligen Außenminister für Veranstaltungen dieser Art prädestinieren. Und, hüstel, nicht nur das: Wirtschaftsnähe ist bei Sozialdemokraten schließlich spätestens seit Patron Schröder nicht mehr grundsätzlich pfui. Gabriel selbst befindet sich momentan ja im symbolischen Abklingbecken, bevor er, wohl noch in diesem Frühjahr, in den Verwaltungsrat von Siemens Alstom wechseln wird.

Und Gabriel, der sich als Außenminister, wie sich das für Außenminister so gehört, zum beliebtesten Politiker des Landes mauserte, kann auch volksnah. Das geht in Bamberg immer am einfachsten mit Hilfe des Getränks: Gabriels Heimat Goslar habe viel mit Bamberg gemeinsam, außer, leider, die tollen Brauereien. Das sind leicht verdiente Lacher. "Ich wäre gern noch länger geblieben."

Wirtschaft, Google, AfD

Es ist diesem Redner hoch anzurechnen, dass er, anders als Kollege Gysi, im Herbst der politischen Karriere den Verlockungen widersteht, direkt ins Kabarett hinüberzuwechseln. Aber Pointen kann er. Deshalb macht ihm das sicher auch Freude: Hände schütteln und aus dem Ärmel eine quasi frei gehaltene Rede über die Weltlage, dem Anlass entsprechend ergänzt um die Notizen über den fleißigen deutschen Unternehmer. Das geht runner wie Öl.

Es ist so, dass er keines der großen Themen ausspart in dieser Rede, die teils lose assoziiert, springend wirkt. Digitalisierung: "Wer weiß am meisten über die Mobilitätswünsche meiner Tochter? Google und Facebook." Freihandel: "Die hatten alle Angst vor dem Chlorhühnchen, das gar nicht vorgesehen war." Der Kontinent: "Nur wenn wir gemeinsam Europa erhalten, werden wir in dieser Welt eine Rolle spielen." AfD: "Wir sollten mal aufhören, nur über die zehn Prozent Spinner in diesem Land zu reden." Usw.

Der hauptsächliche Fokus liegt zum einen in der Wertschätzung Europas, als Wirtschaftsraum wie als Friedensgarantie. Die Folgen des Brexits seien nicht zu unterschätzen: "Ob Europa den Austritt Groß Britanniens überlebt, ist nicht sicher." Gabriels Blick in die Zukunft ist nicht grundsätzlich optimistisch: "Wie unsere Kinder und Enkel aufwachsen, wird in den kommenden Monaten und Jahren entschieden."

Die Gäste, also, die netzwerkenden Unternehmer aus dem Raum Bamberg, freut's insbesondere, dass dieser zwar rote Gast wenig Angst unter ihnen verbreitet. In einem der wenigen konkret politischen Momente dieser Rede, sagt Gabriel vor dem Verteilen stehe immer noch das Erarbeiten und: "30 Prozent Unternehmenssteuer - das ist international betrachtet zu hoch." Wer solche Sozen hat, braucht keine FDPler mehr.

"Imagine" für den Gast

Gabriel-Genosse Klaus Stieringer führt durch den Abend, unter anderem, indem er den Text von Lennons "Imagine" auf Deutsch rezitiert, bevor ihn seine Ehefrau, Kerstin, als Sängerin von Zweilight, noch einmal auf Englisch performt. Das erste Netzwerk bleibt eben die Familie. Wilfried Kämper sprach die Begrüßungsworte. Und zitiert darin einen weiteren SPD-Mann, und vielleicht bald Kanzlerkandidat, Olaf Scholz: Die fetten Jahre seien vorbei. Kämper: "Die guten Nachrichten kommen wie immer aus der Wirtschaft. Du musst nicht traurig sein, lieber Olaf Scholz, wir schaffen das schon."

Es ist also alles gut mit der Wirtschaft in und um Bamberg, klar, die Arbeitslosenquote liegt bei 2,8 Prozent, Vollbeschäftigung. Im Rahmen des Wirtschaftstalks besteht für Kämper und Wieland-Boss Dr. Ulrich Schaarschmidt schließlich die Möglichkeit, Wünsche an die Politik heranzutragen. Die kommunale Ebene vertritt zweiter Bürgermeister Christian Lange (der CSU-Hahn im SPD-Korb), die Bundesebene MdB Andreas Schwarz (SPD).

Obligatorisches Thema Nummer eins: Der Bamberger Bürger hat den Unternehmen die Muna-Flächen verwehrt. Klar, so Kämper, Naturschutz sei schon wichtig, aber: "Man hat sich das nicht wirklich genau angeschaut." Bürgermeister Lange verspricht, der Kopf werde nicht in den Sand gesteckt. Man sei weiterhin auf der Suche nach Flächen im Stadtgebiet und Landkreis.

Auch die Themen Fachkräftemangel und schnelles Internet schaffen es allerdings nicht, die hungrigen Gäste auf ihren Plätzen zu halten. Die Unternehmer wollen gerne schnellere Verfahren und nicht immer mehr Reglementierungen. Die Politiker verstehen"s und nehmen das gerne mit. Die Reihen lichten sich. Wer sitzen bleibt und sich umdreht, sieht sie stehen bei Häppchen und Sektchen. Sie netzwerken schon.