Bamberg
Familiengeschichte

Auf einmal hatten wir Amis in der Familie

Nach dem Krieg waren die Amerikaner in Franken omnipräsent.Und sie verbrüderten sich rasch mit der einheimischen Bevölkerung, wie das Beispiel der Familie unseres Autors zeigt.
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2005: Nach über einem Jahr heil zurück aus dem Krieg. Die Deutschen freuen sich mit Emeka, ihrem amerikanischen Nachbarn. Foto: privat
2005: Nach über einem Jahr heil zurück aus dem Krieg. Die Deutschen freuen sich mit Emeka, ihrem amerikanischen Nachbarn. Foto: privat
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Nach dem Krieg waren sie überall in Franken - die Amis. In Würzburg, Kitzingen, Schweinfurt, in Bamberg, Erlangen, Herzogenaurach, Fürth oder Ansbach - zigtausende Soldaten. In den Kasernen konnte man sie gar nicht alle unterbringen. Weshalb viele GIs im Laufe der Zeit ein Zimmer oder eine Wohnung außerhalb der Kasernen anmieteten. Sie hatten das Geld und die Zigaretten. Die Franken konnten beides dringend gebrauchen. Unmittelbar nach Kriegsende setzten die Amerikaner jedoch erst einmal auf Distanz, wollten keine Fraternisierung mit den "Nazis". Das änderte sich jedoch rasch, als sie zur Kenntnis nehmen durften, dass die Franken ganz normale Menschen waren.



Meine Mutter war eine Unterfränkin aus der Rhön. Sie hatte elf Geschwister, die in ihrem Leben nahezu allesamt ihre Heimat rund um Würzburg, Schweinfurt und Kitzingen gefunden hatten. Eigentlich hatte es nur meine Mutter ins oberfränkische Bamberg verschlagen. Hier heiratete sie nach dem Krieg meinen Vater, der erst 1948 aus französischer Gefangenschaft nach Bamberg gekommen war. Das Ergebnis dieser Verbindung war ich - ein Oberfranke.

Ein Ami als Taufpate
Bei meiner Taufe brauchte ich natürlich einen Paten. Der Ausgesuchte trug den unfränkischen Namen "Bill Perry". Weshalb ein Wilhelm als zweiter Vorname in die Geburtsurkunde eingetragen werden musste. Bill war ein US-Soldat, hatte meine Würzburger Cousine Elly geheiratet. Kennen gelernt hatten sich die beiden nach dem Krieg anlässlich eines Besuchs bei meiner Mutter in Bamberg. Plötzlich hatten wir also einen Ami in der Familie. Wir wohnten damals in der Zollnerstraße, nur einen Steinwurf von der US-Kaserne entfernt. Noch heute habe ich das Kettengeratter der Mannschaftstransportwagen im Ohr. Die Gläser im Wohnzimmerschrank gerieten gehörig in Schwingung, wenn die Panzer vom Manöver zurückfuhren in die Kaserne.


Für die Älteren mag das gewöhnungsbedürftig gewesen sein, für mich war es eine Selbstverständlichkeit. Die Amerikaner waren eine Art unverrückbarer Bestandteil meines damals noch jungen fränkischen Lebens. Weil sie einfach überall auftauchten. Bei meinem Onkel Sepp zum Beispiel. Der betrieb eine Gaststätte in Kitzingen - das Schützenhaus. Dort suchten nicht nur die Einheimischen auf dem Schießstand ihre Zielgenauigkeit zu optimieren, die Gaststätte war auch ein beliebter Treffpunkt der Amerikaner. Mit Klängen von Bill Haley und Elvis Presley aus der Musikbox bin ich deshalb groß geworden. Vico Torriani und Freddy Quinn blieben mir dagegen weitgehend erspart.

Erdnussbutter aus der Dose
Selbst als ich in den 60er Jahren ins Internat kam, zu den Benediktinern ins unterfränkische Münsterschwarzach, die Spuren der Amerikaner blieben unübersehbar. So wurde uns zum Frühstück immer wieder mal aus Beständen der US-Army Erdnussbutter serviert. Ehe das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten war, versorgten die Amis mit dem Zeug Kinderheime und Internate. Vielen meiner Freunde schmeckte die komische Pampe aus den olivgrünen Blechdosen - mir überhaupt nicht. Die Fratres und Patres wussten dagegen die Großzügigkeit der Amerikaner zu schätzen. Die setzten bei Bedarf nämlich auch einmal schweres Gerät ein, wenn es galt, das Fundament für einen notwendig gewordenen Neubau auszuheben.

Kurze Hosen schon im Februar
Eines beeindruckte mich als kleinen Jungen immer ganz besonders: Oft genug spazierten die Amerikaner schon im Februar mit kurzen Hosen und T-Shirts durch die Bamberger Innenstadt. Ein kurzer Sonnenstrahl genügte und schon war für diese verrückten Kerle offenbar die Badesaison eröffnet. Und das Feuerwerk, das sich die Amerikaner regelmäßig zum Jahreswechsel leisteten, war eh unvergleichlich.

Doch noch mal zurück zu Elly und Bill. Anders als bei vielen anderen Verbindungen zwischen Deutschen und Amerikanern hielt die Ehe der beiden ein Leben lang. Bis zu Ellys Tod vor wenigen Jahren in Kalifornien. Abgesehen von einigen Auslandsaufenthalten in Thailand und Vietnam war Bill bis in die 70er Jahre hinein immer in Deutschland stationiert. Mit ihren beiden Kindern Scotty und Christie kamen sie öfter zu Besuch ins Fränkische. Auf einem Vesparoller machte ich mit dem damals 16-jährigen Sohn immer wieder gern die Bamberger Innenstadt unsicher. In der Zwischenzeit versorgte mein Vater unsere Amerikaner mit dem heiß geliebten "german beer".

Mit dem Älterwerden ging automatisch ein etwas kritischerer Blick auf die amerikanischen Freunde einher. Insbesondere seit dem Vietnam-Engagement der USA und den damit verbundenen Napalm-Grausamkeiten. Trotzdem: Viele, die wie ich Kinder des Kalten Krieges waren, sahen die Anwesenheit der Amerikaner in Franken positiv. "Ami go home", das skandierten andere. Mit mir war das nicht zu machen.

Sicherheitsgarant Amerika
Aus den zahlreichen Gesprächen mit Bill wusste ich, wie sehr die Amerikaner darum bemüht waren, in einem Konfliktfall, wenn er denn nicht zu vermeiden war, die eigenen Verluste möglichst gering zu halten. Eine Leitlinie, die sich nur eine demokratische Gesellschaft leistete. Aber: eine wichtige Erkenntnis in Zeiten, in denen über den Einsatz taktischer Atomwaffen diskutiert wurde. Die Anwesenheit der Amerikaner in Franken erschien mir vor diesem Hintergrund immer als ein Garant dafür, dass der Einsatz solcher Waffen in Mitteleuropa - im Osten wie im Westen - keine Option sein konnte.

Als ich 1992 mit meiner Familie in ein Mehrfamilienhaus ins Bamberger Umland zog, waren die Amerikaner auch schon da. Eine der Wohnungen im Haus war an US-Angehörige vermietet. Das Verhältnis zu diesen Nachbarn war ein durchaus herzliches. Es wurde zusammen gefeiert und es wurde zusammen gebangt. Dann etwa, wenn der Nachbar in den Krieg ziehen musste. In den Irak oder nach Afghanistan. Oft ein Jahr und länger. Gott sei Dank ging es bei uns immer gut aus. Die amerikanischen Nachbarn kehrten allesamt gesund zurück ins Fränkische.

Der nächste Amerikaner
Längst waren die Amerikaner Freunde, ja sogar Verwandte geworden. In unserer durch und durch fränkischen Familie sollte Bill nicht der einzige Amerikaner bleiben. Und das kam so: Unsere beiden Töchter beschäftigten sich seit ihrem zehnten Lebensjahr intensiv mit dem Thema Basketball. In Bamberg kein Wunder, weil hier die Amerikaner unter tätiger Mithilfe einiger infizierter Einheimischer das Spiel unters Volk, insbesondere unter die Studentenschaft gebracht hatten. Beide Mädels spielten in verschiedenen Jugend- und Damenteams, bis eines Tages das Unvermeidliche geschah.

Die Älteste stellte uns einen netten jungen Mann vor, der zwar perfekt Deutsch sprach, dessen Nachname "Smith" jedoch nicht unbedingt auf ausschließlich fränkische Wurzeln schließen ließ. Wie sich herausstellte, war der Vater Amerikaner und der in Deutschland geborene Sohn mit einer doppelten Staatsbürgerschaft ausgestattet. Was mit Elly und Bill in den 50er Jahren seinen Anfang genommen hatte, erfuhr mit unserer inzwischen verheirateten Tochter eine fränkisch-amerikanische Fortsetzung.

Auch wenn jetzt die US-Fahnen in den Kasernen in Bamberg und Schweinfurt endgültig eingeholt werden und die Anwesenheit von US-Truppen in Franken mit Ausnahme von Ansbach/Katterbach endgültig der Geschichte angehört, die Amerikaner in unseren Familien bleiben. Und mit ihnen die Erinnerung an ein besonders spannendes Kapitel deutscher und fränkischer Nachkriegsgeschichte.

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