Bamberg
Drittes Reich

Auch in Franken wurden "Minderwertige" zwangssterilisiert

Auch in Bamberg wurden in der NS-Zeit zahlreiche Menschen zwangssterilisiert, die das Regime als "minderwertig" diffamierte. Zum "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" am 27. Januar erinnert die Willy-Aron-Gesellschaft nicht zuletzt an diese Männer und Frauen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Der Krankensaal der ehemaligen Chirurgie (heute Stadtarchiv) in einer Aufnahme aus den 40er Jahren.  Foto: Stadtarchiv/Max Gardill
Der Krankensaal der ehemaligen Chirurgie (heute Stadtarchiv) in einer Aufnahme aus den 40er Jahren. Foto: Stadtarchiv/Max Gardill
War die 34-Jährige nun tatsächlich schizophren, wie man behauptete? Oder nur so depressiv, dass ihr die Kraft zur täglichen Hausarbeit, ja Alltagserledigungen fehlte? Für den Vater der Gaustadterin Grund genug, seine Tochter in der NS-Zeit in St. Getreu psychiatrisch untersuchen zu lassen. So geriet sie ins Räderwerk des Erbgesundheitsgesetzes, an dessen Ende für die Fränkin die Zwangssterilisation in der Chirugie des Alten Krankenhauses stand. "Eine von vielen Patientenakten, auf die ich im Stadtarchiv während meiner Doktorarbeit stieß", sagt Andreas Ullmann als stellvertretender Vorsitzender der Willy-Aron-Gesellschaft, die zum "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" auch an alle Bamberger erinnern möchte, denen der NS-Staat selbst das Recht auf eigene Kinder nahm.

"Mich bewegte der Fall dieser Frau, die mit einem Möbelpolier verheiratet war - einem Trinker", meint Ullmann. Während das weitere Schicksal anderer zwangssterilisierter Bamberger für ihn im Dunkeln liegt, ließ sich die Katholikin in den 50er Jahren erneut auch wegen Depressionen in St. Getreu behandeln. Noch immer litt die Patientin unter dem unerfüllten Kinderwunsch, der ihr Leben überschattete. "So steht sie stellvertretend für etliche andere Opfer des NS-Rassenwahns, die die Eingriffe traumatisierten, aber stumm blieben."

Vordenker der Antike

Indes ist die "Lehre von der Verbesserung des biologischen Erbgutes" keine Erfindung der Nazis. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts beeinflusste die Eugenik viele sozialpolitische Ansätze in den USA, Skandinavien, der Schweiz - und später eben auch in Nazideutschland. Man griff auf menschenverachtende Vorstellungen von Vordenkern aus der Antike zurück, nachdem schon griechische Philosophen wie Plato und Aristoteles Eliminierung Behinderter und "Züchtung" des Idealmenschen propagierten (siehe auch http://autismus-kultur.de).

Bizarre Formen nahm vor diesem Hintergrund im "Dritten Reich" der Vorsatz zur "Rettung der nordischen Rasse" auch bei den "Herrenmenschen" an. So suchte Heinrich Himmler als Reichsführer SS die Geburtenrate ab 1935 über die Organisation "Lebensborn" zu steigern. Gerade ledige Frauen, die den "Zuchtkriterien" entsprachen, wollte man nach einem Fehltritt zum Austragen des arischen Nachwuchses bewegen. In eigens eingerichteten Heimen, wie beispielsweise auch "Franken I" und "Franken II" in Ansbach, konnten sie die Zeit der Schwangerschaft bis einige Wochen nach der Geburt verbringen. Der Verein "Lebensborn" übernahm die Vormundschaft der Neugeborenen, die in einem speziellen Zeremoniell unter Auflegung eines silbernen SS-Dolches getauft wurden, wie bei Wikipedia nachzulesen ist.

"Unwertes Leben"

Aber zurück zum "lebensunwerten Leben", das man "auszumerzen" suchte. Demnach wurden zwischen 1939 und 1945 laut Bundesarchiv rund 200.000 Frauen, Männer und Kinder aus psychiatrischen Einrichtungen des Deutschen Reichs in mehreren verdeckten Aktionen durch Vergasung, Medikamente oder unzureichende Ernährung ermordet. Mit den Zwangssterilisationen hatte man schon weitaus früher begonnen. Gleich im Sommer nach der "Machtergreifung" erließ der NS-Staat das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Kinderlos sollten demnach Menschen mit angeborenem "Schwachsinn" bleiben, wie man sich ausdrückte, Schizophrenie, "zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein", erblicher Fallsucht, erblicher Blindheit, erblicher Taubheit, schwerer erblicher körperlicher Missbildung und schwerem Alkoholismus.

Beantragte ein beamteter Arzt die "Unfruchtbarmachung", dann hatte er den ersten entscheidenden Schritt getan. Woraufhin Erbgesundheitsgerichte, wie sie in Bamberg, Bayreuth und Hof den Landgerichten angegliedert waren, über "fortpflanzungswürdig" oder eben nicht entschieden. Über 2600 Einzelfallakten aus allen drei Städten lagern noch heute im Staatsarchiv der Domstadt.

Verzweiflung nach dem Eingriff

Eine Einzelfallakte aus dem Archiv von St. Getreu erzählt von der Sterilisation eines Bambergers, der mit 28 Jahren im Alten Krankenhaus operiert wurde. Ein Katholik, wie Andreas Ullmann berichtete. "Kindersegen ist Gottessegen - und mich hat man sterilisiert", klagte der zuvor aber offenbar linientreue Franke den Patientenunterlagen zufolge nach dem Eingriff. In St. Getreu war er ebenfalls wegen Schizophrenie behandelt worden. Indes führte seine Frau die Symptome auf einen "Schlag" zurück, den er "als Nationalsozialist auf den Kopf bekommen habe".

6000 Frauen und 600 Männer starben

Nicht jeder überlebte die medizinische Prozedur. Waren bis Mai 1945 im Deutschen Reich mindestens 400.000 Menschen zwangssterilisiert worden, so starben durch Anwendung des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" Wikipedia zufolge schätzungsweise 6000 Frauen und 600 Männer aufgrund von Komplikationen. In Bamberg suchte Andreas Ullmann vergeblich nach aussagekräftigen Statistiken, die belegen, wie viele Menschen in der NS-Zeit "unfruchtbar gemacht" wurden. "847 Anträge auf Sterilisation hatte man am Erbgesundheitsgericht Bamberg gestellt, wie Claudia Schenk für ihre Magisterarbeit recherchierte."

Einzelne Zahlen fanden sich auch im Jahresbericht von St. Getreu von 1935. Demnach wurde das Erbgesundheitsgericht bei 21 Männern und 18 Frauen eingeschaltet, darunter fünf schwere Alkoholiker. Woraufhin der Eingriff bei 26 Patienten noch im gleichen Jahr laut Ullmann erfolgte: "Zwei Jahre später schrieb Klinikdirektor Adolf Fuchs bezüglich eines weiteren Patienten: ,Damit sind für ihn wie für die 150 Erbkranken der Heil- und Pflegeanstalt St. Getreu die Voraussetzungen des Gesetzes zur Verhütung erkranken Nachwuchses alle erfüllt. Heil Hitler!'."

Adolf Fuchs - ein Mitläufer oder gar Profiteur des Systems? "Fest steht, dass er 1934 die Leitung von St. Getreu übernahm - und gleich im ersten Nachkriegsjahr Georg Zillig als Klinikdirektor folgte", so der Historiker. Und der Leiter der Chirurgie, unter dem alle Eingriffe stattfanden? "Wilhelm Lobenhoffer hatte nicht erst unter den Nazis Karriere gemacht, er führte die Chirurgie seit 1918." Ein couragierter Mann, wie Lobenhoffer im April 1945 bewies, als er mit Kirchenvertretern Kampfkommandanten Oberst Körner von der kampflosen Übergabe der Stadt zu überzeugen suchte. Davon berichtet der Bürgerverein am Bruderwald auf seiner Homepage, nachdem man hier nach dem Chirurgen eine Straße benannte. Darüber hinaus widmete die Stadt Lobenhoffer ein Ehrengrab in der Rotunde vor dem Gefallenenfriedhof. "Und dennoch war er der Mann, unter dessen Regie in Bamberg Zwangssterilisationen durchgeführt wurden."

Zeitzeugen gesucht

Für seine Dissertation zum Thema "Psychiatrie und Gesellschaft: Das Beispiel der Bamberger Heil- und Pflegeanstalt St. Getreu" sucht Andreas Ullmann übrigens noch Zeitzeugen. Erreichbar ist der Wissenschaftliche Mitarbeiter des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte der Otto-Friedrich-Universität unter der Adresse andreas.ullmann@uni-bamberg.de und der Nummer 0951/863-2369.


Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren