Bamberg
Roma

Asylbewerber wollen nur ein Leben ohne Angst

Für die Politik sind die Asylbewerber aus Balkanstaaten reine Wirtschaftsflüchtlinge. Die vier Roma-Familien, die seit Kurzem in Bamberg untergebracht sind, weisen das zurück. Sie sagen, sie wären zu Hause nicht sicher.
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Im siebten Monat schwanger ist diese Serbin, die als erste  in der Ludwigstraße 16 den Abschiebungsbescheid  bekommen hat.  Fotos: Ronald  Rinklef
Im siebten Monat schwanger ist diese Serbin, die als erste in der Ludwigstraße 16 den Abschiebungsbescheid bekommen hat. Fotos: Ronald Rinklef
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"Very danke" sagt er zum Abschied. Er ist schwarzhaarig, Mitte 30 und einer jener vier Familienväter, die mit ihren Frauen und insgesamt elf Kindern als Flüchtlinge in der Ludwigstraße wohnen. Alle sind Roma. Alle fühlen sich daheim in Serbien und dem Kosovo verfolgt und diskriminiert. Alle wollen daher anonym bleiben. Selbst wenn in Bamberg etwas über sie in der Zeitung steht, müssten sie im Fall ihrer Rückkehr um ihr Leben fürchten, sagten sie beim Pressebesuch.

"Very danke." Das galt der Reporterin. Der Mann wirkt dankbar, dass er und die anderen einmal darüber sprechen konnten, warum sie Asyl beantragt haben. Für die deutsche Politik gelten sie als Wirtschaftsflüchtlinge. Das weisen sie zurück. Sie seien da, um angstfrei zu leben, geben sie zu verstehen.

Das Gespräch hat die Initiative "Freund statt fremd" organisiert. Am Tisch in der Gemeinschaftsküche sitzen mit Marina Gnjatovic, die serbisch spricht und übersetzt, auch Manuela Thomer und Sylvia Schaible von "Freund statt fremd". Die drei Frauen berichten, dass am Dienstag die ersten Abschiebungsbescheide bei den Familien eingegangen sind.

Eine Schwangere mit drei Kindern

Zu denen, die als erste zurückkehren sollen, gehören eine im siebten Monat schwangere Frau und ihre drei älteren Kinder. Die sollten nächste Woche eingeschult werden. Mit einer einstweiligen Verfügung versucht die Initiative, die Aufschiebung der werdenden Mutter wenigstens bis nach der Geburt hinauszuzögern. Ihr Ehemann hat die Ausweisung noch nicht erhalten; er rechnet aber täglich damit.

Die Frauen und Männer zwischen 21 und 43 Jahren reden aufgeregt durcheinander, sodass die Dolmetscherin kaum nachkommt. Sie übersetzt und erklärt, dass die Familien in ihren Herkunftsländern allein durch ihre Nachnamen gebrandmarkt seien. Daran seien sie klar als Roma zu identifizieren. Roma würden isoliert, diskriminiert, geschlagen, benachteiligt. Es sei nicht die Armut, die sie in die Fremde treibt.

Einer erzählt, dass er als Tagelöhner gearbeitet hat und von seinem "Chef" absichtlich angefahren und verletzt worden sei, weil er für seine Arbeit Geld haben wollte. Der andere habe ihm klar gemacht, dass "Zigeuner" nichts bekämen.

Von Polizisten verprügelt

Der Mittdreißiger schildert einen anderen Vorfall. Er und seine Frau wurden demnach von einem hochrangigen Polizisten geschlagen, weil sie nicht hinnehmen wollten, dass dieser und sein Sohn eines ihrer Kinder prügelte. Roma hätten keine Chance, sich gegen solche Willkür zu wehren, betonen sie. Seine Frau zeigt eine große, schlecht verheilte Narbe am Arm. Die stammt nach ihren Worten vom Angriff des Polizisten und sollte im Krankenhaus ohne Narkose genäht worden sein. Auch als Patienten würden Roma diskriminiert.

Seit dem Balkankrieg sei die Lage für Roma-Familien noch schlimmer geworden, übersetzt Marina Gnjatovic. Hoffnung, dass sie in absehbarer Zeit zu Hause in Frieden leben könnten, hätten die Flüchtlinge nicht. Ihnen fehle der Rückhalt der Regierungen. Das Leben von Roma sei nichts wert. Eine Frau und ein Mann schildern den Tod eines 21-jährigen Landsmannes. Er sei von anderen einfach erschossen worden, weil er ihrer Aufforderung nicht nachkam, seine Sportschuhe, ein deutsches Fabrikat, auszuziehen.

Eine der Frauen bringt den freundlichen Empfang durch die Stadt zur Sprache, als sie am 31. Oktober aus Zirndorf ankamen. Der Oberbürgermeister persönlich habe sie begrüßt. Die nette Aufnahme weckte bei ihr die Hoffnung, bleiben zu können. Nur zwei Wochen später hätten ihre beiden volljährigen Kinder als erste der Familie die Aufforderung bekommen, die Bundesrepublik zu verlassen.

Lieber arbeiten als Geld vom Staat

Über Deutschland haben unsere Gesprächspartner gehört, dass die Leute freundlich und nett seien. Sie versichern, dass sie ihren Lebensunterhalt hier lieber selbst verdienen würden als Geld vom Staat zu beziehen. Die Männer geben auf Frage handwerkliche Berufe an. Eine Ausbildung könnten junge Roma in ihren Heimatländern machen, gute Arbeit bekämen sie aber nicht.

Mit der Unterkunft, in der jede Familie ein großes Zimmer hat, wirken alle sehr zufrieden. Man scheint gut miteinander auszukommen. Müssen sie zurück, hätten sie vermutlich nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf. Der Mittdreißiger jedenfalls glaubt, dass seine Behausung schon abgefackelt wurde.

Flüchtlinge Seit 31. Oktober beherbergt die Stadt vier neue Flüchtlingsfamilien aus Balkanländern. Sie sind in der Ludwigstraße untergebracht und sprechen kaum deutsch.

Freund statt fremd So nennt sich ein offener Zusammenschluss vieler Freiwilliger, die versuchen, den Asylbewerbern in allen Alltagsfragen zu helfen.

Sprachproblem Für ihre ehrenamtliche Arbeit mit den Familien aus Serbien und dem Kosovo sucht die Initiative "Freund statt fremd" dringend Bürger, die deutsch und serbisch sprechen. Sie werden zur gegenseitigen Verständigung benötigt, zum Übersetzen von Behördenschreiben sowie als Begleiter bei gelegentlichen Terminen. Der Einsatz richtet sich nach den Möglichkeiten.

Patenschaften Gesucht werden auch Bambergerinnen und Bamberger, die Patenschaften oder Teilpatenschaften für die Familien übernehmen.

Kontakt Interessenten schreiben entweder eine E-Mail an lena@freundstattfremd.de oder melden sich unter der Telefonnummer 0951/18301716.

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