Bamberg

Asylbewerber-Kinder: Unterricht in Übergangsklassen in Bamberg

Derzeit sind rund 100 Kinder aus Flüchtlingsfamilien in Stadt und Landkreis schulpflichtig. Sie werden in Grundschulen und so genannten Übergangsklassen unterrichtet. Das hat schon mal mit Obst, Händen und Füßen zu tun.
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Verständigung durch Zeigen und Nachmachen: Die Lehrer Juliette Kemmer, Vally Ölschlegel und Benno Hoch (von links) bereiten Obstsalat mit den Kindern von Asylbewerbern zu. Foto: Ronald Rinklef
Verständigung durch Zeigen und Nachmachen: Die Lehrer Juliette Kemmer, Vally Ölschlegel und Benno Hoch (von links) bereiten Obstsalat mit den Kindern von Asylbewerbern zu. Foto: Ronald Rinklef
Heute gibt es Obstsalat an der Erlöserschule. Lehrerin Juliette Kemmer hält mit der einen Hand eine Banane hoch, mit der anderen zeigt sie drauf. Langsam und deutlich fragt sie: "Was ist das?" Ein paar Schüler schauen schüchtern, doch von einem Jungen aus der hinteren Reihe kommt prompt "Ba-naaa-neee".

Juliette Kemmer hebt sogleich eine Birne. Gleiches Spiel nochmal. Ihre Kollegin Vally Ölschlegel zeigt den zuschauenden Kindern dann, wie man einen Apfel in kleine Schnitze schneidet, das Kernhaus entfernt. Danach wird's ernst: Die Kinder sollen sich das "Werkzeug" für den Obstsalat aus den Schubladen holen und loslegen. Förderlehrer Benno Hoch hilft dabei, gibt Anweisungen.

Die Lehrer arbeiten mit Schülern, die wenig bis gar kein Deutsch verstehen. Manche müssen erst die lateinische Schrift lernen, sie schreiben arabisch oder kyrillisch. Sie kommen unter anderem aus Syrien, der Ukraine oder Armenien.
Es sind die Kinder von Asylbewerbern, derzeit 16 an der Erlöserschule.

"Drei Monate nach ihrer Einreise werden die Kinder schulpflichtig. Sie werden aber bereits vorher in Schulen aufgenommen, wenn die Eltern sie anmelden", erklärt Franz Eibl aus dem Schulreferat der Stadt Bamberg.
In Stadt und Landkreis werden derzeit insgesamt rund 100 Flüchtlingskinder unterrichtet. Die Kleineren gehen zusammen mit einheimischen Kindern in Grundschulklassen. Für die älteren wurden so genannte Übergangsklassen eingerichtet, in denen gezielt Deutsch unterrichtet wird. "In diesen Klassen werden Kinder von der fünften bis zur neunten Jahrgangsstufe beschult", sagt Schulamtsdirektorin Barbara Pflaum.

Dabei handelt es sich aber nicht um Klassen, die ausschließlich aus Flüchtlingskindern bestehen. "Die Übergangsklassen gibt es für alle frisch einreisenden Kinder", erklärt die Schulamtsdirektorin.

Gaustadt: erste Übergangsklasse

Dann werden sie vielleicht von Simone Pelikan unterrichtet. Sie ist Lehrerin an der ersten Übergangsklasse Bambergs an der Gaustadter Schule. Die 20 Kinder in ihrer Klasse stammen aus Italien, Brasilien, Rumänien, Armenien, dem Kosovo, der Türkei, Griechenland, Bosnien, Kamerun, Ungarn, Spanien, Russland, Amerika und Syrien.

Noch reichen die Sprachkenntnisse der Zehn- bis 16-Jährigen nicht aus, um sich zu äußern, warum sie nach Deutschland gekommen sind. "Langsam fangen sie aber an, sich zu öffnen. Einige Kinder sind möglicherweise traumatisiert, deshalb braucht es Zeit und Taktgefühl, bis sie es verbalisieren können", berichtet Simone Pelikan. Und Barbara Pflaum sagt: "Wir müssen eine Form von Geborgenheit vermitteln."

Ziel der Übergangsklassen ist es, dass die Kinder irgendwann soweit dem Unterricht folgen können, dass sie in die Regelklasse wechseln - zumindest in Bamberg. Anders geht man beispielsweise in Scheßlitz vor. Dort gibt es das Format "Förderband". Dabei bleiben ausländische Kinder generell in den Regelklassen, bekommen aber zwei Stunden täglich intensiv Deutsch-Unterricht, wie die Schulamtsdirektorin erklärt.

Doch auch in den Übergangsklassen in Bamberg wird nicht den ganzen Tag Deutsch gepaukt. "Das hält kein Kind durch", sagt Eugen Kügler, Schulleiter der Erlöser-Mittelschule. Unterrichtet wird der Nachwuchs zum Beispiel in Sachkunde, Mathe, Kochen und Sport - wobei etwa Schülerinnen aus Syrien einfach mit Kopftuch turnen.

Etwas verrenken müssen sich allerdings auch die Schulen - auf der Suche nach Lehrkräften, die Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache unterrichten können. "Wir hoffen, dass wir von der Uni zusätzlich junge Lehrer in diesen Fächern bekommen", sagt Barbara Pflaum. Glücklicherweise gebe es in Bamberg auch noch Lehrkräfte, die in den 70er und 80er Jahren in Klassen für die Kinder türkischer Arbeitnehmer unterrichtet hätten.

Und es gab die "Förderschule für junge Aussiedler" am Jakobsberg. Dort hat auch Juliette Kemmer 15 Jahre lang gearbeitet. "Gott sei Dank haben wir unsere Materialien aufgehoben!", sagt sie.
 
Betreuer und Ehrenamtliche

Apropos Materialien: Mit solchen statten unter anderem Betreuer und ehrenamtliche Helfer die Kinder vor ihrem ersten Schultag aus. Überhaupt sind Eugen Kügler, Juliette Kemmer und Simone Pelikan voll des Lobes für die Vielzahl an Ehrenamtlichen in der Stadt und im Landkreis, die an dieser Stelle nicht alle genannt werden können. "Sie sind so engagiert! Zum Beispiel übernehmen sie Nachmittagsbetreuung oder ziehen auch mal ein paar Leute raus und geben Nachhilfe", erläutert Simone Pelikan.

Manche müde im Unterricht

Auch Bürgermeister und Schulreferent Christian Lange unterstützt die Bemühungen um eine Integration der Kinder, wie Franz Eibl aus dem Schulreferat mitteilt.

Lehrerin Juliette Kemmer spricht allerdings noch einen anderen Punkt an: Wie ihr berichtet worden sei, gebe es in einer Asylbewerber-Unterkunft keine Türen in den Wohnungen. Manche Schüler kämen müde in den Unterricht, weil die Nachbarn schon früh morgens laut beten würden. "Und meine Syrerinnen können nie ihr Kopftuch abnehmen, weil es keine Privatsphäre gibt. Am Anfang hat sie die Mutter hinterm Vorhang versteckt."

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