Bamberg
Asylbewerber

Asyl: Kann Zaira in Bamberg bleiben?

Einen Riesenspaß hatten Kinder aus verschiedensten Ländern bei einem Handpuppen-Bastelprojekt, das in Bamberg im Oktober anlief. Dabei sehen sie mit ihren Eltern einer ungewissen Zukunft entgegen: als Asylbewerber. Mit dem Mut der Verzweiflung verließen die Familien ihre alte Heimat.
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Zaira mit dem Stoff, aus dem das Gewand ihrer "Märchenbraut" entstehen soll Foto: Ronald Rinklef
Zaira mit dem Stoff, aus dem das Gewand ihrer "Märchenbraut" entstehen soll Foto: Ronald Rinklef
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Schon vom Hauseingang her hört man das Lachen der Kinder, das aus dem Keller dringt. In der Waschküche rattern zwei Nähmaschinen. An einer arbeitet Zaira gerade am Kleid einer Stoffpuppe, aus der einmal die Märchenbraut werden soll: "Ihr Name? Na, Arabella", erklärt die Elfjährige. Nahezu perfekt ist das Deutsch der Schülerin, die mit ihrer Familie vor eineinhalb Jahren aus Inguschetien kam. Inzwischen hat Zaira in Bamberg viele Freundinnen wie beispielsweise Selin, mit der sie sich am frühen Nachmittag traf - noch vor Beginn des Workshops "Puppet Factory". Jetzt knöpft sich die Elfjährige aber wieder "Arabella" vor, deren Gesicht ohne Augen und Mund noch recht ausdruckslos ist.

"Hier sind immer so viele Kinder. Das ist total lustig", sagt Zaira, während weitere Teilnehmer eintrudeln.
Seit Ende Oktober treffen sich einmal wöchentlich rund 15 Mädchen und Jungs in der Waschküche der Gemeinschaftsunterkunft, in der sie mit Eltern und Geschwistern leben. Abwechslung bringt die "Puppet Factory" Asylbewerbern aus diversen Ländern, die ihre Heimat aus unterschiedlichsten Gründen mit dem Mut der Verzweiflung verließen. "Schlimm ist für all die Menschen das Warten - das Warten darauf, ob ihnen Asyl gewährt wird oder eben nicht. Manche warten über mehrere Jahre", sagt Claudia Atzkern von der Flüchtlingsberatung der Caritas. So möchten die Initiatoren Kindern über Offerten wie die "Puppet Factory" Ablenkung bieten: Eine kreative Freizeitaktivität, wie sich Gisa Stich als stellvertretende Geschäftsführerin des Instituts für innovative Bildung (IfiB) ausdrückt, das das Projekt in Kooperation mit der Caritas, der Initiative "Freund statt fremd", der AWO und "Kultur macht stark" durchführt. Über zehn Wochen liefen die Treffen, bei denen Kinder zwischen 10 und 16 Jahren zu Puppendesignern wurden. "Nach den Weihnachtsferien würden wir gerne ein kleines Theaterstück aufführen", sagt Gisa Stich. Bis dahin aber müssten alle Märchenbräute, Prinzessinnen und anderen Protagonisten, an denen die Kinder noch eifrig werkeln, fertig sein. Und so mancher hinkt dem Zeitplan hinterher, nachdem's im Waschraum immer recht turbulent zuging.

Sprachgenie Nedim

Ja, die Jungs und Mädels haben sichtlich Spaß. Auch Nedim, der gerade einen Platz an der Nähmaschine eroberte, während seine beiden Freunde neben ihm warten. Aus Mazedonien kommt der 14-Jährige, der die Erlöserschule besucht. Ob es ihm anfangs schwer fiel, dem Unterricht mit geringen Deutschkenntnissen zu folgen, wollten wir von Nedim wissen: "Nö, kein Problem. Ich kann inzwischen übrigens auch Serbisch und Kroatisch": Sprachen, die der 14-Jährige in der Gemeinschaftsunterkunft an der Breitenau lernte, nachdem hier Menschen aus über zehn Ländern leben, die alle einer ungewissen Zukunft entgegen sehen.

"Meine Freundin ist weg, sie musste zurück", sagt Liridona, die am rot-blau-lila Kleid ihrer Puppe näht. Traurig ist die Achtjährige nach dem Abschied von der Kleinen, deren Eltern sich zur Heimkehr entschlossen. "Ich weiß ja auch nicht, ob wir bleiben dürfen. Und ich möchte doch so gerne bleiben", meint Liridona, die vor zwei Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland kam. "Wir haben in unserer Heimat keine Arbeit gefunden, alles war hoffnungslos", berichtet ihre Mutter, die gerade in die Waschküche kam, wo mittlerweile obendrein eine Waschmaschine rumpelt. Ein besseres Leben möchte auch die Kosovarin ihren Kindern bieten und verzweifelt über dem Gedanken, dass alles doch anders kommen könnte.

"Jetzt brauch' ich noch eine Krone für meine Puppe", sagt Liridona. Eine weitere Prinzessin unter den gekrönten Häuptern und anderen Märchenfiguren, die einmal den Keller der Gemeinschaftsunterkunft verlassen, um die Kinder auf ihrem weiteren Weg zurück in die alte Heimat oder doch ein neues Leben in Deutschland zu begleiten.
Wie sehr hofft darauf auch Zairas Mutter, die vor der Gewalt floh, die sie in Inguschetien erlebte - auf offener Straße. Eine zierliche Frau, die mit ihren fünf Kindern auf das alles entscheidende Schreiben wartet. Sprachprobleme hat Maria D. (Name geändert) mittlerweile kaum mehr - nach entsprechenden Deutschkursen. "Im Februar beginne ich Praktika, auch als Altenpflegerin - schließlich möchte ich hier so gerne arbeiten und für meine Familie sorgen", sagt die 36-Jährige. Stolz ist sie auf ihre älteste Tochter, die ein Bamberger Gymnasium besucht und irgendwann Abi machen könnte. Aber ob sich dieser Wunsch erfüllt, steht wie bei allen Asylsuchenden in den Sternen.



Kommentar: Hoffnung

Wie verzweifelt war Maria D. (Name geändert), als sie sich entschied, ihre Heimat zu verlassen: Inguschetien, wo die 36-Jährige so viel Gewalt erlebte, dass sie in ein fremdes Land floh. Von all ihren Freunden und Verwandten verabschiedete sich die fünffache Mutter ihren Kindern zuliebe. Welche Zukunftsaussichten hätten gerade die Mädchen auch in der Kaukasus-Republik, während sie in Deutschland ihre Lebensträume verwirklichen könnten. Maria D.s älteste Tochter besucht in Bamberg schon ein Gymnasium. Wird sie hier aber tatsächlich ihr Abi machen können? Schließlich hängt ein Damoklesschwert über der Zukunft der sechsköpfigen Familie.

Warten auf den Bescheid - die ewige Ungewissheit lähmt Asylbewerber. Maria D. kämpft gegen die Angst an und lernte mittlerweile auch so gut Deutsch, dass sie in Kürze Praktika beginnen kann, um Altenpflegerin zu werden. Altenpfleger werden in Deutschland gesucht - "und ich würde doch so gerne in dem Beruf arbeiten", sagt die 36-Jährige. Ebenso könnte sie sich eine Tätigkeit in der Gastronomie oder Hotellerie vorstellen, um ihren Kindern die Chance auf eine bessere Zukunft zu bieten.

Engagierte Zuwanderer braucht unser Land, um seinen Wohlstand zu halten. Ist es vermessen, sich darum kurz vor Weihnachten zu wünschen, dass Familien wie die Familie von Maria D. bleiben? Ich jedenfalls hoffe, dass sich weitblickende Menschen dafür einsetzen.

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