Bamberg
Asyl

Arians Alltag im Anker-Camp

Ein Dolmetscher aus dem Iran, der seit über einem Jahr in der AEO lebt, führt über das Gelände und spricht von seinem Alltag.
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Eine Demonstration vor dem Ankerzentrum in Bamberg anlässlich einer bayernweiten Aktionswoche im Mai. Barbara Herbst/Archiv
Eine Demonstration vor dem Ankerzentrum in Bamberg anlässlich einer bayernweiten Aktionswoche im Mai. Barbara Herbst/Archiv
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Arian Baraheni (Name geändert) läuft über die breiten Straßen innerhalb der Ankereinrichtung Oberfranken (AEO) und zeigt auf Wohnblocks. "Da werden Drogen verkauft. Hier und da auch." Er wisse von den Dealern, weil einige seiner Freunde dort einkauften. Viele Bewohner seien süchtig. Baraheni habe dem Leiter der Einrichtung die Namen und Wohnorte der Dealer genannt. An diesem Dienstag sind vier Bewohner auf dem Gelände wegen Rauschgifthandels verhaftet worden. Nachts, wenn die Besucher das Gelände verlassen müssen, zeigten sich laut Baraheni die Folgen des Drogenkonsums: Lautes Grölen, Gewalt, Polizeieinsätze - "das ist Alltag hier."

Baraheni ist bekannt. Zwei Jungen, die sich über die Straße einen Fußball zupassen, ein älterer Herr im Anzug, eine Security-Angestellte und eine junge Mutter mit ihrer Tochter grüßen den Iraner. Baraheni hat in Teheran Englisch-Lehramt studiert, spricht Persisch und Türkisch. Er dolmetscht von sieben Uhr früh bis vier Uhr nachmittags in der Klinik und bei anderen Einrichtungen auf dem Gelände. Für 80 Cent pro Stunde. "Nach der Arbeit gehe ich so schnell es geht in die Stadt. Bloß raus hier, sonst wird man depressiv."

Angst vor Abschiebungen

Der UN-Ausschuss gegen Folter hat deutsche Ankerzentren kürzlich kritisiert: Die Freiheit der Bewohner sei eingeschränkt. Abschiebungen würden unter Zwang vollzogen. Baraheni besucht eine iranische Familie. Eine Freundin der zweifachen Mutter ist zu Besuch. Auf dem Tisch in dem kargen Aufenthaltsraum zwischen vier Wohnungen steht Tee und Gebäck. Die elfjährige Tochter spricht mit einem Nachbarsjungen. "Die Kinder reden über Abschiebungen", sagt die Mutter. Schließlich bekämen sie die Prozedur fast täglich mit.

"Die Polizei kam zu meiner Nachbarin, um drei Uhr nachts", erzählt die Freundin. Die Bewohner des Blocks seien vom Blaulicht geweckt worden. Vorhänge gibt es nicht. Die Frau habe den Beamten ihre Reiseunfähigkeitsbescheinigung gezeigt. Doch die Polizisten hätten den Ehemann zu Boden gedrückt und mit Handschellen gefesselt. Ein Security-Mitarbeiter habe den Arzt kontaktiert. Derweil drohte einer der Beamten: "Wenn Sie nicht mitkommen, nehmen wir Ihren Mann mit". Dieselbe Geschichte wurde auch Mirjam Elsel erzählt, Pfarrerin und Helferin bei "Freund statt Fremd". "Zum Glück hat die Frau ,Nein' gesagt und auf ihrem Recht beharrt", sagt Elsel. "Aber die Kinder, vier und sieben Jahre alt, mussten alles mitansehen."

Baraheni und die Frauen schweigen eine Weile. Dann schimpfen sie über das Kantinenessen. Nach Abzug einer Pauschale für Shuttlebus und Kantine blieben Einzelnen 100 Euro im Monat, Familien knapp 350 Euro. "Die meisten kaufen auf dem Markt ein, sobald sie Geld bekommen", sagt Baraheni. Wegen des Brandschutzes dürfen die Bewohner nicht selbst kochen. Trotzdem stünden überall Kochplatten. "Ab und zu werden sie konfisziert. Aber die Leute kaufen sich einfach neue", erzählt Baraheni. "Wir müssen irgendetwas tun, um uns abzulenken", meint die Mutter. "Putzen, kochen, mit den Kindern spielen. Irgendwas." Die Regierung von Oberfranken teilt mit, dass bald Kochcontainer auf dem Gelände aufgestellt werden.

Baraheni verabschiedet sich und setzt die Tour fort. An der Bushaltestelle bildet sich eine Menschentraube. Alle werden nicht hineinpassen. Die Straße in der Mitte des Geländes, auf der der Bus die AEO verlässt, ist von beiden Seiten eingezäunt. Hier sei es einmal zu einer Massenabschiebung gekommen. Die Tore seien dicht gemacht, der Zaun von Security umzingelt, der Bus von Polizisten durchkämmt worden. "Die Situation war bedrohlich, die Leute waren panisch", sagt Baraheni. Dann läuft er mit schnellen Schritten weiter, bis der Zaun außer Sichtweite ist.

Angst vor Diebstahl und Gewalt

Der Iraner trägt wichtige Dokumente stets bei sich, denn die Zimmer sind nicht abschließbar. "Es soll sichergestellt sein, dass Sicherheits- und Einsatzkräfte jederzeit in die Unterkünfte gelangen können", begründet die Regierung. Neben seiner Geburtsurkunde hat Baraheni auch Fotos bei sich, auf denen sein blaugeprügelter Rücken zu sehen ist. Der orthodoxe Christ habe in einem Dorf bei Teheran ein Weihnachtsstück aufgeführt. Die Polizei sei gekommen und habe die Schauspieler verprügelt. Die Angst vor Gewalt gegen Christen sei der Grund, warum Baraheni den Iran verlassen habe.

Seit 2017 werden immer wieder Vorwürfe laut, dass Sicherheitsangestellte gewalttätig gegen Bewohner vorgehen würden. Einige Rechtsradikale sollen sich in einem Forum mit ihren Taten gebrüstet haben. Die Bamberger Linke Liste fordert deswegen die Entlassung der Sicherheitsfirma "Fair Guards". Baraheni habe einzelne Mitarbeiter beobachtet, die aggressiv vorgehen würden. "Manche sind aber auch in Ordnung", kommentiert er.

Der wichtigste Ort

Im Block, in dem die Zentrale Ausländerbehörde (ZAB) untergebracht ist, starrt ein junger Mann stirnrunzelnd auf Zettel an der Pinnwand. "Der wichtigste Ort im Camp", erklärt Baraheni. Denn hier stehen die Namen derer, die Post bekommen haben. Alle Sehnsüchte und Ängste konzentrieren sich auf den Holzkasten mit der Glasfront. "Denn es kann alles sein: Ein Brief aus der Heimat, vom Anwalt, die Ankündigung einer Abschiebung oder der positive Asylbescheid." Die meisten Bewohner besuchten die Pinnwand jeden Morgen mit Herzklopfen auf dem Weg zum Frühstück in die Kantine. Nach dem Essen holten die meisten ihre Briefe ab, besuchten wenn möglich Deutschkurse. Nach dem Mittagessen gingen sie entweder in die Stadt oder zu der Wiese, auf der es Wlan-Empfang gibt. Etwa 50 Personen sind gerade dort. Manche telefonieren mit ihrer Familie, andere vertreiben sich die Zeit mit Videospielen.

Bahareni lebt seit 13 Monaten in der AEO. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt laut Regierung bei vier Monaten. Ankerzentren wurden von der Großen Koalition auf den Weg gebracht, weil sie durch die Konzentration aller zuständigen Behörden für schnellere Verfahren sorgen sollen. Das Konzept wurde von den meisten Bundesländern nicht übernommen. Schon im Vorfeld ist die schnellere Abwicklung der Asylanträge von Sozialwissenschaftlern bezweifelt worden. Auch die Helferin Mirjam Elsel glaubt nicht daran.

Zwar bleibt fast die Hälfte der Bewohner nur bis zu vier Monaten in der AEO, doch gibt es auch einige Fälle, bei denen es bis zu zwei Jahren dauert. "Ankerzentren isolieren Menschen und förderten strukturelle Gewalt", meint Elsel. "Das wirkt sich auf die Psyche aus. Je länger, desto schlimmer. Und wer rauskommt, muss resozialisiert werden." Die Regierung von Oberfranken und der Leiter der Einrichtung seien zwar für Anregungen seitens der Helfer offen und es habe sich viel verbessert. "Aber Ankerzentren sind grundsätzlich abzulehnen." Besonders Kinder seien gefährdet. In einigen Blocks sei es nachts laut, es werde getrunken und geraucht. 259 Kinder und Jugendliche leben in der AEO.

Der schönste Ort

Etwa 100 Ehrenamtliche wie Elsel kommen täglich auf das Gelände. Am Nachmittag wird eine Fahne mit der Aufschrift "Café Willkommen" an einem Balkon angebracht. "Freund statt Fremd" hat hier einen Ort der Ruhe geschaffen, wo sich die Bewohner bei einer Tasse Kaffee oder Tee ihre Probleme von der Seele reden und beraten lassen können. Auch Deutschkurse und Nachhilfe bieten die Helfer an. "Der einzige schöne Ort im Camp", sagt Baraheni.

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