Bamberg
Wirtschaft

Arbeiten auf engstem Raum

Bamberg hat relativ viele Gewerbeflächen - nur keine greifbaren. Die Nachfrage könne nicht gedeckt werden, sagt die Stadt. Größten Bedarf haben Logistiker.
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Foto: Ronald Rinklef
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Die Frage ist ein Politikum: Wie viele Gewerbeflächen braucht Bamberg? In der hitzigen Diskussion um den umstrittenen Gewerbepark Geisfelder Straße kämpfen Gegner und Befürworter um die Deutungshoheit: Die Stadtratsmehrheit betont, Bamberg könne die Nachfrage nach Gewerbeflächen nicht bedienen. Die Bürgerinitiative "Für den Hauptsmoorwald" bemüht Statistiken, um zu zeigen, dass Bamberg im Vergleich zu anderen Städten viele Gewerbeflächen hat. Bei einem Blick auf die Zahlen wird klar: Beide haben Recht. Bamberg hat viele Gewerbeflächen. Die sind aber meist kleinteilig und nicht auf die Schnelle greifbar. Die Bedarfsanalyse macht außerdem klar: Die größte Flächennachfrage kommt aus der Logistikbranche.

Das Bayerische Landesamt für Statistik gibt Auskunft über das Ausmaß der Gewerbeflächen bezogen auf die Gesamtfläche einer Stadt. Dabei schneidet Bamberg stark ab. Nicht nur lässt die Stadt die fränkischen Nachbarn Bayreuth, Coburg und Erlangen hinter sich, sondern auch das von der Einwohnerzahl ähnlich große Landshut und Aschaffenburg. Bamberg landet sogar auf Platz 1.

Für die Bürgerinitiative ist das ein deutliches Zeichen, dass Bamberg schon jetzt genug Gewerbeflächen hat. Die müssten nur besser genutzt werden. "Wir sehen die Notwendigkeit für Gewerbeeinnahmen für die Stadt Bamberg. Wichtig ist hierbei jedoch, dass brachliegende und schon versiegelte Flächen reaktiviert werden und diese für Gewerbe nutzbar gemacht werden."

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) sieht das anders: "Unstrittig ist, dass die derzeitig zur Verfügung stehenden Flächen für die Gewerbebetriebe in Bamberg nicht ausreichen und schon jetzt ein Mangel an nutzbaren Gewerbeflächen herrscht", sagt IHK-Präsidentin Sonja Weigand. Unabhängig von der räumlichen Verortung müsse man sich im Klaren sein, dass eine erfolgreiche Wirtschaft ohne Flächennutzung dauerhaft nicht möglich sei.

Wie kommen die zwei Lesarten zustande? Auch Ruth Vollmar kennt die Statistik. Als Leiterin der städtischen Wirtschaftsförderung hat sie einen Überblick: Die Zahlen korrespondierten demnach mit der hohen Zahl der berufstätigen Einpendler nach Bamberg, was die Bedeutung der Unternehmen und Arbeitsplätze in Bamberg für die gesamte Region unterstreiche. Vollmar betont aber, dass auch andere Zahlen bei der Bewertung eine Rolle spielen: Dem hohen Anteil gewerblicher Nutzung bei den Bestandsflächen stehe die zweitkleinste Gebietsfläche (nach Coburg) und die große Einwohnerzahl gegenüber. Kurz gesagt: Bamberg ist relativ dicht und wird zunehmend dichter. Der Spielraum für Wirtschaftsansiedlungen wird dadurch erschwert. Potenzielle Gewerbegebiete seien in der Vergangenheit für das Problemthema Wohnen herangezogen worden: Als Beispiele nennt Vollmar die ehemaligen Industriebrachen Schaeffler, Glaskontor oder Erba.

Das Fazit der Wirtschaftsförderung: "Derzeit gibt es keine nennenswerten ansiedlungsbereiten Flächen im Stadtgebiet Bamberg, das heißt wir können größere Anfragen zu Neuansiedlungen, Erweiterungen oder Verlagerungen von Unternehmen aktuell nicht bedienen."

Die Zahlen sind das eine - die dahinterstehenden Flächen das andere. Im Bestand gibt es durchaus größere zusammenhängende Areale. Hier haben sich bereits die großen Betriebe angesiedelt: Bosch, Brose, Wieland, mit Flächen von bis zu 24 Hektar. Was noch frei ist, beschreibt die Stadt als kleinteilig und in Privatbesitz. Kurz- und mittelfristig nicht greifbar. Neben dem Muna-Gelände gilt das Gebiet der Mainauen nördlich der B 26 als Erweiterungsoption. Hier jedoch sieht sich die Stadt wegen des Hochwasserschutzgebiets, des Ökosystems und der komplizierten Eigentumsstrukturen enormen Schwierigkeiten ausgesetzt.

Kurzum: Wenn eine Firma im Rathaus anklopft und nach einer Fläche fragt, hat die Stadt laut eigener Aussage nichts in der Hinterhand, was sie anbieten kann.

Das führt zur nächsten Frage: Wie groß ist die Nachfrage? "Bei der Wirtschaftsförderung sind derzeit insgesamt 85 Unternehmen registriert, die kurz- bis mittelfristig insgesamt rund 70 Hektar Gewerbeflächen in Bamberg benötigen", antwortet Stadtsprecherin Ulrike Siebenhaar. Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) betont immer wieder, wie es ihn schmerze, Firmen abweisen zu müssen.

Eine Bedarfsanalyse des Büros Donato Acocella (2016) nennt ein Flächendefizit für das Gewerbe bis 2025 von 66,3 Hektar. Mit Abstand die größte Nachfrage nach Fläche hat die Logistikbranche (29,3 Hektar). "Sofern der Großhandel dem Bereich Logistik mit hinzugerechnet wird, beträgt der Flächenbedarf bis 2025 sogar rund 34,1 Hektar, was mehr als der Hälfte des gesamten Flächenbedarfes entspricht", fasst das Büro aufgrund der Befragungen zusammen. Einen hohen Anteil verzeichnet zudem mit rund 17,3 Hektar das verarbeitende Gewerbe. Die übrigen Betriebsgruppen liegen mit bis zu sieben Hektar deutlich niedriger.

Kommentar des Autors:

Bloß keine Logistiker! Wie ein Schreckgespenst geistert der Begriff seit Monaten durch die Debatten über den Gewerbepark Geisfelder Straße.

Die Befürworter aus dem Stadtrat betonen gerne, dass niemand riesige, fensterlose Blechhallen auf dem ehemaligen Muna-Gelände wolle. Je größer der Druck der Bürgerinitiative wurde, desto blumiger die Beschreibungen für das geplante Bamberger Silicon Valley. Ziel sei ein "grüner Gewerbepark", erklärten Vertreter mehrerer Fraktionen im Stadtrat. Start-Ups könnten sich dort ansiedeln, war zu hören. Und immer wieder: Bloß keine Logistiker!

Die Bedarfsanalyse des Büros Donato Acocella aus dem Jahr 2016 - von der Stadt als Grundlage der Bewertungen genutzt - kommt aber zu dem eindeutigen Ergebnis: Größte Nachfrage nach Flächen hat die Logistikbranche. Das ist an sich keine Überraschung. Die besten Start-Ups kamen in der Vergangenheit mit einer Garage aus. Und selbst große IT-Dienstleister brauchen zwar große Datenmengen, aber relativ wenig Platz. Nicht so die Logistikbranche. Hier geht es um Volumen. Wer also den unstrittigen Bedarf an Gewerbeflächen als Argument heranführt, der muss auch nennen, wer Bedarf anmeldet.



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